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Sachsen

Wie ein Roboter den Himmel in den E-Golf baut

Die Gläserne Manufaktur in Dresden entwickelt Lösungen, die künftig in anderen VW-Werken helfen.

Was vorher ein Job für drei Mitarbeiter war, erledigt jetzt Kollege Roboter: Die Montage des Dachhimmels beim e-Golf, die erstmals automatisiert erfolgt, ist das erste von etlichen Projekten, die aus der Manufaktur in den Konzern wirken sollen.
Was vorher ein Job für drei Mitarbeiter war, erledigt jetzt Kollege Roboter: Die Montage des Dachhimmels beim e-Golf, die erstmals automatisiert erfolgt, ist das erste von etlichen Projekten, die aus der Manufaktur in den Konzern wirken sollen. © Ronald Bonß

Von Lars Radau

Es ploppt ein paar Mal – und der hellbeige Dachhimmel sitzt fest an der Decke der metallicgrauen Golf-Karosserie. Mit einer kleinen Drehung zieht der Montageroboter seinen Arm samt „Greifmittel“ wieder aus der Frontscheibenöffnung des Autos heraus. Wenige Minuten später hebt, dreht und befestigt er den nächsten Dachhimmel im nächsten e-Golf. Was auf den ersten Blick recht unspektakulär daherkommt, lässt die Augen von Robert Dietze strahlen. Denn was der 31-Jährige, der in Volkswagens Gläserner Manufaktur zum Team „New Mobility und Innovations“ gehört, hier vorführt, ist nicht weniger als eine Weltneuheit. Und zugleich ein wichtiger Teil der Neuausrichtung der Dresdner Produktionsstätte.

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Denn bislang war die Montage des Dachhimmels in einem Auto eine Sache für drei Mann. Unbequem und anstrengend noch dazu: Das Einfädeln ist kompliziert, die Befestigung erfordert Über-Kopf-Arbeit. „Wie unangenehm das ist, weiß jeder, der schon einmal eine Zimmerdecke gestrichen hat“, sagt Dietze und lächelt.

Dass jetzt ein Roboter diesen Job übernehmen kann, ist Ergebnis eines mehrmonatigen Entwicklungsprozesses – und erster sichtbarer Ausdruck der Tatsache, dass die Manufaktur sich für den gesamten Konzern zum Test-Standort für die Erprobung innovativer Technologien mausert.

Dabei wird eine zuweilen etwas belächelte Eigenschaft des Dresdner Standorts zum großen Vorteil: Mit derzeit 72 produzierten e-Golfs täglich sind die Taktzeiten im Vergleich zu herkömmlichen Autowerken recht lang. Und der Zwei-Schicht-Betrieb lässt in der Nacht eine große Produktionslücke. Genau die, erzählt Robert Dietze, habe man seit dem vergangenen Sommer konsequent genutzt, um die Dachhimmel-Montage zu automatisieren. 

Das Besondere der Mission, an der auch die Markenplanung des Konzerns und der Wolfsburger Anlagenbau beteiligt sind, war nicht allein die Entwicklung des passenden Dachhimmel-Montagewerkzeugs für den Standard-Industrieroboter und dessen Programmierung. Sondern auch, dass das Projektteam „quasi unter rollendem Rad“ gearbeitet habe, sagt Dietze. Was in der Nacht installiert, abgestimmt oder modifiziert wurde, konnte schon am nächsten Produktionstag ausprobiert und im Idealfall anschließend direkt eingesetzt werden.

„Damit sind wir ein Pilotwerk für den Volkswagen-Konzern“, sagt Lars Dittert, Standort-Chef des Gläsernen Manufaktur. „Eine Technologie, die es bei uns zur Serienreife schafft, kann im weltweiten Automobilbau eingesetzt werden.“ Dabei reicht die Welt für den Dachhimmel-Roboter zunächst einmal bis Zwickau: Das dortige VW-Werk wird gerade für den Bau verschiedener Elektomodelle des Konzerns vorbereitet. Eines davon ist das Elektroauto ID, das im September auf der Internationalen Automobilausstellung offiziell vorgestellt wird. Es soll Insidern zufolge etwas kleiner ausfallen als der Golf und laut VW-Vertriebsvorstand Jürgen Strackmann für einen Einstiegspreis von unter 30 000 Euro zu haben sein.

Auch der Dachhimmel des ID wird von in Dresden entwickelten Robotern eingepasst und angeploppt. Der Serienstart des Elektroautos ist für das vierte Quartal dieses Jahres vorgesehen – von Anfang an mit hoher Schlagzahl. „Dafür konnten wir schon in der Entwicklung den Stresstest machen“, erzählt Robert Dietze. In der Gläsernen Manufaktur nimmt sich der Roboter knapp zwei Minuten Zeit, um den Dachhimmel einzubauen. In Zwickau und künftig auch in weiteren Werken wird er den Job bei Bedarf auch in gut einer Minute erledigen können. „Das passt dann eher zur Großserien-Produktion als zur Manufaktur-Fertigung“, sagt Robert Dietze.

Gleichwohl möchte er seine Arbeitsumgebung auch für die Entwicklung nicht eintauschen. Die spezielle Architektur mit hohem Lichteinfall sei eine besondere Herausforderug auch für jegliche Art von Sensoren, die bei ähnlichen Projekten wie dem Dachhimmel-Roboter zum Einsatz kommen. Aktuell forscht man in der Manufaktur schon am automatisierten Ein- und Ausbau von Autotüren und arbeitet an Projekten, in denen Mensch und Roboter zusammenarbeiten.

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