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Das Wunder vor dem Abspann: Überleben Videotheken?

Deutschlands Videotheken siechen dem Ende entgegen. Aber sie müssen sich ihrem Schicksal nicht fügen.

Von Tobias Wolf
 9 Min.
In "seinem" Verein: Andreas Martin.
In "seinem" Verein: Andreas Martin. © Foto: Thomas Kretschel

So sehen die guten alten Zeiten aus. Neugierig beugen sich eine Frau und ein Mann über das Regal mit den Spielfilmklassikern. Dick und Doof, Lawrence von Arabien, Ben Hur und Charlie Chaplin gucken von den DVD-Hüllen zurück. Das Paar tuschelt, dann ziehen die beiden zum nächsten Regal, beratschlagen und stehen am Ende mit zwei DVD-Hüllen am Tresen von Andreas Martin. „Die würden wir gern mitnehmen“, sagt die Frau. Martin nickt, greift hinter sich, zieht die silbernen DVD-Scheiben aus einer Schublade und sagt: „Viel Spaß damit.“

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Die Szene aus Dresden-Striesen ist eine, die sich in Videotheken über Jahrzehnte täglich tausendfach wiederholte und doch nicht mehr normal ist, seit alle Welt Filme nur noch über das Internet abspielt. Kaum ein Geschäft wie der Filmverleih galt als eine solche Gelddruckmaschine, vor allem im Osten, der der Branche nach der Wende einen langen Boom und noch mehr Umsatz bescherte. Vorbei.

Einst große Ketten wie Video World schließen eine Filiale nach der anderen. Sieben Gehminuten entfernt im gleichen Stadtteil lässt sich das gerade besichtigen. Viele private Betreiber haben längst aufgegeben oder stehen kurz davor. Andreas Martin, schwarze Brille, grau-weiß-gestreiftes Hemd, ist einer von ihnen. Die Videothek gehörte ihm früher. „Wirtschaftlich ging es nur noch abwärts, da musste ich irgendwann eine Entscheidung treffen.“ Im Jahr 2000 gab es bundesweit 4500 kommerzielle Videotheken, Ende 2016 rund 900 und jetzt keine 600 mehr. Der Trend zeigt steil nach unten. Irgendwann in der nahen Zukunft wird da eine Null stehen.

Andreas Martins Kunden sind jetzt keine Kunden mehr, sondern Mitglieder und er ist kein Chef sondern Vorstandsmitglied des Vereins Filmgalerie. So hatte der 44-Jährige, der aus Geyer im Erzgebirge stammt, seine Videothek genannt. Die eigene Filmgalerie, das war mal Martins Traum, nachdem er eine Programmvideothek in Leipzig gesehen hatte, die fast nur auf Nischenfilme abseits des Massengeschmacks setzte.

Mit seiner damaligen Freundin hatte er sogar einen sonntäglichen Frühstücks-Film-Service ins Leben gerufen. DVDs und selbst gemachte Häppchen in einer Art Sushi-Box. Nur die Nachfrage blieb aus, nach eineinhalb Jahren war Schluss mit dem Frühstück. „Man muss verrückte Ideen haben und es einfach ausprobieren, auch wenn nicht alles klappt.“

Andreas Martin hat mit seiner Videothek harte Zeiten hinter sich. Mit ein paar Gleichgesinnten gelang die Rettung.
Andreas Martin hat mit seiner Videothek harte Zeiten hinter sich. Mit ein paar Gleichgesinnten gelang die Rettung. © Foto: Thomas Kretschel

Zehn Jahre lang hat er fast jeden Tag von früh bis spät Filme ausgegeben und wieder eingelagert. Zu Spitzenzeiten im Winter 1300 DVDs, im Sommer 900. Er konnte in den Jahren zwar fast keinen Urlaub machen, aber gut davon leben. Im Jahr vor der Schließung waren es in manchem Monat nur noch 100.

Der Boden mit der dunklen Holzoptik, die Regale, der Holztresen, dessen Vorderseite an eine alte Filmrolle erinnert – alles ist so, wie am Eröffnungstag. An der Hintertür hängt noch das Filmplakat eines James-Bond-Streifens. Im Kinderfilmregal liegen Klassiker wie Erich Kästners Fliegendes Klassenzimmer, Anton und Pünktchen, Biene Maja oder der DDR-Film Alfons Zitterbacke. Um die Ecke gibt es ein Regal mit Filmen zur DDR oder was Regisseure sich darunter vorstellten: Goodbye Lenin, Das Leben der Anderen, Der Turm. Ein paar Meter weiter heißen die Aufschriften „Der besondere Film“ oder „Französische Filme“.

