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Wieso der Rekordsieger auf Busfahrer umschult

Er gilt als faules Talent. Doch dann gewinnt Steffen Wesemann die Friedensfahrt so oft wie kein anderer - was Täve Schur besonders ärgert.

Zwei Freunde des Radsports. Steffen Wesemann, Sieger bei der Friedenfahrt 2006, umarmt den als Teufel verkleideten Didi Senft nach der Ankunft in Frankfurt.
Zwei Freunde des Radsports. Steffen Wesemann, Sieger bei der Friedenfahrt 2006, umarmt den als Teufel verkleideten Didi Senft nach der Ankunft in Frankfurt. © dpa

Früher saß er Tausende Kilometer auf dem Rennrad, jetzt im Bus. Steffen Wesemann, der Rekordsieger der Friedensfahrt, hat umgesattelt – fuhr erst Lkw und seit diesem Frühjahr den Stadtbus im Schweizer Kanton Aarau. Vom Radprofi zum Busfahrer.

Ein ungewöhnlicher Lebensweg, den der gebürtige Wolmirstedter gegangen ist. „Es wartet ja keiner auf einen ehemaligen Radsportler“, meint der 48-Jährige. „Ich war lange selbstständig, konnte also nicht so wählerisch sein. Einen Schlosser und Metallbauer, der auf einer russischen Drehbank gelernt hatte, brauchte ja keiner mehr.“

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Nach seinem Karriereende 2008 hatte Wesemann mit seiner Expertise weiter im Radsport mitgemischt und handelte als Importeur mit hochwertigen Fahrradteilen. Gemeinsam mit Giro-Sieger Tony Rominger betreute er außerdem als Manager etwa 15 Radprofis. „Doch beide Branchen haben sich extrem verändert“, meint er. Als Selbstständiger zu überleben, habe er als ständigen Krampf erlebt. Darum entschied der Ex-Profi, die Geschäfte ruhen zu lassen.

Wesemann, der immer bodenständig geblieben ist, machte innerhalb von vier Wochen einen Lkw-Führerschein. An einem Donnerstag bestand er die Prüfung, erinnert er sich, am Montag darauf fuhr er mit seinem Truck für einen Lebensmittelkonzern Waren aus. Auf die Idee mit dem Bus brachten ihn dann Bekannte, und kurz darauf machte er den nächsten Führerschein. Nun fährt er in seiner Wahlheimat im Linienbetrieb den Stadtbus.

Erst fuhr der Wahl-Schweizer LKW, nun den Linienbus im Kanton Aarau.
Erst fuhr der Wahl-Schweizer LKW, nun den Linienbus im Kanton Aarau. © dpa

Seinen neuen Arbeitsweg von fünf Minuten sieht Wesemann als Luxus. „Früher war ich 200 Tage im Jahr unterwegs. Natürlich habe ich versucht, auch mal meine Familie mitzunehmen, aber das ist nicht dasselbe.“ Auf das Leben als Radsportler schaut Steffen Wesemann immer gern zurück – und gerade jetzt im Mai kommen besondere Erinnerungen hoch. Es war die Zeit der Friedensfahrt, die er nach der Wende wie kein anderer Fahrer dominierte. Fünfmal hat er die „Tour de France des Ostens“ gewonnen – eine einmalige Erfolgsgeschichte. „Daran hat Täve Schur immer noch schwer zu knabbern“, hatte Wesemann vor Jahren mal gesagt.

Durch die Friedensfahrt ist er überhaupt erst zum Radsport gekommen. „Das war ein großes Thema zu Hause, faszinierend. Es waren die Helden meiner Kindheit“, meint der einstige Klassikerspezialist. Auch sein Vater Wolfgang, der dreimalige DDR-Meister, hatte in den 1970er-Jahren dreimal an der Rundfahrt teilgenommen.

Für die Friedensfahrt im Mai konnte sich Wesemann immer quälen, ansonsten rundete sich spätestens im Juni das Bäuchlein des begnadeten Talents. Er liebte „Wein und Weib“. Dieser Ruf eilte ihm lange voraus. „Ja“, gibt er zu, „mit meinem Talent bin ich lange so durchs Sportlerleben gekommen. Klar träumte ich von großen Erfolgen, aber es gab mir nicht den Kick.“

Seinen größten Erfolg feierte Wesemann mit dem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt 2004. 
Seinen größten Erfolg feierte Wesemann mit dem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt 2004.  © dpa

Ende der Neunziger erlebte er seine persönliche Wende. Erst hatte er bei der Tour de Suisse seine spätere Frau Caroline kennengelernt und war im schweizerischen Küttigen sesshaft geworden. Als er kurze Zeit später mit der Erdbeerpflückerkrankheit, eine schwere Infektion, lange ausfiel, weil ihm über Wochen der Fuß eingeschlafen war, fragte er sich: „Wese, welchen Weg willst du eigentlich weiter gehen?“ Und entschied sich für die „100 Prozent im Radsport“.

