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Leipzig

"Wenn wir alles per Gesetz regeln, wird das Leben nervig"

In Leipzig traf Ministerpräsident Kretschmer auf Schüler, die sich für den Klimaschutz einsetzen - und holte sich kritische Fragen, aber auch Beifall ab.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stand den etwa 500 Schülern am Sonnabend in einem Hörsaal der Universität Leipzig Rede und Antwort.
Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) stand den etwa 500 Schülern am Sonnabend in einem Hörsaal der Universität Leipzig Rede und Antwort. © Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Von Sven Heitkamp

Die Stimmung im Großen Hörsaal der Sport-Fakultät in Leipzig kocht am Sonnabendmittag. Mehr als 500 Schüler aus ganz Sachsen sind gekommen, sitzen auf den Stufen, tragen reihenweise Wünsche, Appelle und Kritik zum mangelnden Klimaschutz vor. An den Wänden hängen Plakate mit ihren Forderungen. „Warum gucken die Politiker nicht hin?“ steht auf einem Zettel. 

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Vorne neben dem Rednerpult stellt sich Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) zwei Stunden lang den hitzigen Wortgefechten. Er betont: „Ich kann nicht sagen, das wir nichts für das Klima tun.“

Auch der Schulunterricht wird aufgerufen. „Der Klimawandel gehört verpflichtet auf den Lehrplan, damit alle etwas von dem Thema hören“, sagt Anna Engler vom Romain-Rolland-Gymnasium in Dresden. Der Saal antwortet mit donnerndem Applaus. Draußen herrschen 27 Grad, drinnen ist es kaum kühler.

Anna Engler aus Dresden fordert, dass das Thema Klimawandel verpflichtend in den Lehrplan aufgenommen wird.
Anna Engler aus Dresden fordert, dass das Thema Klimawandel verpflichtend in den Lehrplan aufgenommen wird. © Sven Heitkamp

„Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?“ will ein junger Mann der „Fridays for Future“-Bewegung wissen, die an der Ausrichtung der Konferenz nicht beteiligt war. Kretschmer verweist auf den Kohleausstieg bis 2038 und die Folgen für die Region. Er erklärt das Bemühen des Freistaates, Bahnstrecken und Autos zu elektrifizieren und baut auf Innovationen in der Energieversorgung. „Wir müssen die Erneuerbaren ausbauen“, sagt er. „Aber wir brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung.“ 

Dazu gehörten die Bezahlbarkeit der Energiewende ebenso wie Abstandsregelungen für Windräder vor Wohngebieten. Auf Kretschmers Initiative haben die Staatsregierung und der Landesschülerrat zur ersten Klimakonferenz in Sachsen geladen. Zwei Wochen vor den Sommerferien und zehn Wochen vor der Landtagswahl ist der Termin günstig.

Den ganzen Vormittag tragen die Jugendlichen in mehr als 50 Kleingruppen unterstützt von vielen Experten ihre Forderungen zusammen. Die Runden zu Mobilität, Energiewende und klimafreundlicher Schule stehen unter fünf Überschriften wie „Schau hin! Wie geht klimabewusstes Konsumieren?“ 

Dabei geht es kreuz und quer durch den Umweltschutz: Plastikvermeidung und vegane Ernährung, ökologische Kleidung und biologische Hygieneartikel, kostenloser Nahverkehr und mehr Bahnstrecken, Lebensmittelverschwendung und weite Transportwege. Die jungen Leute fordern eine Plastiksteuer, eine CO2-Steuer und Tempolimits. Auf Fleischverpackungen sollten Bilder aus der Massentierhaltung statt von glücklichen Kühen gezeigt werden, fordert eine junge Frau. Und der Kreis geht noch weiter: „Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem?" steht auf einem Zettel und darunter: „Überwindung des Egoismus einzelner.“

Bewusstsein schaffen, informieren, Taten folgen lassen: So klingt der Tenor der Diskussionen. „Dieser Tag sollte ein Zeichen sein, dass man endlich anfängt, etwas zu tun“, sagt Luise Sander, Abiturientin vom Gymnasium in Engelsdorf. Es sei schon mal ein Anfang, dass man mit der Politik ins Gespräch gekommen ist. „Die Veranstaltung zeigt, dass wir ernst genommen werden. Das macht Mut. Aber nun muss auch etwas passieren.“ 

Die Antwort des Ministerpräsidenten auf viele Forderungen ist dabei klar: „Wir können alles über Gesetze regeln. Aber dann wird das Leben ganz schön nervig“, sagt er. „Ich bin ein Mensch der Freiheit.“ Wenn aber die Jugendlichen für den Klimaschutz selbst Verantwortung übernehmen, brauche man keine Verbote.

Luise Sander, Abiturientin vom Gymnasium in Engelsdorf.
Luise Sander, Abiturientin vom Gymnasium in Engelsdorf. © Sven Heitkamp

Dass auch Sachsen noch einen weiten Weg vor sich hat, räumt Umweltminister Thomas Schmidt (CDU) schon zur Begrüßung ein. Die Pariser Klimaschutzziele für 2020 würden in Deutschland verfehlt. „Jetzt müssen wir alles dafür tun, die Ziele für 2030 zu erreichen.“ Bis dahin sollen die Treibhausgasemissionen gegenüber 1990 um mehr als die Hälfte sinken. 

Auch Sachsen hat beim Einsatz erneuerbarer Energien im Vergleich zum Rest der Republik noch Nachholbedarf. Noah Wehn, der Vorsitzende des Landesschülerrats, hält allerdings nichts mehr von leeren Absichtserklärungen. „Die konkreten Ideen der Schüler liegen auf dem Tisch des Ministerpräsidenten“, sagt er. „Die Staatsregierung wird sich daran messen lassen müssen, was sie umsetzt.“

Unumstritten ist die Klimakonferenz allerdings nicht: Die „Fridays for Future“-Bewegung hatte schon im Vorfeld eine zu enge Kumpanei mit der Regierung kritisiert. „Es war eine Alibi-Veranstaltung, für die wir uns nicht instrumentalisieren lassen“, sagt am Nachmittag Paul Simeon Pollenske, ein Schüler des Dresdner St. Benno-Gymnasiums. Alle Fakten, Forderungen und Konzepte seien bekannt. „Es war wirklich nichts Neues.“ 

Mit AfD-Unterstützung war sogar versucht worden, per Klage einer Schülerin die Beteiligung des Landesschülerrats zu unterbinden. Das Dresdner Verwaltungsgericht lehnte den Eilantrag allerdings ab. Die SPD warf der CDU indessen ein Wahlkampfmanöver vor, schickte aber ihren Wirtschaftsstaatssekretär Hartmut Mangold. 

Im nächsten Schuljahr soll nun eine neue Klimakonferenz starten, um zu diskutieren, was umgesetzt wird. „Ich bin gern bereit“, sagt Kretschmer, „das Gespräch fortzusetzen.“

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