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Wie Tennis in Corona-Zeiten funktioniert

Am sportlichen Vergleich auf dem Platz hat sich kaum etwas geändert, dafür an den Rahmenbedingungen. Ein Besuch auf der Tennis-Anlage am Weißen Hirsch.

Ein Idyll aus der Vogelperspektive. Über zehn Tennis-Plätze und zwei Kleinfelder verfügt die Anlage am Weißen Hirsch. Das Hauptgebäude, in dem sich auch das Klubrestaurant befindet, wird liebevoll "Platz 11" genannt.
Ein Idyll aus der Vogelperspektive. Über zehn Tennis-Plätze und zwei Kleinfelder verfügt die Anlage am Weißen Hirsch. Das Hauptgebäude, in dem sich auch das Klubrestaurant befindet, wird liebevoll "Platz 11" genannt. © ronaldbonss.com

Dresden. Ist nicht alles wie immer? Inmitten prächtiger Villen öffnet sich eine riesige grüne Oase voller Baumriesen – Eichen und Pappeln. Sie dämpfen dieses typisches Geräusch: Plopp, Pause, Plopp, Pause, Plopp. Am Weißen Hirsch im Nordosten von Dresden spielen sie wieder Tennis. Die grün gestrichene Eisentür am Eingang steht sperrangelweit offen. „Eingang“ verrät ein Schild. Wer hätte das gedacht? Geöffnet für alle – auch Besucher, offenbar wie immer. Schließlich wird dort schon seit 112 Jahren Tennis gespielt.

Dabei musste der sogenannte weiße Sport ebenfalls eine Zwangspause hinnehmen. Doch nach der ersten Welle der Corona-Pandemie sind die Individualisten am Racket mit die ersten Sportler, die ihren organisierten Mannschaftsbetrieb wieder hochfahren. Ein Punktspiel in der Oberliga der Frauen steht an: zwischen dem Team der Gastgeberinnen und den „Gästen“ aus der Stadt vom TC Blau-Weiß Blasewitz III. Die fünfthöchste Spielklasse Deutschlands ist nach der Ostliga die wichtigste, in der wieder gespielt wird – sechs Wochen später als eigentlich geplant. 1. und 2. Bundesliga sowie die Regionalliga haben ihre Saison abgesagt.

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Jeder Verein erstellt ein eigenes Hygienekonzept

Es nieselt am Weißen Hirsch. Astrid Speer, Corona-Beauftragte des Vereins, blickt besorgt gen Himmel. Wird der Regen stärker, könnte es ein Problem geben. Dann müssten sich die Spielerinnen ins Hauptgebäude zurückziehen. Dort wäre sogar eine Maske vorgeschrieben, denn es könnte eng werden. Vormittags überschneiden sich gleich vier Punktspiele in den verschiedenen Alters- und Leistungsklassen. Doch an der Eingangstür zur Veranda warnt ein Schild: „Maximal dürfen sich hier zwei Personen gleichzeitig aufhalten.“ Eine Besucherliste, im Zweifelsfall wichtig zur Nachverfolgung von Infektionsketten, liegt noch aus, wird aber mittlerweile kaum noch genutzt. „Die Ansetzungen“, sagt Speer, „hat der Verband ohne Rücksicht auf Verluste gemacht.“ Die Sozialpädagogin meint damit sowohl die Punktspieldichte auf einer Anlage als auch einige Ansetzungen mitten in den Ferien.

Die überall gut sichtbar angebrachten Hinweise beziehen sich auf Empfehlungen, die der Sächsische Tennis-Verband seinen Mitgliedsvereinen für die Zeit während der Corona-Pandemie an die Hand gegeben hat. Jeder Verein erstellt ein eigenes Hygienekonzept. Das verschickt der TC Bad Weißer Hirsch in der Woche vor dem Punktspiel an seine jeweiligen Gegner. „Das ergibt schon Sinn, weil jede Anlage natürlich andere Rahmenbedingungen bietet“, sagt Speer. Der Austausch untereinander ist wichtiger denn je. „Was nützt es unseren Gegnern, wenn sie an unserer Eingangstür erfahren, dass sie einen Mund-Nasenschutz hätten mitbringen müssen oder besser schon umgezogen erschienen wären.“

Derweil hat sich das Prozedere auf dem Tennisplatz kaum verändert, wenn man mal vom Verzicht auf den Handschlag zur Begrüßung oder zum Abschied absieht. Nur die Rahmenbedingungen sind andere, derzeit Woche für Woche entspanntere. Auf den Spielerbänken dürfen während der kleinen Pausen sogar zwei Menschen gleichzeitig Platz nehmen, trotz des Gebots für 1,5 Meter Mindestabstand. Meist sitzt dort eine Mitspielerin oder ein Betreuer. „Die Bank ist zwei Meter breit“, rechnet Vorstandsmitglied Rudolf Hadwiger schmunzelnd vor und winkt dann ab: „Die trainieren ja in der Woche dreimal miteinander, sind auch befreundet. Eigentlich ist das wie aus einem Hausstand.“ In den Doppeln ließe sich der empfohlene Mindestabstand ohnehin nicht durchweg einhalten. „Einige Regeln gehen an der Realität vorbei. Aber wichtig ist, dass wir überhaupt wieder etwas machen dürfen“, sagt Speer.

Manche Partien entwickeln solch eine Spannung, dass sich direkt hinter den Spielerbänken am umzäunten Platz Menschengruppen aus sieben bis acht Personen bilden. Auf Abstand achtet da kaum einer. „Soll man da jetzt immer einschreiten, oder nimmt man an, dass es sich um Familienangehörige oder Mitspielerinnen handelt“, fragt sich nicht nur Speer. Die Spielerbänke sind im Normalfall von ihren Benutzern nach jedem Spiel zu desinfizieren. Auch dazu gibt es Alternativen. „Wir schlagen unseren Gegnern beispielsweise vor, zusätzliche Handtücher als Sitzunterlage mitzubringen“, erläutert sie.

Spielerinnen nutzen Handschuh oder -tuch

Der augenscheinlichste Unterschied spielt sich dennoch auf dem Platz ab, aber abseits oder vielmehr nach dem Spielgeschehen. Auf diesem Leistungsniveau müssen die Spielerinnen nach der Partie ihre Seite des Platzes mit einem Schleppnetz abziehen, also Unebenheiten begradigen. Dafür, so sieht es das Hygienekonzept des TC Bad Weißer Hirsch vor, sollen die Akteure Handschuhe anziehen, um Übertragungswege des Corona-Virus zu minimieren. Einige Spielerinnen nutzen dafür auch ein Handtuch. Anderen wiederum ist diese Anweisung noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen. „Wir versuchen, steuernd einzugreifen, immer in der Annahme, dass man es richtig macht“, sagt Hadwiger.

Die Grenzen zwischen weichen Vorgaben und strikten Regeln sind fließend. Das weiß auch der Verband und hat die Strafen bei Verstößen gegen die Spielordnung gelockert. Wer seine Mannschaft in dieser Zeit kurzfristig aus dem Spielbetrieb abmeldet, muss ebenso wenig mit Geldbußen rechnen, wie ein Team, das statt mit mindestens sechs Spielerinnen nur mit fünf antreten kann – nach Absprache mit dem jeweiligen Gegner, versteht sich. „Die Leute haben jetzt eine Orientierung. Das ist das Wichtigste“, sagt Speer – viel mehr aber leider noch nicht.

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