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„Wir werden ständig angefeindet“

Hakenkreuz auf dem Auto, Beschimpfungen auf der Straße: Zuwanderer erzählen, was sie in Bautzen täglich erleben.

Hassan Chaaban, der eigentlich anders heißt, ist nicht der einzige, der in seinem Alltag in Bautzen Rassismus erlebt.
Hassan Chaaban, der eigentlich anders heißt, ist nicht der einzige, der in seinem Alltag in Bautzen Rassismus erlebt. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. Als Hassan Chaaban nach Deutschland kam, so erzählt er es, da hat er nicht viel erwartet. „Eigentlich wollte ich nach Frankreich und später Großbritannien“, erzählt der Syrer, der als Geflüchteter nach Deutschland kam. Er hatte keine hohen Ansprüche – aber er dachte, so etwas wie Hass und Rassismus, das sei Geschichte. Vier Jahre ist das her – mittlerweile wurde er schmerzlich eines Besseren belehrt.

Rassismus erlebt er im Alltag ständig. „Jeden Tag sind es neue Sachen“, sagt er. Wo soll er anfangen, zu erzählen? Bei dem Arzt in der Region, der ihn abgelehnt hat – mit der Begründung „wir nehmen keine Ausländer“? Oder bei dem Bank-Angestellten in Bautzen, der ihn kein Girokonto eröffnen ließ? Vielleicht doch lieber bei den Aufklebern, die ständig an der Haustür des Mehrfamilienhauses kleben, in dem er mit seiner Frau und dem einjährigen Kind lebt? „Refugees not welcome“, steht darauf.

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Hassan Chaaban zeigt die Fotos auf seinem Handy. Dreimal fand er die schon an seiner Tür. Und dann zeigt er das Foto, das eigentlich noch einmal alles toppt. „Ausländer raus“ steht darauf, daneben ist ein Hakenkreuz zu sehen. Vor wenigen Tagen klebte der auf seinem Auto. „Ich bin zum Baumarkt gefahren. Dort, auf dem Parkplatz, habe ich den Sticker entdeckt“, erzählt er. Und fügt hinzu: „Natürlich bekommt man da Angst.“ Er vermutet, dass ihn jemand kennt und beobachtet. „Wird irgendwann mein Auto brennen?“, fragt er sich.

Kein Einzelfall

Was Hassan Chaaban erzählt, klingt ungeheuerlich – wohl die wenigsten mit heller Haut- und Haarfarbe können von ähnlichen Erfahrungen berichten. Doch das ist kein Einzelfall. Er ist bei weitem nicht der einzige in Bautzen, der Geschichten wie diese auf Lager hat. Wenige Meter von Hassan Chaabans Wohnungstür entfernt, zum Beispiel, lebt Ali Khan, Mitte 20, aus Pakistan. „Wenn ich ins Zentrum gehe“, erzählt er, „dann sagen mir die Leute, dass ich nicht bleiben darf“. Nicht nur einmal riefen ihm Leute nach: „Scheiß Ausländer“. Zigarettenstummel und Müll im Briefkasten, das kennt er genauso wie Hassan Chaaban. Sogar ein blutiges Taschentuch hat ihm und seiner Freundin jemand in den Wäschekorb auf dem Dachboden gelegt.

Ahmed Arab sitzt bei seinem Ausbilder am Tisch, als er seine Geschichte erzählt. Auch dieser junge Syrer kam vor etwa vier Jahren nach Deutschland. Er beherrscht die deutsche Sprache schon ziemlich gut. Gerade macht er eine Ausbildung in Bautzen und weiß: Auch in der Berufsschule ist er vor Anfeindungen nicht sicher. „Ein Lehrer hat zu uns gesagt: Warte es nur ab, Ausländer werden alle abgeschoben.“ Doch die Dinge, die er in der Innenstadt erlebt hat, sind noch beklemmender. „Ich war mit einem Freund unterwegs, der hat eine dunkle Haut“, erzählt er. „Da kamen drei Männer, die haben uns mit Pistolen bedroht und ihn wegen der Hautfarbe beleidigt.“

Diesen Aufkleber fand der junge Mann aus Syrien vor Kurzem auf seinem Auto. Er hat Anzeige erstattet – doch die Angst bleibt.
Diesen Aufkleber fand der junge Mann aus Syrien vor Kurzem auf seinem Auto. Er hat Anzeige erstattet – doch die Angst bleibt. © privat

