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„Wir erarbeiten kein Sparprogramm“

In Zeiten von Corona sind die kleinen Bühnen des Mittelsächsischen Theaters ein Problem. Der Intendant sucht Lösungen.

Seit Januar 2011 ist der gebürtige Weimarer Ralf-Peter Schulze Intendant des Mittelsächsischen Theaters.
Seit Januar 2011 ist der gebürtige Weimarer Ralf-Peter Schulze Intendant des Mittelsächsischen Theaters. © Archiv/André Braun

Region Döbeln. Der Intendant des Mittelsächsischen Theaters hört zurzeit oft die Frage „Wann spielt das Theater wieder?“ Viel entscheidender aber ist: Unter welchen Bedingungen findet Theater wieder statt? Sächsische.de sprach mit Ralf-Peter Schulze über Hygieneabstände, neue Theaterformate und die Seebühne.

Große Häuser haben schon bekannt gegeben, dass die Spielzeit 2019/20 beendet ist. Jetzt heißt es, dass die Theater ab 18. Mai wieder ihren Betrieb aufnehmen dürfen. Was ist nun geplant?

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Aufgrund der Allgemeinverfügung des Freistaates zur Eindämmung der Ausbreitung des Corona-Virus sind alle Vorstellungen bis 20. Mai abgesagt. Diese Verfügung wurde jetzt auf Bundesebene verlängert bis 5. Juni. Einige Länder, wie Sachsen, haben für die Staatstheater die Spielzeit 2019/20 für beendet erklärt. Die Empfehlung ging auch an die kommunalen Träger. Hier sind wir in intensiver Kommunikation mit den Gesellschaftern. 

Durch die sehr unterschiedlich kommunizierten Öffnungsprozesse erfolgen immer wieder neue Planungsabläufe. Eine wirkliche Herausforderung, denn die Abstandsregeln und Hygienekonzepte sind einzuhalten. Der Satz „Kinos, Theater und Kirchen können öffnen“, ist voller Widersprüche. Zwischen diesen Veranstaltungsorten und Präsentationsformen liegen Welten. Wir haben eine riesige Verantwortung für die Künstler und für unser Publikum, haben eine künstlerische Verantwortung für die Theaterarbeit selbst und für das künstlerische Gelingen.

Wie sieht ein Hygienekonzept für das Theater aus? Wie groß müssen die Sicherheitsabstände sowohl für Künstler als auch für das Publikum sein? 

Wir werden uns mit Sicherheit an die Sächsische Corona-Schutz-Verordnung halten. Wegen der Tröpfchen-Diffusion gelten für Sänger und Blasmusiker Mindestabstände. Für Streicher 1,5 Meter, für Blechbläser etwa zwei bis drei Meter. Wie schwer es da sein wird, ein Orchester zusammenzubekommen, ist vorstellbar. Im Orchestergraben geht gar nichts. Expressiv spielende Schauspieler und Sänger werden vier bis sechs Meter Abstand benötigen. 

Die Berliner Charité hat die Aerosolbildung und die Luftverströmungen von Instrumenten untersucht, Unfallkassen machen hilfreiche Vorschläge, doch unsere Bühnen sind klein, 10 bis 20 Quadratmeter Umgebungsluft für jeden Spieler auf der Bühne sind Pflicht. Lüftung der Räume, Desinfektion nach und vor den Proben. 

Da wir unser Theater am besten kennen, erarbeiten wir selbst entsprechende Konzepte. Das Gleiche gilt nun für die Zuschauerbereiche im Saal. 250 Zuschauer fasst das Freiberger Theater, Döbeln etwa 220. Bei gegenwärtigen Abstandsregeln fassen beide Hauser um die 55 Zuschauer. 

