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Großenhain

Volles Haus in der Igel-Kita

Im Herbst schnuffelt es besonders: Die Mitstreiter im Großenhainer Tierschutzverein haben jetzt alle Hände voll zu tun.

Alle Hände voll zu tun: Sissy Gommlich (li.), Annkatrin und Britta Hoentzsch sowie Frank Gommlich mit ihren Schützlingen. Ein Handtuch zählt ebenso zu den begehrten Helferutensilien wie Zeitungspapier, Küchenrolle oder Desinfektionsmittel.
Alle Hände voll zu tun: Sissy Gommlich (li.), Annkatrin und Britta Hoentzsch sowie Frank Gommlich mit ihren Schützlingen. Ein Handtuch zählt ebenso zu den begehrten Helferutensilien wie Zeitungspapier, Küchenrolle oder Desinfektionsmittel. ©  Kristin Richter

Großenhain. Borstel heißt Katrin, und Katrin hat Hunger. Das stachlige Igel-Mädchen, welches ausschaut, als wäre es aus dem Märchenland dahergetippelt, hat ihre innere Uhr. Kurz nach halb acht, da darf es für das 120 Gramm schwere Leichtgewicht endlich eine Portion frisch angerührte Welpenmilch sein. 

Aber Katrin ist nicht die Einzige, die um diese abendliche Stunde liebevoll bekümmert werden will! Neun Schälchen stehen in der Küche von Sissy und Frank Gommlich griffbereit. Während die 38-Jährige noch mit der Fütterung eines Winzlings beschäftigt ist, flitzt ihr Mann routiniert mit Futterdosen umher und verteilt, worauf seine stachligen Gäste begierig warten. „Um diese Zeit haben wir gut zu tun“, sagt Sissy Gommlich entschuldigend und ist auch schon wieder verschwunden.

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Zurück bleiben Britta und Annkatrin Hoentzsch, die nur allzu gut wissen, wovon Familie Gommlich da spricht. Auch sie haben in den eigenen vier Wänden, was momentan Betreuung rund um die Uhr bedeutet: zwölf Igel, davon neun Babys, zwei körperlich eingeschränkte und ein gegen einen Virus ankämpfendes Tier. 

Gemeinsam mit Monika und Denis Schwiedam sind sie ein engagiertes Team, welches der Großenhainer Tierschutzverein nun als Igel-Kita in seiner ehrenamtlichen Mitte bei sich aufgenommen hat. Die überaus sympathischen Frauen und Männer leisten in ihren Grundstücken im Radebeuler Ortsteil Lindenau, was hilfebedürftigen Igeln aus dem ganzen Landkreis Meißen, Dresden bis hin nach Freital zugutekommt.

Angefahrene oder misshandelte Vierbeiner, kranke Tiere und nicht zuletzt jene, die erst vor ein paar Wochen geboren worden sind, finden hier sorgsame Obhut. Immerhin: Erst ab Mitte November schlummern die meisten Igel. Bis dahin sei noch genug Zeit, um den Nachwuchs aufzupäppeln und mit einem Gewicht von 650 bis 700 wieder in die Natur zu entlassen.

Ältere Tierchen sollten dagegen 1 000 oder 1 500 Gramm auf die Waage bringen. „Viele Jahre galt das Einsammeln von Igeln und die Überwinterung im Haus als probates Mittel. Das wird heute nicht mehr so praktiziert. Sie sollen dort die kalte Jahreszeit verschlafen dürfen, wo sie tatsächlich zuhause sind. In der freien Natur nämlich“, erklärt Britta Hoentsch.


Schnelle Hilfe für den Igel

Welcher Igel braucht Hilfe? Igel sind Wild- und keine Haustiere. Die Aufnahme ist laut Bundesnaturschutzgesetz nur ausnahmsweise bei verletzten oder kranken Tieren erlaubt. Hilfe benötigen verwaiste junge Igel, die außerhalb ihres Nestes gefunden wurden. Darüber hinaus verletzte, kranke Tiere, welche von Parasiten oder Eiern befallen sind, oder nach Wintereinbruch aktive, abgemagerte Igel.

Was ist zu tun? Zunächst die Funddaten und das Gewicht des Igels aufschreiben. Fliegeneier, Flöhe und Zecken entfernen. Den Igel auf Verletzungen untersuchen. Unterkühlte Tiere – sie sind an der Bauchseite deutlich kälter als die menschliche Hand – auf eine handwarme Wärmflasche legen und beides in ein Handtuch einwickeln.

Wie wird gefüttert? Igel sind Fleischfresser und essen kein Obst! Verfüttert wird am besten eine Mischung aus Katzenfutter, Igeltrockenfutter und ungewürztem Rührei. Zum Trinken sollte ein Schälchen mit Wasser bereitgestellt werden – niemals Milch! Davon bekommt der Igel Durchfall und kann sterben.

Wo soll der Gast leben? Das vorübergehende Zuhause kann ein Gehege sein (Käfig für Kaninchen oder Meerschweinchen), welches mit Küchenrolle und Zeitungspapier ausgelegt werden sollte. Als Schlafhäuschen darf durchaus ein Schuhkarton dienen, in den ein elf mal elf Zentimeter großes Türchen reingeschnitten wird. Auch das sollte wieder mit Zeitungspapier und klein gerissener Küchenrolle ausgelegt werden. Beides dient gewissermaßen als Bettzeug, damit es der Igel kuschlig hat. Wasser und Futter rein stellen.

Was ist im Alltag zu tun? Täglich müssen die schmutzigen Zeitungen ausgetauscht werden. Der Igel sollte täglich gewogen werden, denn eine Gewichtszunahme von 70 bis 100 Gramm pro Woche ist erwünscht. 

Quelle: Naturschutzbund/ Igelhilfe

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Die 44-jährige Dozentin ist durch ihr Ehrenamt zur Expertin in Sachen Igel geworden. Neben der Versorgung ihrer Schützlinge hält sie inzwischen Vorträge an Schulen von Dresden bis Pirna. Kinder und ihre Eltern für den auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere stehenden Igel zu sensibilisieren, ist wie bei allen anderen Mitstreitern zur Herzensangelegenheit geworden.

Dass die stachligen Gesellen nur allzu oft menschlicher Hilfe bedürfen, zeigten erst die vergangenen Tage. Rosa und Lea, nur 55 Gramm schwer, hatten ganz allein auf einer Wiese im Triebischtal gehockt. Oder Tuco, Blanca und Maritza, die neben ihrer überfahrenen Mama am Landratsamt Meißen gefunden wurden. Und schließlich Katrin.

Zusammengerollt lag das winzige Stachelkind an der Radebeuler Sternwarte. Ohne die fleißigen Helfer der Igel-Kita hätte das muntere Tierchen nicht die geringste Überlebenschance gehabt. Sie würde an diesem Abend nicht quietschvergnügt über das Schaffell toben und Sissy Gommlich keineswegs mit der Nase anstupsen und signalisieren: Katrin hat Hunger.

Wer die Igel-Kita unterstützen will bitte an: Tierschutzverein Großenhain, Sparkasse Meißen, IBAN : DE 43 8505 5000 3400 002568. Verwendungszweck: Igel-Kita

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