merken
PLUS

Niesky

"Bei den Einzelkämpfern liegen die Nerven blank"

In der SZ sagt Kreishandwerksmeister Knut Scheibe, wie die Lage im Handwerk im Kreis Görlitz ist und was jetzt getan werden muss, damit es bald wieder aufwärts geht.

Kreishandwerksmeister Knut Scheibe hofft auf ein schnelles Ende der Pandemie.
Kreishandwerksmeister Knut Scheibe hofft auf ein schnelles Ende der Pandemie. © Pawel Sosnowski

Die Corona-Krise hat auch das Handwerk voll im Griff. Doch es trifft nicht alle Bereiche gleichermaßen hart. Kreishandwerksmeister Dr. Knut Scheibe erklärt, was die Politik zu einer Verbesserung der Lage beitragen kann und wie er die Branche nach dem Ende der Krise aufgestellt sieht.

Herr Dr. Scheibe, welche Branchen sind im Landkreis besonders betroffen?

Anzeige
Sie sind gefragt: Umfrage zu #ddvlokalhilft
Sie sind gefragt: Umfrage zu #ddvlokalhilft

Wir wollen herausfinden, wie die Sachsen in der Krise einkaufen und wie wichtig lokale Hilfsprojekte wie #ddvlokalhilft bei der Unterstützung des Handels sind.

Das sind vor allem Betriebe, die eng mit den Kunden in Berührung kommen, zum Beispiel Friseur- und Kosmetikläden. Mittlerweile hat die Krise aber auch das Gesundheitshandwerk erreicht. Dabei denke ich unter anderem an Orthopädieschuhmacher und Zahntechniker. Die Leute gehen weniger zum Arzt, der verschreibt kaum noch Rezepte. Das ist ein Teufelskreis. Fotografen, Uhrmacher und Kunsthandwerker sind ebenso betroffen. Schließlich darf man auch das Kfz-Handwerk nicht vergessen. Der Fahrzeugverkauf ist dort fast völlig zum Erliegen gekommen, nur Reparaturen werden noch durchgeführt.

Und welche Betriebe kommen noch recht glimpflich durch die Krise?

Ich denke, zwei Ausnahmen sind im Moment der Bau und das Baunebengewerbe. Aber auch den Elektrofirmen und den Sanitär-, Heizungs- und Klimabetrieben geht es noch relativ gut. Dort kommen die Probleme etwas verzögert an.

Welcher Art sind die Schwierigkeiten?

Es sind Dinge, an die man unter normalen Umständen nie denken würde. Fliesen und Natursteine kommen zum großen Teil aus Italien. Dort wird schon seit einer Weile nicht mehr produziert, außerdem ist der Transport schwierig geworden. Die Metallbauer beziehen Stahl unter anderem aus China. Auch Steinmetze lassen sich von dort beliefern. Wir wissen ja inzwischen alle, dass das Virus von da aus in die Welt gegangen ist, mit dem Materialnachschub ist das bedeutend komplizierter.

Wie sehr macht den Handwerksbetrieben das Ausbleiben der Berufspendler aus Polen und Tschechien zu schaffen?

Das ist von Branche zu Branche unterschiedlich. Fest steht, dass der Anteil an Polen und Tschechen im Handwerk des Kreises in den vergangenen Jahren generell gestiegen ist. So wurden freie Stellen besetzt, für die es keine deutschen Interessenten gab. Wenn teilweise bis zu 30 Prozent der Belegschaft Arbeitskräfte aus den Nachbarländern sind macht sich das schon bemerkbar. Das fällt den Firmen jetzt unverschuldet auf die Füße - vor allem im Lebensmittelbereich und im Bau.

Üben die Handwerksbetriebe in der aktuellen Situation untereinander Solidarität, hilft man sich gegenseitig?

Es gibt Netzwerke, die sich bilden. Aber das macht keiner groß publik. Geholfen wird, solange dies die eigene Leistungsfähigkeit nicht beeinträchtigt.

Nun gibt es Unternehmen mit mehreren Angestellten und solche, wo der Chef gleichzeitig auch einziger Mitarbeiter ist. Wer hat im Moment die größeren Schwierigkeiten?

Bei den Einzelkämpfern in den betroffenen Gewerken liegen die Nerven blank. Hier geht es schon jetzt um Existenzen, wenn Aufträge fehlen oder der Betrieb schließen musste. Da sie ihr Geschäft mitunter im eigenen Haus haben, fallen zwar keine oder nur geringe Kosten an. Allerdings kommen sie damit auch nicht wirklich an Zuschüsse ran. So versuchen sie, sich mit eigenen Mitteln über Wasser zu halten - was eine gewisse Zeit gelingen mag, aber nicht auf Dauer.