Zuwege in den Saal, Abstände, Toiletten, Gastronomie, das sind alles Sonderbedingungen die erarbeitet und realisiert werden müssen. Auch wenn ein Öffnungstermin steht, wir müssen die Voraussetzungen für die Theaterarbeit schaffen. Wir befinden uns in einem die Proben vorbereitenden Prozess. Arbeitsschutzausschuss und Betriebsrat begleiten die Vorbereitung. Mund- und Nasenbedeckung auf den Bühnen und in den Räumen des Theaters werden ernst genommen.

>>>Über die Ausbreitung des Coronavirus und über die Folgen in der Region Döbeln berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.<<<

Was wird es an Angeboten geben – unter Beachtung der Hygienevorschriften sowie der Finanzen, wenn nur ein Teil der Plätze besetzt werden darf?

Hinter dem Kunstbetrieb steht ja auch ein Wirtschaftsbetrieb. Prognostisch sind wir alle davon ausgegangen, dass eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs innerhalb der nächsten Monate vollumfänglich schwer möglich sein wird und es – auch nach Aufhebung sämtlicher behördlicher Anordnungen – zumindest bis zum 31. Dezember 2020 einen etwas eingeschränkten Spiel- und Produktionsbetrieb mit einem massiven Einnahmeausfall geben könnte. 

Wir reden jetzt von der nächsten Spielzeit, beginnend im September. Es wird nicht Alles, aber Vieles und Besonderes möglich sein. Wir werden es erproben. Auf der Bühne werden wir Theater und Konzerte vermitteln. Vielleicht spielen wir öfter, vielleicht werden die Formate etwas kürzer. Wir arbeiten an allem, was vorstellbar ist.

Wie geht es auf der Seebühne weiter?

Seebühne ging und geht gar nicht. Die Csardasfürstin, unsere Operette, wird im Sommer 2021 aufgeführt. Die Proben für dieses bereits sehr gut vorbereitete Event in diesem Jahr waren im April und Mai. Es gibt auf der Seebühne keinen Backstage-Bereich. Die Sänger, Schauspieler und viele Mitarbeiter kleiden, schminken, arbeiten in übereinandergestellten Containerburgen auf vielleicht sechs bis acht Quadratmeter für zehn Menschen. Näher geht’s kaum. Toilettenwagen für viele Zuschauer, in dieser Form geht es nicht.

Gibt es Pläne für die neue Spielzeit?

Schauspiel-, Opern- und Konzertaufführungen dürfen nicht nach Beschränkung aussehen, sie müssen sich weiterhin, wenn auch in anderen Formaten, in bestmöglicher Qualität entfalten. Wir erarbeiten kein Sparprogramm. Gerade jetzt muss das Theater seine vollständige Kraft entfalten. Es kommt darauf an, neue Formate zu entwickeln, Themen zu setzen. Theater ist Leidenschaft, Interaktion, Umarmung, Theater und Szene sind Emotion, ist schwitzende Schwerstarbeit, ist das Gegenteil von „Sterilität“, ist lebendig und verliebt.

Inwiefern beeinflusst das Auftrittsverbot die Kunst, das Künstlerische? Welche Initiativen, kreativen Ideen gibt es?

Unsere Musiker hatten solistisch besondere Auftritte, vor Sozial- und Pflegeeinrichtungen, unter freiem Himmel. Auch die Schauspieler arbeiten an Aufführungen. So soll „Der kleine August“ wieder in den Spielplan aufgenommen werden, ein Angebot an Eltern und Kinder. 

Vielleicht, wenn es klappt zum Kindertag am 1. Juni. Auch unseren Partnern wollen wir nach Möglichkeiten zur Seite stehen. Es wird an musikalisch-sängerischen Präsentationsformen gearbeitet. Wir proben unentwegt, bereiten vor und nach. 

Im Moment arbeiten wir an den „digitalen Auftritten“ an unseren „Grüßen in den Mai“. Täglich um 19.30 seit dem 1. Mai öffnet sich unser Vorhang virtuell. Sänger, Schauspieler und Musiker stellen sich in gut 90 Sekunden vor, übermitteln Grüße und präsentieren eine kurze Performance. Aufgenommen auf den Bühnen der Theater. Im Wesentlichen bereiten wir die Spielzeit 2020/21 vor.

