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Vier Millionen am Waldschlößchen eingeblitzt

Die Dresdner Brücke wird nicht nur von Autos, sondern auch von immer mehr Radfahrern genutzt. Zuletzt wurde auch ein extrem seltenes Tier gesichtet.

Über 125.000 Autos wurden schon auf der Waldschlößchenbrücke geblitzt. Eine Erfindung der Stadt war die Aufstellung der Blitzer nicht. Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hatte die Anlagen zum Schutz von Fledermäusen gefordert.
Über 125.000 Autos wurden schon auf der Waldschlößchenbrücke geblitzt. Eine Erfindung der Stadt war die Aufstellung der Blitzer nicht. Das Oberverwaltungsgericht Bautzen hatte die Anlagen zum Schutz von Fledermäusen gefordert. © Sven Ellger

Dresden. Vor sieben Jahren wurde die Waldschlößchenbrücke am 24. August 2013 feierlich eröffnet. An dem Wochenende kamen rund 190.000 Besucher auf die einst umstrittene Elbquerung. Am 26. August rollten die ersten Autos darüber. Seitdem wird die Brücke immer stärker genutzt. Allerdings gibt es nach wie vor keine gültige Baugenehmigung für das rund 180 Millionen Euro teure Großprojekt. Wie weit das Verfahren ist und wie sich der Verkehr, die Brücke und auch das Umfeld entwickelt und angepasst haben, haben mehrere Ämter der Stadt erläutert.

Über diese Brücke musst Du gehen, dachten sich viele Menschen am 24. und 25. August 2013. Am Eröffnungswochenende kamen rund 190.000 Besucher, um die Waldschlößchenbrücke zu testen.
Über diese Brücke musst Du gehen, dachten sich viele Menschen am 24. und 25. August 2013. Am Eröffnungswochenende kamen rund 190.000 Besucher, um die Waldschlößchenbrücke zu testen. © Wolfgang Wittchen

Der Verkehr: Beim Lockdown viel weniger Autos

Der Neubau am Waldschlößchen wird nicht nur gut genutzt, er ist auch eine sinnvolle Alternative, wenn die Nachbarbrücken saniert werden. Das war bei der Albertbrücke so, als sie zwischen 2014 und 2016 saniert wurde. Nötig ist sie auch als Alternative, wenn die Stahlkonstruktion des Blauen Wunders ab Anfang 2022 instand gesetzt wird. Wurde die Brücke nach der Eröffnung im September 2013 noch von rund 24.000 Kraftfahrern täglich genutzt, so waren es im vergangenen Jahr bis zu 37.500, nachdem im November die Sanierung der Carolabrücke begonnen hatte. Als die benachbarte Albertbrücke saniert wurde, rollten in Spitzenzeiten sogar über 39.000 Autos am Tag darüber.

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Ganz deutlich zeigte sich auch der Lockdown während der Corona-Krise auf der Waldschlößchenbrücke. Vom 23. März bis 3. Mai wurden dabei täglich weniger als 27.000 Autos gezählt, also fast 10.000 weniger als zu normalen Zeiten.

Dieses Bild bot sich während der Coronakrise im März dieses Jahres. Auf der Brücke waren viel weniger Autos zu sehen.
Dieses Bild bot sich während der Coronakrise im März dieses Jahres. Auf der Brücke waren viel weniger Autos zu sehen. © Jürgen Lösel

Die Radfahrer: Neuer Rekord im vergangenen Monat

Die breiten Geh- und Radwege über die Brücke sind komfortabel. Das spiegelt sich auch in der Verkehrsentwicklung wider. Denn nicht nur Autos werden von den elektronischen Zählstellen erfasst, sondern auch Radfahrer. Nach der Eröffnung der Brücke wurden im September 2013 knapp 63.000 Radler gezählt. Im Verlaufe der Jahre wurden es immer mehr. So wurde im Juni 2016 erstmals die 100.000er-Marke geknackt. Die Zahl hat sich seit der Eröffnung mehr als verdoppelt. Im vergangenen Monat wurde mit 140.602 Radfahrern ein neuer Rekord erreicht.

Immer mehr Radfahrer nutzen die breiten Wege über die Waldschlößchenbrücke.
Immer mehr Radfahrer nutzen die breiten Wege über die Waldschlößchenbrücke. © René Meinig

Die Blitzer: Drei Monate Fahrverbot für den Schnellsten

Berühmtheit haben die rund 160.000 Euro teuren Hightech-Blitzer auf der Waldschlößchenbrücke erlangt. Sie wurden zum Schutz der seltenen Fledermausart Kleine Hufeisennase, genannt Hufi, aufgestellt. Sie haben seit der Brückeneröffnung bis Ende Juli bereits 125.208 Kraftfahrer geblitzt. Mit 95.660 waren die meisten von ihnen in Richtung Johannstadt unterwegs. Sie zahlten dafür Verwarnungs- und Bußgelder von rund vier Millionen Euro. Der bisherige Rekord von Temposündern wurde 2017 mit 23.014 erreicht. Im vergangenen Jahr waren es 16.652.

Der Schnellste fuhr im Oktober 2018 nach Abzug der Toleranz 117 Stundenkilometer, 87 km/h schneller als erlaubt. Der Mazda fuhr nachts aus dem Neustädter Tunnel in Richtung Johannstadt, als der Blitz aufleuchtete. Die Quittung: 680 Euro Geldbuße, drei Monate Fahrverbot und drei Punkte in Flensburg.

