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„Weiber-WG“ mit strengen Regeln

250 Jahre alt sind die Schwesternhäuser in Kleinwelka. Jetzt sucht ein neuer Verein Ideen für das einzigartige Ensemble.

Das Foto vom Kirchgang der Schülerinnen der Mädchenanstalt entstand um 1920. Es zeigt auch das Schwesternhaus mit dem Holzfachwerk.
Das Foto vom Kirchgang der Schülerinnen der Mädchenanstalt entstand um 1920. Es zeigt auch das Schwesternhaus mit dem Holzfachwerk. © Archivfoto: Brüdergemeine Kleinwelka

Kleinwelka. Sittsam schreiten die Schülerinnen der Mädchenanstalt der Brüdergemeine hinüber über Kleinwelkas heutigen Zinzendorf-Platz zum Kirchsaal. Vielleicht liegt andächtige Stille in der Luft, vielleicht ein bisschen Gemurmel. Der Tagwächter schaut statt auf das Gewimmel aus weißen Häubchen und Schürzen dem Fotografen in die Kamera. Die Aufnahme stammt aus dem Archiv der Brüdergemeine Kleinwelka. Gefunden hat sie Dorit Kumpe bei ihren Recherchen zu den Schwesternhäusern.

Das einzigartige Ensemble ist auf dem Bild im Hintergrund zu sehen. Dessen Grundstein wurde am 24. April 1770 gelegt. Das alte Schwarz-Weiß-Foto, schätzt Dorit Kumpe, entstand um 1920. „Es ist eines der ältesten Fotos im Archiv, das Menschen und auch das Schwesternhaus mit seinem Holzfachwerk zeigt“, sagt sie. Dem Bau der „besonderen Weiber-WG mit strengen Regularien“ vor 250 Jahren ging eine lange Zeit des Wartens voraus. Die Geschichte aber beginnt mit Matthäus Lange. Der langjährige Verwalter des Gersdorffschen Guts in Neu-Teichnitz erwirbt 1746 das Rittergut Kleinwelka als einen Treffpunkt für erweckte sorbische Christen. Denn Lange begeistern die Ideale Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorfs und seiner Herrnhuter Brüdergemeine.

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Dorit Kumpe, Ines Seeliger und Katrin Böhme (von links) wollen das Ensemble der Schwesternhäuser in Kleinwelka neu beleben.
Dorit Kumpe, Ines Seeliger und Katrin Böhme (von links) wollen das Ensemble der Schwesternhäuser in Kleinwelka neu beleben. © SZ/Uwe Soeder

Jene Ideen sprechen sich schnell herum und finden immer mehr Mitstreiter. „Zuerst denkt niemand daran, in Kleinwelka eine Kolonie zu gründen. Doch zu den Gottesdiensten kommen immer mehr Menschen: Sorben, Adlige, selbst aus der Niederlausitz machen sie sich auf den Weg“, sagt Ines Seeliger, Mitglied im neugegründeten Verein „Schwesternhäuser-Kleinwelka“. Die Gemeine wächst, der Bau eines Versammlungsortes wird notwendig. 1758 wird er eingeweiht. Mit dem Kirchsaal als Zentrum beginnen die Planungen für die Kolonie Kleinwelka. 

 Auf einem Bau- und Lageplan aus dem Jahr 1757 ist bereits ein Grundstück für das Schwesternhaus verzeichnet. Anfangs leben sieben Schwestern im Ort, aber ihre Zahl wächst stetig. Jene ledigen Frauen müssen einen Antrag um Aufnahme in die Gemeinschaft stellen, zusätzlich entscheidet das Los. Die Plätze sind begehrt. Ihr Miteinander gibt Frauen, die oft aus armen Verhältnissen kommen, geistige, soziale und wirtschaftliche Sicherheit. Arbeit finden sie auf den Gemeinschaftsfeldern und als Angestellte in den Haushalten der Handwerksfamilien. Lediglich ein eigenes Chorhaus fehlt ihnen zum Glück.