Wie sieht die Kurzarbeit-Regelung für die angestellten Künstler aus?

Wir sind hier in Abhängigkeiten auch von der Entwicklung, dem Verlauf der Pandemie selbst. Um die Personalkapazitäten der aktuellen Situation anzupassen und um Entlassungen zu vermeiden, wurde Kurzarbeit eingeführt. Wie anders können wir fehlende Einnahmen kompensieren? 

Ich möchte es so formulieren: Wir werden die Kurzarbeit unserem Proben- und Vorstellungsbetrieb anpassen. Sobald es möglich ist, die Theaterarbeit wieder voll aufnehmen und die Kurzarbeit beenden.

Die Schließung ließ sämtliche Vorbereitungen von neuen Produktionen stoppen. War die bisherige Arbeit umsonst?

Umsonst ist nichts. Donizettis Oper „Don Pasquale“ wurde in den Proben abgebrochen, das Bühnenbild ist fertig, die Kostüme ebenso, wir erleben diese wunderschöne Oper im 1. Quartal 2021. Das Schauspiel „Zwei Lügen eine Wahrheit“ ist völlig fertig erarbeitet, erlebte die Generalprobe, die Premiere konnte nicht mehr stattfinden, ist nun geplant von September bis Oktober 2020. 

Ebenso das Schauspiel von Lutz Hübner „Furor“. Die Csardasfürstin auf der Seebühne ist um ein Jahr verschoben. Auch hier ist nichts dabei, was umsonst gedacht, geschneidert und gebaut wurde. 

Leider fällt das Bundestreffen der Theaterjugendclubs (BuT) im September in Döbeln ersatzlos aus. Hier ist viel Vorbereitung und gemeinsame Arbeit in eine Idee investiert worden, die ein hohes Engagement der Stadt ausdrückte. 

170 Jugendliche Theatermacher aus allen Bundesländern sollten für eine Woche in einem Festival ihre Arbeit vorstellen, waren in Döbeln zu beherbergen. Im Moment sind die Bedingungen für ein Festival ungeeignet, es war nicht zu realisieren. Das ist sehr bedauerlich.

Was wird aus den erworbenen Karten und Anrechten?

Die Karten verfallen nicht. Unser Publikum kann sie umtauschen für den Besuch einer anderen Vorstellung, den Ticketwert als Gutschein erhalten oder den Preis erstattet bekommen. Wir bedanken uns an der Stelle ganz besonders bei allen Theaterbesuchern, die dem Theater den Kartenwert gespendet haben. 

Und für diejenigen Zuschauer, die die Idee gern aufgreifen möchten: ein Schreiben an die Theaterkasse ist dafür ausreichend. Eine Umtauschfrist für die im Zusammenhang mit der Pandemie abgesagten Veranstaltungen gibt es nicht.Im Sommer geht Generalmusikdirektor (GMD) Raoul Grüneis. Probenspiele fallen coronabedingt aus. 

Wer übernimmt vorerst die Leitung des Orchesters?

Ein Jahr lang führt unser Erster Kapellmeister Jörg Pitschman als GMD die Philharmonie am Mittelsächsischen Theater. Unser Dirigent und Repetitor Jose Luis Guiterrez wird Kapellmeister. Sobald es möglich ist, wird das Auswahlverfahren fortgeführt. Die Philharmonie soll zum 1. August 2021 einen neuen GMD haben. 

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Ich bedauere den Abschied von Raoul Grüneis sehr. Es geht ein hervorragender Dirigent und Künstler. Er hat unser philharmonisches Orchester weiterentwickelt. Im Laufe der Zusammenarbeit sind viele einzigartige Aufführungen entstanden.

Es fragte: Dagmar Doms-Berger

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