Wenn es um Alltagsrassismus geht, dann sind nicht immer gleich Waffen im Spiel. Tatsächlich sind die Anfeindungen oft viel subtiler. Unter anderem mit rassistischen Erfahrungen wie diesen setzt sich die Theatergruppe „Magdalena Bautzen“ auseinander. Elf Frauen sind in der Gruppe und haben auch schon auf der Bühne von ihren Erfahrungen erzählt. Subtiler Rassismus – was ist damit gemeint? „Da geht es eigentlich eher um einen abfälligen Blick oder Leute zeigen den Mittelfinger. Es kommt nicht zur Eskalation und das Umfeld nimmt es gar nicht wahr“, erklärt eine Frau. Einige aus der Gruppe wollen von ihren Erlebnissen erzählen.

Dass sie angestarrt wird, ist für Kalila Saab Alltag. Dreimal – das erzählt die Libanesin recht nüchtern – haben Männer auf der Straße sie angespuckt. Und mit dem Bus fährt sie nicht mehr, lieber läuft sie die drei Kilometer zur Arbeit. Zu oft sei der Busfahrer an ihr vorbeigefahren, als sie alleine an der Haltestelle stand – sie bezieht das auf ihr Kopftuch. Am Schlimmsten war es für sie, als eine Nachbarin – sie sagt, das war Absicht – ihren Sohn im Winter im Fahrradkeller einsperrte. Drei Stunden habe der Junge ausharren müssen, bis seine Mutter nach Hause kam. Niemand habe auf sein Rufen reagiert.

Getreten und gekniffen

Die Frauen in der Runde, sie kommen aus dem Erzählen nicht heraus. „Tot, tot, tot“, habe jemand vor die Wohnungstür einer Freundin geschrieben – eine andere sei getreten worden, einfach so. Viele Autofahrer, sagen sie, brüllen im Vorbeifahren und zeigen den Mittelfinger. Einer Frau aus Venezuela scheint ihre Erfahrung besonders nahe zu gehen. In ihrem Heimatland wurde sie verfolgt, weil sie für einen oppositionellen Politiker arbeitete – das ist die kurze Variante ihrer Geschichte. Fünfmal habe man versucht, sie umzubringen. Noch immer treibt ihr die Erinnerung Tränen in die Augen.

Und hier? Im Krankenhaus sagte man ihr, dass sie einen Arzt brauche, erzählt sie. Dann wird ihre Stimme laut. Sie steht auf und greift sich selber an den Arm, um zu zeigen, was ihr beim Hausarzt in Kamenz widerfahren ist. „So“, erzählt sie auf Spanisch, „haben sie mich gegriffen“. Dann zeichnet sie eine Tür in die Luft: „Wir nehmen keine Migranten“, die Begründung. Ein Schlaganfall drohte wegen des hohen Blutdrucks, hätte ihr das Krankenhaus gesagt. Fünf Ärzte in Kamenz fragte sie, niemand nahm sie. Nun fährt sie zum Arzt nach München, zu ihrer Tochter.

Weggezogen aus Angst

Nein, es geht ihnen allen nicht nur schlecht hier. Das werden sie nicht müde, zu betonen. Die meisten erzählen von den tollen Paten, die sie gefunden haben. Sind dankbar für den Job, in dem es gut läuft. Sprechen von Freunden, von vielen tollen Menschen. „Nicht die ganze Stadt ist furchtbar, aber es leben ein paar furchtbare Menschen hier“, fasst es eine Frau zusammen. Dennoch sind es so viele Geschichten, die die Menschen in und um Bautzen erzählen, dass sie sich gar nicht alle aufschreiben lassen in einem einzigen Artikel.

Viele erzählen von Freunden, die aus Angst weggezogen sind. Auch für Hassan Chaaban hat der Sticker mit dem Hakenkreuz etwas verändert. „Ich habe wirklich viel nachgedacht. Wie es weitergeht, vor allem mit meiner Tochter“, sagt er. „Viele sind bei der AfD, Pegida ist stark. Ich weiß nicht, ob ich hierbleiben kann, ob ich bleiben darf.“ Nachdem er aus seinem Heimatland geflohen war, hatte er einfache Ziele: Arbeit finden, eine Frau kennenlernen, eine Familie gründen. „Jetzt habe ich das alles“, sagt er, „aber...“ – dann bricht er ab.

Die Redaktion hat alle Namen geändert. 

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