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Wenn die Fünf in Mathe teuer wird

Ein Schüler bleibt sitzen. Seine Eltern widersprechen dem Zeugnis – mit einem dicken Ende.

Zeugnissorgen kennen viele Familien. Dass daraus auch Sorgen über hohe Kosten werden können, muss nun eine Dresdner Familie erfahren. (Symbolfoto)
Zeugnissorgen kennen viele Familien. Dass daraus auch Sorgen über hohe Kosten werden können, muss nun eine Dresdner Familie erfahren. (Symbolfoto) © Sven Ellger

Schriftsteller Thomas Mann ist sitzengeblieben, auch Physiker Albert Einstein und Fußballer Mehmet Scholl mussten eine Klasse wiederholen. Gern werden Promis aufgezählt, um Kindern den eigenen Rückschlag erträglicher zu machen. „Aus denen ist ja später auch was geworden.“ Doch Tim Müller kennt im Moment nur ein Gefühl: Peinlichkeit. Egal, mit wem er spricht und sein Alter verrät, irgendwann wird ihm die Frage gestellt: Müsstest du nicht schon eine Klasse weiter sein?

Über ein halbes Jahr haben Tim und seine Familie gekämpft, damit er in die neunte Klasse versetzt wird. Der Dresdner besuchte ein Gymnasium, hatte in Mathematik eine Fünf und konnte die Note mit den Zensuren anderer Fächer wie Deutsch nicht ausgleichen. Eine Ausnahme lehnte die Klassenkonferenz, an der alle seine Lehrer beteiligt waren, ab. Er sei den Anforderungen der neunten Klasse nicht gewachsen, schätzten die Pädagogen ein.

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Doch die Müllers widersprachen dem Zeugnis. Bei mehreren Noten sei nicht klar gewesen, wie sie zustande gekommen seien, behauptet Griseldis Müller. Teilweise habe es keine schriftlichen Aufgabenstellungen gegeben, an denen sich ihr Sohn hätte orientieren können, wirft sie der Schule vor. „Tim ist ein durchschnittlicher Schüler, wir hatten nie den Eindruck, dass er den Anschluss verlieren könnte.“

Ihren Widerspruch reichte die Familie beim Landesamt für Schule und Bildung in Dresden ein. Das war am 4. Juli, zwei Tage nachdem Tim sein Zeugnis erhalten hatte. Laut Auskunft des Freistaates hätten sich die Müllers auch ein Jahr Zeit lassen können. Doch es eilte. Immerhin hofften die Dresdner, dass Tim zum neuen Schuljahr noch in die neunte Klasse rutschen könnte. Gebühren sollte der Widerspruch nicht kosten, wie bis heute auf der Internetseite der Staatskanzlei zu lesen ist.

Parallel zum Widerspruchsverfahren beschritt die Familie den Klageweg, um Tim vorläufig in die neunte Klasse zu bekommen – so lange, bis abschließend über den Fall entschieden wurde. Doch sowohl das Dresdner Verwaltungsgericht, als auch das Oberverwaltungsgericht in Bautzen lehnten das ab und bestätigten damit die Richtigkeit des Jahreszeugnisses. Das war die erste Niederlage.

Die zweite folgte nun im Januar mit dem Widerspruchsbescheid des Landesschulamtes – ein halbes Jahr, nachdem die Familie widersprochen hatte. Was darin steht, konnten sich die Müllers nach den Entscheidungen der Gerichte bereits denken. Der Widerspruch wurde abgelehnt. Auf der letzten Seite traute Griseldis Müller dann ihren Augen nicht. „Nach Abwägung des entstandenen Verwaltungsaufwandes sowie der Einbeziehung der Bedeutung der Angelegenheit [...] ist im vorliegenden Fall eine Gebühr von 348,86 Euro angemessen, zuzüglich der 4,11 Euro für Zustellung.“ Zahlbar innerhalb von fünf Wochen.

Widerspruch gratis?

Knapp 353 Euro sollte die Familie also an den Freistaat überweisen – für einen Widerspruch, der angeblich kostenlos sein sollte. In Dresden gibt es durchaus vergleichbare Gebührenhöhen. Allerdings können Eltern ihr Kind für dieses Geld drei Monate lang, sieben Stunden am Tag, in der Kinderkrippe betreuen lassen. Sogar 100 Euro günstiger ist es, an der Technischen Universität zu studieren. Und für dasselbe Geld können Autofahrer ihren Wagen an 58 vollen Tagen im Stadtzentrum parken. Hatten sich die Müllers geirrt? Stand auf der Internetseite gar nichts von Gebührenfreiheit?

Doch, noch heute ist genau das zu lesen: „Kosten (Gebühren): keine.“ Deshalb hat die Sächsische Zeitung beim Kultusministerium nachgefragt, ob diese Information fehlerhaft ist. Nein, lautet die zusammenfassende Antwort. „Durch das bloße Einlegen des Widerspruchs an sich entstehen ja keine Kosten“, so eine Sprecherin. Das passiere erst, wenn ein Widerspruchsbescheid ergehe. Also sobald sich das Landesschulamt mit dem Widerspruch auseinandersetzt. Dies sei auch „deutlich“ auf der Internetseite vermerkt, so das Kultusministerium. Denn unter der Information, dass keine Gebühren anfielen, werde schließlich auf die Verwaltungsgerichtsordnung, Paragrafen 68 bis 80 verwiesen. Dort, irgendwo dazwischen, in einem Unterabsatz, taucht tatsächlich einmal das Wort „Kosten“ auf. Das war’s.

„Unlogisch, unverhältnismäßig und willkürlich“, sagt Griseldis Müller. Doch das Ministerium meint: Die vom Freistaat geführte Internetseite „Amt24“ „stellt ja keine abschließende rechtliche Bewertung oder Entscheidung für den Einzelfall dar, sondern einen ersten Einstieg für den Bürger“, so die Sprecherin weiter. Das Landesschulamt wollte sich auf Anfrage nicht zum Widerspruch der Müllers äußern. Es handle sich um einen Einzelfall und ein laufendes Verfahren, so die Begründung.

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SZ-Redakteurin Claudia Schade hadert mit den Gebühren des Freistaates und deren Versteck im Kleingedruckten. 

Tim wiederholt inzwischen die Klasse an einer freien Schule und hat sich gut eingelebt, erzählt seine Mutter. Mit Mitschülern und Lehrern komme er klar, auch mit den Noten klappt es. Die Familie überlegt, den Widerspruchsbescheid mit der 353 Euro-Forderung anzufechten. 

Um Tim und seine Familie zu schützen, haben wir die Namen und die Klassenstufe im Artikel geändert. Seine tatsächliche Identität ist der Redaktion bekannt.