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Unfrieden um den Bautzener Frieden

Gleich zwei Veranstaltungen werden am 30.  Januar an den Friedenspakt vor 1 000 Jahren erinnern. Beide vereint der Anlass. Mehr aber auch nicht.

© picture alliance / dpa

Von Sebastian Kositz

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Bautzen. Für einen Augenblick ist Bautzen Bühne der ganz großen Weltpolitik. Am 30. Januar 1018 schließen zwei Großmächte des Mittelalters auf der Ortenburg einen Friedensvertrag. Eineinhalb Jahrzehnte hatten sich Kaiser Heinrich II. und der polnische Herrscher Boleslaw Chrobry I. bekriegt. Die Region war der Schauplatz eines Konflikts, in dem es um weit mehr als nur das Territorium der heutigen Oberlausitz geht. Mit dem Frieden von Bautzen wurden wichtige Weichen der deutsch-polnischen und europäischen Geschichte gestellt. Das Ereignis liegt zwar lange zurück – sorgt nun in Bautzen, 1000 Jahre später, aber für Unfrieden.

Anlässlich des Jubiläums möchte die Stadt gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft, Kultur und Kirche mit einem Festjahr und etlichen Veranstaltungen an das Ereignis erinnern. Der Auftakt ist am 30. Januar im Burgtheater geplant. Doch nicht nur auf der Burgbühne steht am Jahrestag der Frieden im Mittelpunkt. Zeitgleich wird im Haupthaus des Theaters der „Bautzner Friedenspreis“ verliehen. Die beiden Veranstaltungen eint zwar der Anlass – sehr viel mehr allerdings auch nicht. Stattdessen gehen die Stadt und ihre Partner öffentlich auf Distanz zu der Veranstaltung im Theater – mit teils sehr deutlichen Worten.

Vergeben wird der Friedenspreis durch den Verein „Bautzner Frieden.“ Der Verein hat sich eigenen Angaben zufolge 2014 gegründet, ging aus den Montagsmahnwachen auf dem Kornmarkt hervor. Der Verein stehe in der Tradition des Friedensvertrags, betont Johannes Wenzel, der Vorsitzende des Vereins, der als gemeinnützig gilt, aber nicht eingetragen ist. Schon zweimal wurde der Preis vergeben, zuletzt am 30. Januar 2016. Nun sollen an dem geschichtsträchtigen Datum erneut zwei Personen geehrt werden – die, wie der Verein selbst, allerdings sehr umstritten sind.

Umstritten vor allem deshalb, weil aus dem Umfeld des Vereins und den Mahnwachen immer wieder Töne dringen, die am eigentlichen Anliegen zweifeln lassen, wie Kritiker meinen. Im Mai 2014 bekannte sich ein Redner auf einer Mahnwache offen als „Nationalsozialist“. Kurz zuvor hatte sich einer der Initiatoren noch über dessen Anwesenheit und die „seiner Jungs“ erfreut gezeigt. Vor zwei Jahren nannte auf Facebook ein Mitstreiter des Vereins das Bündnis Bautzen bleibt bunt den „größten Haufen, der aus der Not anderer Profit schlägt.“

Skepsis aus dem Rathaus

Genau das hat auch Steinhauschef Torsten Wiegel noch im Hinterkopf. Das Kulturzentrum arbeitet eng mit der Stadt zusammen, koordiniert maßgeblich die verschiedenen Veranstaltungen im Festjahr. Zwischen dem, was der Verein proklamiere und vielen Äußerungen gebe es eine gewisse Diskrepanz, sagt der Steinhauschef. Tatsächlich habe es Gespräche über eine mögliche Zusammenarbeit mit dem Verein gegeben. Die kam aber nicht zustande. „Wer die freiheitlich-demokratische Grundordnung infrage stellt, wo Beschimpfungen und rassistische Äußerungen Platz haben – das ist für uns kein Kooperationspartner“, erklärt Geschäftsführer Torsten Wiegel.

Die Kritik kommt aber keineswegs nur aus dem Steinhaus. Auch aus dem Rathaus ist Skepsis zu vernehmen. Bautzens Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) wolle den Verein nicht boykottieren, einige der Mitglieder seien aus seiner Sicht über jeden Verdacht erhaben. Die Auswahl der vom Verein Geehrten findet er allerdings „teilweise fragwürdig.“ Wenn einer vom Frieden spreche, gleichzeitig aber die Europäische Union, die den Mitgliedsländern eine lange Phase des Wohlstands und des Friedens gebracht habe, verteufelt werde, wundere er sich schon, so Alexander Ahrens.

Der OB nennt keinen Namen, gemeint haben dürfte er aber Rainer Rothfuß, der am 30. Januar neben dem Theologen Eugen Drewermann den Bautzener Friedenspreis erhalten soll. Rainer Rothfuß hatte in der Ukrainefrage massive Kritik an der EU und der Nato geübt, bei seinen Gegnern gilt er als Verschwörungstheoretiker.

Mit im Boot beim Veranstaltungsreigen der Stadt ist auch die evangelische Kirche. Dort meldet der Bautzener Pfarrer Christian Tiede Bedenken an. Die im Verein geäußerten Ansichten zum Frieden hält er für nicht ausreichend differenziert, unklar sei zudem, was sich da hinter der Friedensbotschaft der Bewegung alles tummle. Der Friedensschluss zu Bautzen sei ein vielschichtiges Thema: „Und diese Vielschichtigkeit erkenne ich bei der Veranstaltung im Theater nicht“, sagt Christian Tiede.

Der Verein Bautzner Frieden verwahrt sich allerdings gegen diese Kritik. „Zur Arbeit unseres Vereins können wir nicht erkennen, was daran anstößig sein soll“, sagt Johannes Wenzel, der auf weitere Veranstaltungen wie dem Kinderfest am 1. September 2017 und dem alljährlichen Friedenfest auf der „Platte“ verweist. An dem hatte 2016 unter anderem Oberbürgermeister Alexander Ahrens teilgenommen.

Bei den Preisträgern, so sagt Johannes Wenzel, könne er versichern, dass es sich um Menschen handelt, die sich sehr für den Frieden einsetzen. „Es kam uns das Gerücht zu Ohren, der Dr. Rainer Rothfuß sei ein Verschwörungstheoretiker. Menschen, die diese Ansicht verbreiten, haben sich nicht wirklich mit seinem Wirken auseinandergesetzt“, heißt es in einer Stellungnahme. Rainer Rothfuß werde dafür ausgezeichnet, dass er sich mit der Organisation der „Freundschaftsfahrt Druschba“ um ein friedliches Zusammenleben von Nachbarn ohne Vorurteile einsetze. „Wir denken, dass er als Mitglied der CSU auf dem Boden unserer Demokratie steht“, verteidigt Johannes Wenzel die Preisvergabe.