Daraufhin rief er seinen alten Trainer Thomas Schedwi an, ob er wieder mit ihm arbeiten wolle. Der Coach wollte zu seinem Glück und traute seinem Schützling noch immer viel zu – unter einer Voraussetzung, „dass Steffen endgültig seine Wasserträger-Mentalität ablegt“. Gleich im Frühjahr 1999 gewann der Telekom-Fahrer zum vierten Mal die Gesamtwertung der Friedensfahrt. Bei seinen insgesamt sieben Starts auf dem „Course de la Paix“ eroberte er 29 Mal das Gelbe Trikot. Bei der Tour der France war er an der Seite von Jan Ullrich viermal am Start.

Doch seinen größten Erfolg feierte Wesemann mit dem Sieg bei der Flandern-Rundfahrt 2004. 40 Jahre nach Rudi Altig gewann mit dem Profi aus Sachsen-Anhalt wieder ein Deutscher den schweren Klassiker in Belgien. Das Kunststück gelang seitdem weder John Degenkolb oder Tony Martin noch Marcel Kittel. 2008 beendete Wesemann in seiner Heimatstadt Wolmirstedt seine Karriere. Für die Friedensfahrt war bereits zwei Jahre früher mit dem Sieg des Italieners Giampaolo Cheula Schluss.

Mit Beagle Belle und seiner Frau ist er gerade im Urlaub am Gardasee.
Mit Beagle Belle und seiner Frau ist er gerade im Urlaub am Gardasee. © privat

Eine Rückkehr aus der Schweiz kann sich Wesemann längst nicht mehr vorstellen. Die gemeinsame Tochter Svena (19) ist erwachsen und bald aus dem Haus. „Dass ich aus Deutschland wegwollte, stand schon lange für mich fest.“ In dem wiedervereinigten Deutschland nicht zu Hause. Wohin, war ihm eigentlich egal. „Ich bin doch nicht verrückt und hole eine Schweizerin nach Deutschland“, meint er.

Er genießt das ruhige und ländliche Leben in den Bergen. Wann er das letzte Mal auf dem Rennrad saß, kann der einstige Weltklasse-Fahrer nicht sagen. Von einem dreifachen Fußbruch vor zehn Jahren brauchte er lange, um sich zu erholen. „Wenn die Kondition fehlt, macht es auch keinen Spaß.“ Und als Lkw-Fahrer fehlte ihm dann Zeit für lange Ausfahrten, zudem war es ein körperlich anstrengender Job.

Mit Jagdhund Belle geht der Neu-Schweizer aber täglich lange spazieren. Für den Jagdschein drückte er noch einmal die Schulbank, im Juni ist die theoretische Prüfung. An Talenten mangelt es Steffen Wesemann jedenfalls nicht. Ob als Radfahrer, Busfahrer oder bald als Jäger.


Alle Teile der Serie:

Teil 1: Wie die Friedensfahrt zum Mythos wurde

Hunderttausende Zuschauer, Sieger als Volkshelden und plötzlich eine steile Wand - das Radrennen begeisterte die Massen. Die SZ erinnert an Triumphe und Tragödien.

Teil 2: Das turbulente Leben des Friedensfahrt-Ausreißers

Andreas Petermann wird mit dem Team Weltmeister über 100 Kilometer, aber bei der Friedensfahrt sorgt er allein für einen Husarenritt. Nach seiner Karriere arbeitet er auch in Marokko.

Teil 3: Die Wessis und die Friedensfahrt

Werner Stauff gelingt 1988 als viertem Fahrer der BRD ein Etappensieg – und er fragt sich danach, was er mit dem Preisgeld anfangen soll.

Teil 4: Friedensfahrtsieger macht Millionen-Umsätze - aber nur kurz

Seine Frau sagt: Ich war ja total stolz auf ihn. Doch Hans-Joachim Hartnick ist die Popularität nach dem Triumph 1976 eher unangenehm.

Teil 5: Die Friedensfahrt im Schatten der Katastrophe

Trotz des Unglücks in Tschernobyl startet die Friedensfahrt 1986 in Kiew – für die DDR-Sportler gibt es keine Diskussion.

Teil 6: Wie die Friedensfahrer die Schanze in Harrachov erklommen

1987 bietet das Rennen ein besonderes Spektakel - und Uwe Ampler gelingt Einmaliges. Den Sieger-Wartburg darf der Leipziger aber nur Probe fahren.

Treffen der Legenden

Am Donnerstag, dem 30. Mai, treffen sich Friedensfahrt-Legenden wie Gustav-Adolf "Täve" Schur, Uwe Ampler, Olaf Ludwig sowie internationale Größen am Radsportmuseum "Course de la Paix" in Bördeland, Ortsteil Kleinmühlingen. Zwischen 13 und 17 Uhr gibt es für Fans und Interessierte die Möglichkeit, mit ihnen ins Gespräch zu kommen.  Mehr dazu lesen Sie hier.