Schwester treibt Bau voran

Graf von Zinzendorf finanziert das Projekt vor den Toren Bautzens aus eigenen Mitteln, zum Teil aus Spenden. Nicht immer sind die Kassen gut gefüllt. Die Brüder bekommen 1764 ihren Rückzugsort, die Schwestern glauben bald nicht mehr an einen Neubau. Doch sie haben gute Argumente. „Sie hatten 1766 den Herrgott per Los befragt, ob ein Schwesternhaus gebaut werden soll. Es wurde ein ,Ja‘ gezogen“, sagt Dorit Kumpe. Gleichzeitig holen sie Anna Dorothea Polenz nach Kleinwelka, die sich schon in der Kolonie Niesky um Bauangelegenheiten kümmerte. Sie reiste immer wieder mit Bauplänen und guten Argumenten nach Herrnhut, akquirierte Spenden und Baumaterialien.

Im März 1770 kommt die Baugenehmigung aus Herrnhut für das Schwesternhaus durch Zinzendorfs Nachfolger August Gottlieb Spangenberg. „Die Grundsteinlegung erfolgte an einem Dienstag, sicherlich war das eine Reminiszenz an die Grundsteinlegung des Schwesternhauses in Herrnhut am 24. April 1755“, sagt Ines Seeliger. Bereits im November wird das Haus nach kürzester Bauzeit an die Schwestern übergeben. In den Archivakten sind zur Einweihung 54 „ledige Schwestern und große Mädchen“ erwähnt, weiß Dorit Kumpe. Ihr Neubau ist ihnen neben geistlichen und häuslichem Refugium Mittelpunkt ihrer Handwerkstätigkeiten – von Apotheke bis Zuckerbäckerei.

Die Blüte erleben das Schwesternhaus-Ensemble und die Kolonie Kleinwelka im 19. Jahrhundert, vor allem auch mit dem Neubau der Mädchen- und Knabenanstalt. Der gute Ruf der Schulen ist über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Industrialisierung, Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg setzen der Gemeinschaft zu. Für manche Gebäude finden sich neue Nutzer, andere fallen nach 1989 in einen Dornröschenschlaf. Das einzigartige Ensemble gerät in Vergessenheit. „Es ist ein großer Verdienst des Kulturentwicklers Mike Salomon, dass er 2015 das Areal wiederentdeckte und mit Kultur wiederbelebte“, sagt Dorit Kumpe.

Weitere Vereinsmitglieder gesucht

Das Gemeine-Mitglied forscht in ihrer Freizeit nach der Geschichte der Schwesternhäuser und ist auch Mitglied im neugegründeten Verein. „Wir brauchen viele, die uns mit Ideen und auch finanziell unterstützen, müssen Stadt, Land und Bund ins Boot holen. Eigentlich geht es uns heute genauso, wie den Frauen vor 250 Jahren. Das erleichtert ungemein“, sagt sie. Im vergangenen Jahr hat die Brüder-Unität das weltweit einzigartige Ensemble baulich gesichert, die Dachsanierung ist in der Planung. Um aufmerksam auf das Refugium in Kleinwelka zu machen, sollte das 250-jährige Jubiläum der Grundsteinlegung der Schwesternhäuser gefeiert werden. Wegen der Corona-Pandemie wurde der Festakt nun verschoben.

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Jetzt hofft der Verein, dass die Feierlichkeiten im Spätsommer oder Herbst nachgeholt werden können. Zwischendurch wollen die bisher 30 Vereinsmitglieder weiter für ihr Projekt werben und weitere Mitstreiter ins Team holen. Derzeit arbeitet der Verein an einem Zeitstrahl über die Geschichte der Schwesternhäuser und an einer kleiner Ausstellung. In den Fenstern des Gebäudes ist derzeit die einstige Hausordnung der Schwestern zu lesen. Genau wie das alte Schwarz-Weiß-Foto gibt dieses Regularium einen Einblick in die Hoch-Zeit der Brüdergemeine Kleinwelka.

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