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Riesa

Von der Kunstakademie in den Schichtbetrieb

Ferat Kevir kam als Flüchtling nach Riesa. Jetzt arbeitet er bei den Teigwaren und organisiert ein Filmfest.

Ferat Kevir kam vor gut zwei Jahren als Flüchtling nach Riesa. Jetzt organisiert er das erste Interkulturelle Filmfest in der Schlossremise Gröba – im Fokus steht das Leben von Kurden, wie er selbst einer ist.
Ferat Kevir kam vor gut zwei Jahren als Flüchtling nach Riesa. Jetzt organisiert er das erste Interkulturelle Filmfest in der Schlossremise Gröba – im Fokus steht das Leben von Kurden, wie er selbst einer ist. ©  Sebastian Schultz

Riesa. Asê lautet nicht nur der Titel des Kurzfilmes von Ferat Kevir, der am Sonnabend beim ersten Interkulturellen Filmfest in Riesa gezeigt wird. Asê beschreibt auch sehr treffend die aktuelle Lebenssituation des Filmemachers. Das kurdische Wort bedeutet so viel wie „hängen geblieben“, erklärt der 35-Jährige.

Bis vor gut zwei Jahren lebte er in Kurdistan, wie er selbst sagt. Doch Kurdistan ist kein anerkannter Staat, sondern ein Gebiet, dass sich über Teile der Türkei, Syriens, des Irans und des Iraks zieht und in dem schätzungsweise 40 Millionen Kurden leben. Sie sind meist Muslime, sprechen ihre eigene Sprache und pflegen eine Kultur, die Jahrhunderte zurückreicht. 

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In der Türkei gelten allerdings all jene, die sich politisch oder kulturell für die Kurden engagieren als Terroristen, sagt Ferat Kevir. Tausende Politiker, Journalisten oder Künstler seien deshalb in türkischen Gefängnissen inhaftiert. Auch sein Haftbefehl war bereits unterschrieben, sagt Ferat Kevir.

Denn der Filmemacher lehrte und arbeitete an der „Cegerxwîn Academy of Arts“ in Diyabakir, einer Stadt im Osten der Türkei. „Ich hatte einen guten Job“, sagt Ferat Kevir. Er habe Filmfeste in verschiedenen Städten organisiert und selbst Filme gemacht. Manchmal fiktive Unterhaltungsfilme, vor allem aber Dokumentationen über die Kurden. 

Wie sie leben, wie sie ihre Sprache von Generation zu Generation weitergeben, wie sie verfolgt werden. „Damit galt ich als gefährlicher Mensch.“ Der 35-Jährige entschied sich deshalb – wie auch ein Großteil seiner Kollegen – zur Flucht. Sie hätten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Richtung Schweden, Kanada oder Frankreich. 

Ferat Kevir entschied sich bewusst für Deutschland. Dass er letztlich in der Asylunterkunft Am Birkenwäldchen in Riesa landete, sei dagegen allein bürokratischer Wille gewesen.

An der Elbe angekommen, kannte er hier zunächst niemanden. „Ich hatte noch keine Aufenthaltserlaubnis. Ich wusste nicht, was aus mir wird“, erinnert sich Ferat Kevir. „Zu Hause hatte ich immer Kontakt mit Menschen, war immer beschäftigt.“ In Riesa aber konnte er mit niemandem reden, hat niemanden verstanden, durfte nicht arbeiten. 

Er habe sich wie ein Kind gefühlt. Ein Kind ohne Heimatland. „Seit ich nach Deutschland gekommen bin, weiß ich, wie es ist, ohne Land zu leben“, sagt Ferat Kevir. Er fühlt sich heimatlos. Hängen geblieben zwischen Deutschland, der Türkei und Kurdistan.

In seinem Film „Asê“ zeigt Ferat Kevir dokumentarisch das Leben eines Flüchtlings im Asylbewerberheim Am Birkenwäldchen, wie er selbst es auch erlebt hat. „Der Mann war ein politischer Flüchtling wie ich und hat neben mir gewohnt“, sagt der Filmemacher über seine Hauptfigur. 

Dass der Film bedrückend und trist wirkt, ist Ferat Kevir durchaus bewusst. Trotzdem hätte das Publikum bei der Premiere in Dresden sehr positiv reagiert und viele Fragen gestellt. Das hofft er nun auch für das erste Filmfest in Riesa, bei dem am Samstag insgesamt neun Kurzfilme gezeigt werden. Sie alle haben dasselbe Thema: Das Leben der Kurden.

Einige Filmemacher werden persönlich anwesend sein. Zum Beispiel Mustafa Yesil, der einst Schüler von Ferat Kevir an der Cegerxwîn-Academy war. Für andere aber sei der Weg zu weit oder sie sitzen derzeit im Gefängnis, wie Dianr Zarg, ebenfalls ein ehemaliger Schüler der Kunstakademie. Dass er dorthin noch einmal zurückkehrt, kann sich Ferat Kevir indes kaum vorstellen.

Sein Ziel: Sich in Sachsen ein Leben aufbauen. Als Filmemacher und Organisator. Denn zwar gebe es bereits eine kurdische Szene, zum Beispiel den Dresdener Verein für deutsch-kurdische Begegnungen. Kulturelle kurdische Aktivitäten aber seien eher selten. Ideen dafür habe er viele. 

Doch aktuell muss er die noch unter Hobby verbuchen. Sein Geld verdient Ferat Kevir seit sechs Monaten bei den Teigwaren Riesa. Im Schichtsystem steht er dort an einer Verpackungsmaschine. So könne er die eigene Wohnung finanzieren und sein Deutsch verbessern.

Filmfest in der Schlossremise

Das erste Interkulturelle Filmfest in Riesa findet am Samstag, 15. Juni, 18 bis 22 Uhr in der Schlossremise Gröba auf der Kirchstraße statt. Gezeigt werden überwiegend Kurzfilme, die sich dem Alltag der Kurden widmen.

Zeitplan

18.15 Uhr: „Asê“ von Ferat Kevir ist die Geschichte eines Staatenlosen. In „Kuruk Ekmek“ erzählt Zeynel Arifin von der Gefahr der Landminen in der Stadt Nusaybin.

Zeitplan

19 Uhr: „Pepuk“ von Özkan Kücük erzählt die Geschichte einer zerbrochenen Familie in Diyarbakir. „Insan – Mirov – Human“ von Hasan Ince betrachtet die Welt aus den Augen eines Kindes.

Zeitplan

19.45 Uhr: „Ez û Ez“ von Dianr Zarg bedeutet Ich und Ich und erzählt vom Erwachsenwerden. In „Age of Animals“ von Mustafa Yesil geht es um eine junge Frau, die versucht, in dieser Welt zu überleben. In „Ali Ata Bak“ von Orhan Ince steht das Bildungssystem in der Türkei im Fokus. „Araf“ von Süleyman Karaasalan erzählt von einem Mädchen, deren Familie im Krieg starb.

Zeitplan

21.15 Uhr: „Bavarabica“ von Matthias Ditscherlein ist eine Doku über eine bayrische Band auf einer Tournee nach Ägypten, Tunesien und in den Iran.

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Organisatoren des Filmfestes sind Ferat Kevir, der Riesaer Appell, der Verein Sprungbrett und die SAEK Medienwerkstatt.

Der Eintritt ist frei, Spenden werden aber gern angenommen.