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Wie gefährlich ist der Scheune-Vorplatz noch?

Die Polizei prüft die Lage, das Kulturangebot wächst, neue Streetworker sind da – was passiert auf dem Platz in der Dresdner Neustadt?

Auf dem Scheunevorplatz tummeln sich nicht nur in lauen Sommernächten viele Menschen.
Auf dem Scheunevorplatz tummeln sich nicht nur in lauen Sommernächten viele Menschen. ©  Archivbild: Christian Juppe

Der Sommer in der Neustadt spielt auf der Straße. Und auf dem Scheune-Vorplatz. Vor zwei Jahren wurde das Areal wegen sich häufender Kriminalitätsdelikte durch die Polizei als „gefährlicher Ort“ benannt. Ein Etikett, das die Atmosphäre und das Treiben auf dem Platz verändert hat. Und heute? Was hat sich verbessert, gibt es andere, neue Probleme?

Erst am vergangenen Freitag kam es in der Nähe des Scheune-Vorplatzes zu einem brutalen Raubüberfall. In der Louisenstraße, Ecke Alaunstraße wurde ein 37-Jähriger ausgeraubt, wenige Meter weiter schlug ihn ein Unbekannter nieder. Der Mann wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. In der Woche zuvor versuchte ein Tunesier, einen Syrer mit einem Messer zu attackieren. Meldungen wie diese sind in der Vergangenheit häufig aufgetaucht. Noch immer gilt das Areal als gefährlicher Ort, doch die Polizei prüft derzeit, ob die Einstufung beibehalten wird.

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Jährlich wird die Lage aufs Neue bewertet. Eine Tendenz ist bereits erkennbar. Laut Polizeisprecher Marko Laske haben die Straftaten nicht abgenommen. „Aktuell ist kein Rückgang der Delikte am Scheune-Vorplatz zu verzeichnen.“ Es häufen sich Diebstähle etwa von Taschen, Handys oder Geldbörsen. Auch werden nach wie vor Drogendelikte und Konflikte zwischen Einzelpersonen oder Gruppen beobachtet.

Dennoch sei die Situation mit den Jahren 2017 und 2018 nicht vergleichbar. Das findet zumindest Olaf Hornuf. Er ist eigens dafür da, den Scheune-Vorplatz kulturell zu beleben. Beim Neubau 2014 wurde das Areal bewusst so geplant, dass unbürokratisch Aktionen wie Konzerte, Lesungen, Poetry-Slams umgesetzt werden können. Jedoch war die reine Theorie kein Selbstläufer. Für die Praxis wurde deshalb Olaf Hornuf eingestellt. Ganz offensichtlich kommen mit ihm Dinge in Bewegung.

Olaf Hornuf auf "seinem" Scheunevorplatz 
Olaf Hornuf auf "seinem" Scheunevorplatz  © Sven Ellger

Neben mehrtägigen Debattenformaten wird nun vor der Scheune auch gesungen, getanzt, ein Tauschflohmarkt und mehr veranstaltet. „Wir bekommen allmählich Kontinuität ins Programm“, sagt Hornuf. Vieles gehe inzwischen einfacher. „Das liegt auch daran, dass der Stadtbezirksbeirat Projekte finanziell fördern kann.“ Zum Beispiel die neue Selbsthilfe-Fahrrad-Station. Mit all diesen Aktionen soll der Scheune-Vorplatz zu einem anderen Anziehungspunkt werden: Zu einem Ort, der Identität stiftet, an dem Dinge einfach möglich werden. Damit wandele sich die Stimmung des Platzes: „Wir verändern keine Menschen, aber wir ändern die Zusammensetzung“, bringt Hornuf seine Arbeit auf eine einfache Formel. Seine Beobachtung: Insgesamt habe sich die Lage beruhigt.

Neu sei aber der politische Zwist zwischen Gästen des Treffs Cafe 24 und My Bar 24 sowie Besuchern des Scheune-Vorplatzes. Im April ist die Situation eskaliert – Hitlergrüße wurden im 24-Stunden-Cafe gezeigt, es kam zu Flaschenwürfen und stundenlanger Polizeipräsenz. „Das ist absolut entbehrlich“, sagt Hornuf. Die Lage sei jedoch nicht nur schwarz-weiß zu sehen – will heißen rechts gegen links. „Ich glaube, da ist viel Testosteron und Provokation im Spiel. Grenzen werden ausgetestet. Das birgt Eskalationspotenzial.“ Mit dem Betreiber sei Hornuf im Gespräch. Der erkläre, auf sein Publikum achten zu wollen.

Reden – darauf setzt auch Nathalie Stratmeier. Die Streetworkerin der Diakonie ist in der Neustadt mit Jugendlichen in Kontakt, auch auf dem Scheune-Vorplatz. Die größte Veränderung, die sie beobachtet, ist die Verdrängung der Jugend aus dem Areal. Das habe mit der Polizeipräsenz, aber auch mit dem neuen, breiten Kulturangebot zu tun. „Für Jugendliche, die unter sich sein wollen, ist das nicht so super. Für sie wird es damit schwieriger, irgendwo sein zu dürfen. Sie machen meist immer die gleiche Erfahrung: Sie stören.“

Genau das sei eine der größten Herausforderungen. Wenn sich Parallelstrukturen bilden, sodass Jugendliche kein natürlicher Teil der Platzes mehr sind, sich ausgrenzen und ihre Aufenthaltsräume schwinden, erhöhe das die Konflikte. „Barrieren werden durch fehlende Begegnungen größer.“

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Stratmeiers Team bekommt nun noch Unterstützung. Mit dem Projekt Safe DD ist die Suchthilfe Leipzig neuerdings mit einem Angebot präsent, das sich an süchtige Erwachsene richtet. Das Projekt läuft erst an. Als Außenstehende beobachtet Heide Hemmann zunächst vor allem eins: der Platz ist nicht leicht zu fassen. Unterschiedlichste Menschen nutzen den Platz auf unterschiedlichste Art. Tagsüber sei das Klientel der Streetworker kaum anzutreffen, am Abend verändere sich das Bild aber. Regelmäßig wollen Hemmann und Co. nun vor Ort sein. Damit werden sie zu einem weiteren Baustein im Puzzle Scheune-Vorplatz.

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