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Als Weißig noch einen echten Bahnhof hatte

Eine Glaubitzer Eisenbahnerin erinnert sich an die Glanzzeit des Weißiger Bahnhofs und ganz besonders an ein Jahr. Bald wird hier wieder gebaut.

Die Glaubitzerin Ursula Dargusch hat noch viele Fotos aus ihrer Dienstzeit auf dem Bahnhof Weißig, die sie sich gern ansieht.
Die Glaubitzerin Ursula Dargusch hat noch viele Fotos aus ihrer Dienstzeit auf dem Bahnhof Weißig, die sie sich gern ansieht. © Sebastian Schultz

Weißig/Glaubitz. Ursula Dargusch ist Eisenbahnerin mit Leib und Seele. Auch mit 81 Jahren ist sie diesem Beruf im Herzen verbunden. Schon ihr Vater war bei der Bahn und ihre beiden Töchter ebenfalls. Noch immer ist sie Mitglied in der Eisenbahner-Gewerkschaft. Und wenn die Glaubitzerin zu ihren Urenkeln nach Dresden fährt, dann nimmt sie - na klar - den Zug und nicht das Auto.  

Auf 43 Dienstjahre kann sie zurückschauen. Die meiste Zeit davon arbeitete sie im Bahnhof Weißig bei Nünchritz. Erst als Stellwerkswärterin, später wurde eine Stelle in der Güterabfertigung frei. Frachtbriefe, Fahrtkosten, Lohnrechnung - "alles ging über meinen Tisch", erinnert sie sich. Jahrzehntelang war sie die stellvertretende Bahnhofsleiterin in Weißig. 

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Dass ihre ehemalige Arbeitsstelle, das Empfangsgebäude, im Verlaufe des anstehenden ICE-Streckenausbaus abgerissen werden soll, macht sie nur einen kurzen Augenblick wehmütig. Denn Veränderungen gab es bei der Bahn schon immer und nicht erst nach der Wende. Besonders Ende der Sechziger Jahre. 

Diese Fotokopie aus Ursula Darguschs privater Fotosammlung zeigt den Bahnhof Weißig (rechts) und das hiesige Gasthaus (links) im Jahr 1894. Von 1883 bis 2003 hielten hier Personenzüge.
Diese Fotokopie aus Ursula Darguschs privater Fotosammlung zeigt den Bahnhof Weißig (rechts) und das hiesige Gasthaus (links) im Jahr 1894. Von 1883 bis 2003 hielten hier Personenzüge. © Sebastian Schultz

In dieser Zeit wurde zwischen Zeithain und Coswig ein zweites Gleis gebaut. "Die Russen hatten es nach dem Krieg abreißen lassen", erinnert sich Ursula Dargusch. Das war 1948. Von da an fuhren Züge hier zwei Jahrzehnte lang nur eingleisig. Das sollte sich wieder ändern. Am 27. Januar 1969 wurde das neu gebaute zweite Gleis in Betrieb genommen. Im gleichen Jahr wurde Deutschlands erste Fernzugverbindung Dresden-Leipzig auch elektrifiziert.  

Und noch etwas änderte sich Ende der Sechziger. Am 13. November 1968 wurden die beiden bis dahin eigenständigen Bahnhöfe Weißig und Glaubitz zusammengelegt. Weißig, wo auch der Bahnverkehr ins Chemiewerk Nünchritz geregelt wurde, behielt den Status als Bahnhof, während Glaubitz ihn verlor und seitdem nur noch Haltepunkt ist.  

Baustart Ende August

"Damals wurde bei der Bahn viel gebaut", erzählt die 81-Jährige. "Und das hat auch jahrelang gedauert, genau wie heute." Deshalb hat sie Verständnis dafür, dass der ICE-Streckenausbau zwischen Dresden und Leipzig schon mehr als 20 Jahre dauert und noch mindestens weitere zehn Jahr benötigt.