An den Kinderfilmen geht Dörte Hofemeister inzwischen vorbei. Tochter und Sohn sind schon groß und wollen lieber Action-Streifen sehen. Die 45-Jährige sucht ein paar Filme für sich und ihren Mann. Für einen gemütlichen Abend. Manchmal romantisches aus dem Franzosen-Regal. „Wir sind nicht so die Leute, die alles im Internet gucken“, sagt Hofemeister, die gegenüber wohnt. Portale wie der Serienanbieter Netflix oder Amazon Prime seien zu anonym. Durch die Regalreihen streifen, etwas Besonderes finden und der Rat vom Mann hinter der Theke, das ist wichtig. Man kennt sich, die Hörakustikerin ist praktisch seit der ersten Stunde der Filmgalerie immer wieder hier. So wie viele andere Familien aus dem Viertel.

„Als es hieß, die Videothek wird geschlossen, war das ein Schock für uns“, sagt Dörte Hofemeister. „Unser Sohn und unsere Tochter sind mit dem Laden groß geworden.“ Nicht nur ihre. Andreas Martin hat viele Kinder aufwachsen sehen. Sie kommen immer noch vorbei, wenn er oder ein anderes Mitglied Thekendienst schieben, und das fünf Tage in der Woche von 17 bis 21 Uhr. Die Nachfrage ist groß, 700 Filme pro Monat im Winter, gut 200 im Sommer. Für einen gewinnbringenden Betrieb würde es nicht reichen, aber darum geht es auch nicht mehr. 

Der Verein punktet mit ganz besonderen Angeboten.
Der Verein punktet mit ganz besonderen Angeboten. © Foto: Thomas Kretschel

Der Schock kam für die Cineasten des Viertels im März 2017, als Martin die Schließung ankündigte und anfing, Stück für Stück Filme zu verkaufen. Familie Hofemeister kaufte auch ein paar, in der Gewissheit, dass es die letzten Seufzer der Filmgalerie sind. Andreas Martin hatte schon eine Stelle in seinem alten Job als Informatiker gefunden. Die Videothek schloss und dann passierte ein kleines Wunder.

„Da standen Leute mit Tränen in den Augen bei mir am Tresen und haben gesagt: Sie können nicht aufhören“, erinnert sich Andreas Martin. Irgendwann waren es einige und dann viele, die nicht wollten, dass der kleine charmante Laden für immer verschwindet. „Einer von denen wusste, wie man einen Verein gründet“, sagt Martin. Und der Ex-Besitzer blieb ehrenamtlich, nachdem er die Filmsammlung übergeben hatte. Nun wird die Miete aus der Vereinskasse bezahlt.

Der Traum von der gut sortierten Programmvideothek kann weitergehen, wenn es genug Mitglieder, Spenden und irgendwann vielleicht auch Fördergeld gibt. 200 Mitglieder hat der Verein. Die zahlen pro Jahr und Haushalt 89 Euro und können dafür jeden Tag Filme ausleihen. „Wir sind günstiger als Netflix oder andere im Internet“, sagt Andreas Martin und quittiert das mit spitzbübischem Lächeln. Wer kein Mitglied ist, muss eine Kaution hinterlegen.

„Weil das Wirtschaftliche komplett weggefallen ist, können wir uns noch mehr auf gute künstlerische Filme konzentrieren.“ Dokumentationen, Festival-Streifen, Spielfilme. Auch Kino-Hits besorgt der der Verein, weil die Mitglieder das wollen. Jeden Monat hängt eine neue handgeschriebene Liste mit Wünschen neben dem Tresen. Gerade wünscht sich jemand Winnetou eins bis drei. Klassiker gehen immer. Auf Listen am Regal neben dem Eingang, wo die Bücher zur Filmgeschichte stehen, sind die Spender verzeichnet. „Vielen Dank an“ steht immer drüber, drunter finden sich lange Listen von gestifteten Filmen.

Neben dem Regal ist die gemütliche Ecke, unter der Decke hängt ein Projektor. Aus der kommerziellen Videothek von einst ist eine Stadtteil-Institution geworden. Freitags gibt es am Nachmittag Kinderkino, Mittwoch und Sonntag Wunschfilme der Erwachsenen oder Themenabende, zu denen hinterher oft ein Experte mit den Mitgliedern diskutiert. Etwa über den Holocaust und wie ein couragierter Staatsanwalt Nazi-Verbrecher in der alten Bundesrepublik verfolgte. Oder ein Vortrag über eine Expedition in den kanadischen Regenwald. Am Tag des Mauerfalls lief ein Film über einen DDR-Grenzübergang.

