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Tellkamps Schießübungen

Sind die neuen Bücher von drei Loschwitzer Kulturhaus-Autoren Literatur oder politische Verlautbarungen?

Uwe Tellkamps neues Buch „Das Atelier“ thematisiert die Kunst, wenngleich politische Untertöne nicht zu überhören sind.
Uwe Tellkamps neues Buch „Das Atelier“ thematisiert die Kunst, wenngleich politische Untertöne nicht zu überhören sind. © dpa-Zentralbild

Von Michael Bittner

Das Dresdner Kulturhaus Loschwitz hat sich in den letzten Jahren in ein Begegnungszentrum der politischen Rechten verwandelt. Gerade durch dieses Gesinnungsmarketing trotzt es der allgemeinen Krise des Buchhandels. In der Reihe „Exil“ der „Edition Buchhaus Loschwitz“ sind soeben neue Bücher von Monika Maron, Jörg Bernig und Uwe Tellkamp erschienen, drei Künstler, die man getrost als Loschwitzer Kulturhaus-Autoren bezeichnen kann. Aber zeigen sich ihre Werke auch als Verlautbarungen einer politischen Kampfgemeinschaft?

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Jörg Bernig berichtet in seinem Essayband „An der Allerweltsecke“ von Reisen in östliche Nachbarländer. Er besucht Belgrad und Sarajewo, wandert in Schlesien und fährt in das Dorf, aus dem seine deutschböhmische Familie nach dem Zweiten Weltkrieg vertrieben wurde. Leider werden die Reisebeobachtungen immer wieder durch politische Tiraden abgewürgt.

Bernig weiß, noch bevor er etwas gesehen hat, schon genau, was er sehen will. Die Menschen, die er trifft, erscheinen nicht als Individuen, sondern als namenlose Vertreter jener „Identitäten“, von denen er geradezu besessen ist. Muslime werden umstandslos mit den historischen Osmanen identifiziert, um sie zu Feinden erklären zu können. Überall trifft Bernig auf die Spuren der Verwüstungen, die der entfesselte Nationalismus in Europa hinterlassen hat.​

Aber das bestätigt ihn nur in seiner Überzeugung, dass es Völker eben nicht miteinander aushalten – so als wären es die einfachen Leute und nicht die Eliten, die Kriege entfesseln. Der privilegierte EU-Bürger Bernig überschreitet mühelos alle Grenzen und fordert unterwegs, die Grenzen für arme Schlucker aus dem Süden zu schließen. Dabei hält sich der selbstgerechte Kleinbürger für einen kühnen Kritiker der Globalisierung: „Individualität, Zugehörigkeit, Volk – um diese drei Worte in einem Satz zu verwenden, muß ein deutscher Schriftsteller in der ideologisch geladenen, hochbrisanten Atmosphäre Deutschlands schon einmal vorsorglich den Stahlhelm aufsetzen.“ Man kann ihn sich bestens vorstellen, den Landser Jörg, der in Radebeul mit Stahlhelm am kampfumtosten Schreibtisch sitzt.

Muslime aus religiöser Bevormundung befreien

Auf einem völlig anderen literarischen Niveau bewegen sich die „Essays aus drei Jahrzehnten“, die Monika Maron unter dem Titel „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“ veröffentlicht. Anschaulich, sprachgewandt und humorvoll schreibt Maron über Themen wie das Altern, die weibliche Autorschaft oder die Heimat. Selbst ihre politischen Texte aus jüngerer Zeit wird nur der oberflächliche Leser der neurechten Demagogie zurechnen, die es aus Loschwitz auch zu hören gibt.

Maron sehnt sich nicht nach einer homogenen Volksgemeinschaft. Ihre Kritik am Islam speist sich trotz manch überschießender Polemik letztlich aus dem säkularen und universalistischen Geist der Aufklärung: „Es gibt nicht einen vernünftigen Grund, den unaufgeklärten Islam mit seinem Herrschaftsanspruch gegenüber dem Individuum und der Gesellschaft nicht zu kritisieren, sofern Muslime von uns als gleichberechtigte Menschen angesehen werden.“ Während Männer wie Björn Höcke den autoritären Islam schätzen, solange er nur Europa fernbleibt, möchte Maron die Muslime wie alle Menschen aus religiöser Bevormundung befreien – ein durchaus emanzipatorischer Ansatz.

Wer Uwe Tellkamps neues Buch „Das Atelier“ in der Hoffnung aufschlägt, ein politisches Pamphlet zu lesen, wird enttäuscht sein. Es handelt sich vielmehr um ein Buch über die Kunst, wenngleich politische Untertöne nicht zu überhören sind. Der Erzähler Fabian, der eine Reihe von Gesprächen mit Künstlern führt, gewinnt allerdings nie wirklich Gestalt, sofern man der Figur nicht den Autor Uwe Tellkamp unterschiebt.

Hang zur verquasten Geschwätzigkeit

Eine wirkliche Handlung oder Spannung entwickelt die Erzählung nicht. So wird die Lektüre zur Geduldsprobe, zumal der Autor seinem Hang zur verquasten Geschwätzigkeit und Bildungsprotzerei freien Lauf lässt: „Raumschiffe erscheinen aus Fremd-Orbiten, tanken am Dock namens Gegenwart, ziehen weiter zu Reagenzküsten, verwenden Stunden, die, da bei ihrem Lebendigen entdeckt, Klone oder Implantate sind, Massenspektrometer, Pheromon-Phiolen; Zentrale dieser Spaceshuttles scheint ein Labor zu sein.“

Hauptgesprächspartner ist Thomas Vogelstrom, der an den Dresdner Maler Hubertus Giebe erinnert, aber auch Züge von Johannes Heisig trägt. Mit bildungsbürgerlichem Furor wütet er gegen das kommerzielle und akademische „Kunst-Gesindel“, führt aber auch begeistert durch die Kunstgeschichte, natürlich besonders die „sächsische Tradition“.

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Der zweite wichtige Dialogpartner Martin Rahe ist unschwer als der Leipziger Maler Neo Rauch zu entziffern. Mit dem Erzähler ist er sich im Kampf gegen die vermeintliche Gesinnungsdiktatur der Linken einig: „Vor dem Mittagessen schießen wir mit Luftdruckpistolen auf Zielscheiben, denen Rahe die Gesichtszüge seiner Lieblingsfeinde gegeben hat.“ Warum solch kindische Künstlerkumpanei an die Öffentlichkeit treten muss, ist schwer zu verstehen. Käufer wird das Buch dennoch finden, wenn nicht aus ästhetischen Gründen, dann aus politischem Pflichtgefühl.

In der Edition Buchhaus Loschwitz erschienen sind: 

  • Jörg Bernig, An der Allerweltsecke, 160 Seiten, 19 €;

  • Monika Maron, Krumme Gestalten, vom Wind gebissen; 112 Seiten., 17 €; 

  • Uwe Tellkamp, Das Atelier, 112 Seiten, 17 €

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