An ihrer ehemaligen Arbeitsstelle in Weißig beginnt die Deutsche Bahn in der letzten Augustwoche mit dem vorletzten Bauabschnitt Zeithain - Leckwitz im Rahmen des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nummer 9. Wie ein Bahnsprecher bestätigt, sollen als Erstes die Oberleitungen auf provisorische Einzelmasten verlegt werden, um Baufreiheit für die Neutrassierung der Bahnstrecke zu schaffen. Bisher wurden die ersten Baustraßen entlang der Gleisanlagen und ein Eidechsenreservat bei Zschaiten angelegt.

So viel Gewusel im Bahnhof Weißig hat es hier seit 1969 nicht gegeben. Dieses Jahr ist Ursula Dargusch und ihren ehemaligen Eisenbahner-Kollegen aber auch mit weniger schönen Erinnerungen im Gedächtnis geblieben. Sie sagt: "Das war für uns ein Pechjahr."

So sah einer der beiden Züge nach dem Unfall im Weißiger Bahnhof aus.
So sah einer der beiden Züge nach dem Unfall im Weißiger Bahnhof aus. © Sebastian Schultz

Die älteren Weißiger werden sich vielleicht noch an den 28. März 1969 erinnern. Kurz nach Mittag stießen im hiesigen Bahnhof zwei Güterzüge zusammen. Ein Zug aus Richtung Riesa stand im Bahnhof. Aus der Gegenrichtung näherte sich der andere Zug und fuhr auf. "Dessen Lokführer konnte sich noch mit einem beherzten Sprung retten", erzählt Ursula Dargusch. 

Bei dem anschließenden Untersuchungen stellte sich heraus, dass der diensthabende Fahrdienstleiter die falsche Weiche gestellt hatte. Dass dieser Unfall nicht in die Annalen der schweren Zugunglücke in der DDR einzog, ist wohl auch dem Umstand zu verdanken, dass wie durch ein Wunder niemand ernsthaft verletzt oder gar getötet wurde.

Feuer auf dem Abort

Dagegen erhielt das zweite Unglück 1969 im Weißiger Bahnhof weitaus mehr Aufmerksamkeit. Vier Tage vor Weihnachten brannte das hiesige Stellwerksgebäude ab. Der Brand wurde sogar mit einem großen Artikel in der "Fahrt frei!", der Betriebszeitung der Deutschen Reichsbahn, DDR-weit publik gemacht. Ursula Dargusch hat ihn aufgehoben.

Beim Durchlesen des Beitrags, der die Reichsbahner eigentlich zur Einhaltung von Brandschutzbestimmungen ermahnen sollte, lässt sich ein Schmunzeln nicht vermeiden. Denn das Feuer entbrannte auf dem stillen Örtchen. 

Die Toilette war nur durch eine Holzwand vom übrigen Innenraum abgetrennt. Der Stellwerkswärter zündete dort eine alte Weichenlaterne an und ließ sie unbeobachtet stehen. Dummerweise wurde das beengte WC auch als Lampenraum benutzt. Dort wurden Petroleumlaternen abgestellt und mit der brennbaren Flüssigkeit aufgefüllt. 

In dem Artikel heißt es: "Die Lampen wurden nicht mittels eines Trichters, sondern mittels einer alten, schadhaften Konservendose aufgefüllt. Das verschüttete Petroleum wurde nicht beseitigt, es zog in das Holzregal ein." Zudem lagen überall alte Putzlappen herum. - Eine ideale Umgebung für einen vorweihnachtlichen Feuerwehreinsatz. 

So kam es dann auch. Die Flamme der Weichenlaterne entzündete erst das Regal, dann den Abort und schließlich das ganze Stellwerk-Haus. Der unmittelbare ökonomische Schaden belief sich auf rund 440.000 DDR-Mark, inklusive der Kosten für den Wiederaufbau eines neuen Stellwerks, so wie es heute noch in Betrieb ist.  

Das Weißiger Stellwerk brannte am 20. Dezember 1969 aus. Es musste abgerissen und neu gebaut werden.
Das Weißiger Stellwerk brannte am 20. Dezember 1969 aus. Es musste abgerissen und neu gebaut werden. © privat

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