Nicht selten müssen sich die Einzelkämpfer deshalb jetzt mit dem Thema Grundsicherung beschäftigen. Bei Handwerksfirmen mit mehreren Angestellten und Auszubildenden geht es darum, den Betrieb so lange wie möglich am Laufen zu halten - das heißt mit Liquiditätshilfen und Kurzarbeitergeld. Dort macht noch ein anderes Problem Kopfzerbrechen. Kann aus Corona-Gründen weniger oder gar nicht mehr gearbeitet werden, können möglicherweise nicht alle Fachkräfte gehalten werden. Aber sind sie einmal weg, kommen sie wahrscheinlich nach der Krise nicht wieder. Das richtet sich natürlich auch danach, wie lange diese Phase andauert.

Und wie lange kann das Handwerk die gegenwärtigen Einschränkungen verkraften?

Das ist schwierig vorherzusagen. Die meisten Firmen haben kaum Rücklagen. Was sie einnehmen, brauchen sie für den laufenden Betrieb. Es gibt ja die Hoffnung, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Wirtschaft wieder hochgefahren werden kann. Aber der Normalzustand wird sicherlich noch lange nicht erreicht. Nach zwei oder drei Monaten Krise dürften auch gut aufgestellte Handwerksbetriebe Probleme bekommen. Perspektivisch werden die Auswirkungen noch lange zu merken sein. In Branchen, die jetzt noch volle Auftragsbücher haben - wie eben dem Baubereich - wird man etwas länger durchhalten können. Wenn die Materialströme wieder fließen, sollte es aufwärts gehen. Wichtig erscheint mir aber auch, dass die Planungen für Großinvestitionen in der jetzigen Zeit vorangetrieben werden.

Welche Hilfestellungen muss die Politik dem Handwerk Ihrer Meinung nach geben oder reichen die bisherigen aus?

Das Problem sind die Betriebe mit mehr als elf Beschäftigten. Vom Land gibt es da nichts. Der Bund hat inzwischen ein Programm aufgelegt. Aber das sind Kredite. Und darauf kann es nicht hinauslaufen. Wenn man sich das genauer betrachtet, werden bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) bei einer Laufzeit von zehn Jahren drei Prozent Zinsen fällig. Das muss erwirtschaftet werden. Auch was ich jetzt dem sogenannten Sachsen-Programm entnehmen kann, macht mich nicht durchweg glücklich. Hier sind noch Nachbesserungen notwendig, vor allem die Spielregeln müssen eindeutig festgelegt werden.

Perspektivisch müssen wir, wenn die Restriktionen gelockert werden und die Wirtschaft wieder anzieht, dafür sorgen, dass sowohl bei den Betrieben als auch bei den Kunden mehr Geld da ist. Deshalb sollten wir auch über steuerliche Maßnahmen nachdenken, über Förderprogramme für Investitionen und öffentliche Aufträge. Dabei wird die Haushaltssituation der Kommunen eine ganz entscheidende Rolle spielen. Wenn jetzt Schulen geschlossen sind, könnte diese Zeit zum Beispiel für notwendige Reparaturen genutzt werden.

Bleiben wir kurz noch bei den Kunden. Wie verhalten sie sich in der Krise?

Manche halten zur Stange. Manche sagen aus finanziellen Gründen ab. Wieder andere haben Angst, dass der Handwerker das Corona-Virus mitbringen könnte. Das erzeugt Unsicherheit. Und natürlich weniger Einnahmen. Die Betriebe fragen sich dann: Sind wir überhaupt noch in der Lage, Großaufträge zu erledigen? Zusammen mit den fehlenden polnischen und tschechischen Kollegen, mit den krankheitsbedingten Ausfällen und dem nicht vorhandenen finanziellen Background gibt das eine sehr fragile Gemengelage.

Welche Möglichkeiten hat die Kreishandwerkerschaft, helfend einzugreifen?

Wir konzentrieren uns darauf, in Übereinkunft mit der Handwerkskammer, unsere Betriebe mit aktuellen Informationen zu versorgen. Das funktioniert über Newsletter, Mailings oder Live-Veranstaltungen im Internet. Alles ist im Fluss, da muss man immer auf dem neuesten Stand sein. In Notsituationen greifen wir aber auch koordinierend ein. So haben wir zum Beispiel rund 30 Schneiderinnen und Schneider aktiviert, die selbstständig sind oder teilweise auch schon im Ruhestand. Sie stellen nun in einem gemeinsamen Projekt mit Frottana in Großschönau Atemschutzmasken her, die dann über das Landratsamt verteilt werden.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Weiterführende Artikel

Infos zu Corona im Kreis Görlitz bis 3. Mai

Infos zu Corona im Kreis Görlitz bis 3. Mai

Mehr Geheilte, abgesagte Veranstaltungen und der Umgang mit den Auswirkungen:Die Entwicklungen bis Anfang Mai sind hier zu lesen.