Nachts gilt derzeit ein Tempo-30-Limit auf der Brücke. Falls sich eine Kleine Hufeisennase, genannt Hufi, verirrt, könnte so ein Zusammenstoß verhindert werden.
Nachts gilt derzeit ein Tempo-30-Limit auf der Brücke. Falls sich eine Kleine Hufeisennase, genannt Hufi, verirrt, könnte so ein Zusammenstoß verhindert werden. © Christian Juppe

Die Tiere: Streng geschützte Arten siedeln sich an

Zwar läuft noch die Verträglichkeitsprüfung für Flora-Fauna-Habitate und für den Artenschutz. Doch Tiere scheinen sich an der Brücke wohl zu fühlen. „Durch naturkundige Bürger erhielten wir in diesem Jahr die Information, dass sich zwei geschützte Arten am Neustädter Hang der Waldschlößchenbrücke angesiedelt haben“, erklärt das Umweltamt. Einerseits betrifft dies die streng geschützte Zauneidechse, die in einigen Exemplaren an der Böschung unterhalb der Mauer zwischen Brücke und Pavillon lebt.

Mit dem attraktiven Alexis- oder Großpunktbläuling hat sich seit dem letzten Jahr andererseits eine seltene Schmetterlingsart wieder angesiedelt, die in Sachsen zwischen 1952 und 2018 nicht mehr nachgewiesen werden konnte. Die in Europa weiter südlich vorkommende Art konnte sich offensichtlich mit der klimatischen Erwärmung nach Norden ausbreiten und findet auf dem blütenreichen und sonnenexponierten Neustädter Hang recht günstige Bedingungen vor. Im Herkunftsgebiet lebt die wärmeliebende Art auf steilen Hängen mit naturnahen mageren Wiesen oder Trockenrasen. Deshalb soll die Pflege der Wiesen im kommenden Jahr verstärkt werden.

In Sachsen gibt es nur eine Handvoll von Orten, wo sich diese Schmetterlingsart bei ihrer Wiederausbreitung angesiedelt hat. Dazu gehört jetzt die Waldschlößchenbrücke.

Viele Schmetterling fühlen sich wie dieser Weißling an der Waldschlößchenbrücke wohl. Dort siedeln sich immer mehr Arten an.
Viele Schmetterling fühlen sich wie dieser Weißling an der Waldschlößchenbrücke wohl. Dort siedeln sich immer mehr Arten an. © René Meinig

Die Fledermäuse: Hufi-Autobahn wächst schnell nach

Das Umweltamt geht davon aus, dass etwa zehn Arten von Fledermäusen bei ihren Jagdflügen nach Insekten die Waldschlößchenbrücke unter- beziehungsweise überqueren. Für den berühmtesten Vertreter, die Kleine Hufeisennase, wurden unter der Brücke Fledermausautobahnen in Gestalt von langen Weidenreihen gepflanzt, die sie bei ihren nächtlichen Flüge nutzen.

Die jeweils 350 Meter langen Reihen von Purpurweiden und Schneeballsträuchern beiderseits der Elbe sind gut gewachsen. Deshalb war Anfang vergangenen Jahres die Hälfte der Hecken zurückgeschnitten worden. „Die Pflege, also der Rückschnitt der anderen Hälfte erfolgt in zwei Jahren, also im Jahr 2022“, kündigt das Umweltamt an. Dann wird der bereits gestutzte Teil wieder seine volle Höhe erreicht haben. „Auf diese Art und Weise ist immer ein drei Meter breiter und drei Meter hoher Heckenstreifen als Fledermausleitstruktur vorhanden.“ 

Schnell wächst die Fledermaus-Autobahn an der Waldschlößchenbrücke. Die Weidensträcher sollen Hufi & Co. unter dem Bauwerk hindurch leiten.
Schnell wächst die Fledermaus-Autobahn an der Waldschlößchenbrücke. Die Weidensträcher sollen Hufi & Co. unter dem Bauwerk hindurch leiten. © René Meinig

Die Baugenehmigung: Unterlagen werden derzeit geprüft

Die Waldschlößchenbrücke hat noch immer keine gültige Baugenehmigung. Im Juli 2016 hatte das Bundesverwaltungsgericht nach einer Klage der Grünen Liga Sachsen den sogenannten Planfeststellungsbeschluss für ungültig erklärt. Die Richter hatten entschieden, dass er rechtswidrig ist. Angeordnet wurde, die Umweltverträglichkeitsprüfung nach den strengen europäischen Richtlinien für Fauna-Flora-Habitate (FFH) nachzuholen.

Um die Brücke grünt und blüht es. Seit Jahren wird geprüft, wie umweltverträglich sie ist.
Um die Brücke grünt und blüht es. Seit Jahren wird geprüft, wie umweltverträglich sie ist. © René Meinig

Zuvor war heftig darüber debattiert worden, ob die Brücke in diesem Fall abgerissen werden muss. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Bier hatte das aber als "Ultima Ratio", also als letzte Möglichkeit, bezeichnet. Das Gericht stellte klar, dass eine weitere Nutzung und somit auch eine Sperrung nicht Gegenstand des Verfahrens gewesen sei.

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Seitdem wurde geprüft, wie umweltverträglich die Brücke für Fauna und Flora ist. Die Unterlagen sind fertig und werden derzeit von der Stadt geprüft. Ist das abgeschlossen, werden sie bei der Landesdirektion eingereicht. Die Stadt kann nicht sagen, wie lange dort das Verfahren dauert Von der Prüfung hängt auch ab, ob das verordnete Tempo-30-Limit wegen der Kleinen Hufeisennasen weiter nötig ist.

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