Mainstream gibt es hier nur auf ausdrücklichen Wunsch.
Mainstream gibt es hier nur auf ausdrücklichen Wunsch. © Foto: Thomas Kretschel

Vor ein paar Tagen lief die Dokumentation „Treibhäuser der Zukunft“, ein Film über Schulen, die Kindern Lust auf das Lernen machen. Eingeladen war ein Experte für freie Schulen. An solchen Abenden ist die Hütte voll. 40 Menschen finden dann auf Klappstühlen vor der Leinwand Platz.

Andreas Martin kennt alle Mitglieder. „Ich habe über Jahre zu ihnen Beziehungen aufgebaut, deshalb kenne ich die Leute und kann ihnen Filme empfehlen, von denen sie noch nie gehört haben, aber fast immer mögen.“ Herzblut, Leidenschaft, Fachwissen. „Du musst die Kunden kennen und Ahnung von Filmen haben.“ Ein Mantra, was schon früher galt und ihn von Ketten wie Video World abheben sollte. Das Wissen um die Welt des Kinos hat sich der gelernte Elektroniker, der für das Informatik-Studium nach Dresden kam, in seiner Freizeit angeeignet. „Ich interessiere mich schon immer für Filme und hab früher mit eigenen Produktionen bei Kurzfilmfestivals mitgemacht.

Am Regal mit den Kinderfilmen diskutieren zwei Jungs und schwenken dabei DVD-Hüllen. Unter dem Schild mit der Aufschrift „Literaturverfilmungen“ gibt Imke Keiser nach minutenlangem Spähen auf. Die 52-Jährige sucht Goethes Faust, den zweiten Teil. „Schrecklich, viel zu verkopft“, stöhnt Andreas Martin und beugt sich interessiert über den Tresen. Keiser erzählt, ihre Tochter liest das gerade in der Schule. „Das würde ich auch gerne nochmal, aber es ist so schwer, ein Film darüber könnte beim Verstehen helfen.“ Der Videothekar kratzt sich am Kopf, zum Regal muss er gar nicht erst gehen. „Ziemlich harte Kost, da kann ich nicht helfen, weil es nur Faust I als Film gibt.“ Dann eben einen Naturfilm. Keiser guckt gerne solche Dokus. Statt Faust gibt es Mikrokosmos, der das Leben von Spinnen, Ameisen und Käfern im Gras zeigt. „Bis übermorgen“, ruft sie zum Abschied.

250 Mitglieder wären gut

Die Klinke gibt sie einem Paar in roten Outdoor-Jacken in die Hand. Simone Kaspar und ihr Mann Jörg sind Stammkunden, schwärmen direkt nach links und rechts aus. Jeder zu seinen Filmen. „Bloß nicht wieder so etwas spannendes, da bekomme ich die Bilder wieder nicht aus dem Kopf“, sagt Frau Kaspar zu Herrn Kaspar. Er nickt. Sie nähert sich langsam den Tresen. „Wie geht das denn hier weiter, wir haben nämlich ein bisschen Angst, dass im nächsten Jahr Schluss ist.“ Immerhin sei die Filmgalerie einer der wenigen Orte, an dem man englische Filme mit Originalsprache ausleihen könnte.

2018 sei gesichert und 2019 „auf Kante genäht“, beruhigt Martin. „Aber es müssten insgesamt noch mehr Mitglieder sein, damit wir langfristig auf sicheren Beinen stehen, 250 wären gut, 300 noch besser, vielleicht kennen Sie ja jemanden.“ Simone Kaspar nickt. Sie greift nach den Broschüren, die ihr Andreas Martin hinhält. Sie will sie in der Nachbarschaft verteilen. „Hier bekommt man ja schließlich eine persönliche Meinung am Tresen.“

Als Andreas Martin im März 2017 im Angesicht der Schließung DVDs verkaufte, waren das vor allem Kinderfilme. Ein schmerzlicher Verlust. Also startete der Verein im Herbst 2017 eine Crowdfunding-Aktion, bei der viele Menschen Geld spenden, bis das Ziel erreicht ist. Ein paar Firmen und Händler aus dem Viertel und ein Biohof halfen bei der Aktion. Fast 9000 Euro kamen für neue Kinderfilme und den Projektor für die Filmabende zusammen.

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Der Verein will nicht nur eine Videothek sein, die sich sonst nicht halten könnte, sondern einen Raum für alle schaffen. Am Ende ist die Filmgalerie auch einer der letzten öffentlichen Orte in der Stadt, an dem Kinder in Ruhe stöbern und alles anfassen können, statt im Internet irgendetwas anzuklicken. Behutsame Prägung des Medienverhaltens, nennt das der Verein und denkt schon über eine Zusammenarbeit mit einem Stadtteilhaus nach. Kulturgut statt Massenware setzt sich langfristig durch, nicht kommerziell, aber als Verein. Davon ist Andreas Martin überzeugt.

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