merken
PLUS

Radebeul

Wird Radebeul zugebaut?

Der Verein für Denkmalpflege schützt Bau- und Landschaftskultur der Stadt. Doch die droht, verloren zu gehen. Ein Gespräch mit dem Vorsitzenden Jens Baumann.

Jens Baumann, Vorsitzender des in Radebeul einflussreichen Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen vor einem Weinberg inmitten von Villen in der Niederlößnitz.
Jens Baumann, Vorsitzender des in Radebeul einflussreichen Vereins für Denkmalpflege und neues Bauen vor einem Weinberg inmitten von Villen in der Niederlößnitz. ©  privat

Herr Baumann, an der Zinzendorfstraße verfällt seit Jahren eine berühmte Villa. Neben der Feuerwache in West stehen seit zwei Jahrzehnten Ruinen. Direkt am Goldschmidt-Park soll gebaut werden. Andernorts werden Grundstücke zwei- bis dreimal geteilt, um Bauplätze zu schaffen. Ist Radebeul als Gartenstadt dahin?

Die Gefahr besteht. Denn die Seele der Stadt sind die Freiräume, im Wechselspiel mit den zusammenhängenden Villengebieten, der Park zur Villa, die Weinberge, die öffentlichen Plätze, die sich gegenüber anschließender Bebauung deutlich abgrenzenden überkommenen Dorfstrukturen, der Weinberg zwischendrin – wie beim Bussardgelände oder bei der Oberen Bergstraße. 

Sächsische.de zum Hören!
Sächsische.de zum Hören!

Zu Hause, unterwegs, in der Pause – Sächsische.de kann man nicht nur lesen, sondern auch immer und überall hören. Hier befinden sich unsere Podcasts.

Schandflecke zwischendrin machen die Bemühungen aller zunichte; Eigentum verpflichtet auch und diese Verpflichtung muss eingefordert werden. Und jeder, der hier baut, muss sich doch eigentlich bewusst sein, dass er sich mit einem Allerweltsneubau das Radebeul verbaut, weshalb er hierher will und viel dafür zahlt. 

Wir als Verein setzen uns dafür ein, dass für die Bereiche Ober- und Niederlößnitz, jeweils gesondert, eine Erhaltungssatzung vom neuen Stadtrat ausgearbeitet und beschlossen wird. Damit können wir unter anderem das Einfügungsgebot nach Paragraf 34 Baugesetzbuch verstärken, etwa bei der Höhenentwicklung der Gebäude.

Denkmalschutz, Einfügen in die Umgebung stehen beim Verein ganz oben. Das kostet. Das können sich nur Reiche leisten. Wo bleiben da der durchschnittliche Mieter, junge Familien?

Die Forderungen nach Wohnhäusern für junge Familien, die bezahlbar sind, sind wichtig, da eine lebendige Stadt einen guten Bevölkerungsmix braucht. Mietwohnungsbau wird von uns also auch unterstützt – etwa am Standort Glasinvest bei einem Privatinvestor und an der Maxim-Gorki-Straße, wo die Genossenschaft WG Lößnitz baut. Es geht uns in unseren Stellungnahmen um die Bewahrung einzelner Stadtteilbereiche, die prägend sind, nicht immer gleich um die ganze Stadt. 

Eine Gestaltungssatzung war für uns wichtig für Altkötzschenbroda, die gibt es auch. Aber so eine Forderung ist eben niemals etwa für die Dresdner Straße sinnvoll. Aber egal ob Denkmalpflege, Mietwohnungsbau oder Altbausanierung – Baukultur darf für keinen Investor ein Fremdwort sein. Man kann auch mit Charme hierher passende Mietwohnungen bauen.

 Dazu gehört ein Auge für die Region, die Verwendung regionaltypischer Materialien, Harmonie zwischen Objekt und dem dazugehörigen Freiraum sowie ein Gespür für die richtige Größe. Häuser sollten sich auch nicht gegenüber ihrer Umgebung abkapseln, sondern sie bereichern.

 Das Denken darf nicht nur darauf ausgerichtet sein, den Grundstücksertrag zu maximieren, denn Gesellschaft sein zu wollen meint, ein Miteinander statt neben- oder gegeneinander zu agieren.

Das ganz große Vorhaben des Vereins ist das Begehbarmachen des Bismarckturms. 300 000 Euro hat der Verein gesammelt – eine Kraftaufgabe, die so noch niemand in Radebeul gestemmt hat. Musste deswegen anderes liegenbleiben?

Als Vorsitzender habe ich das Projekt über die Jahre hinweg am Laufen gehalten. Von Detailfragen – etwa welche Tür es sein soll – haben wir unser immer wieder auf das Wesentliche fokussiert, wie die Treppe und die Plattform, das künftige Umfeld mit Parkplatz wie natürlich immer auch die Spendensammlung. 

Dreimal musste sozusagen nachgesammelt werden, weil die Preise davongaloppierten. Mit 300 000 Euro haben wir damit auch das umfangreichste rein bürgerschaftlich getragene Projekt umgesetzt, die Treppe ist drinnen, die Plattform nun auch. Jeder sieht, dass die Fertigstellung greifbar ist und das Projekt erfolgreich abgeschlossen wird. Am 8. September, zum Tag des offenen Denkmals, wird der Turm nun der Öffentlichkeit übergeben.

 Und ganz nebenbei sind viele andere Dinge entstanden. Ich denke nur an die Fortführung des Bauherrenpreises – übrigens ist der Einsendeschluss für dieses Jahr der 31. August –, an die baldige Aufstellung der Skulptur „Die Kniende“ im Saunagarten des Krokofits oder an den Bilzplatz, allein auch ein Riesenprojekt von Verein, Anwohnern und Stadtverwaltung.

Baukultur schreibt sich jeder Stadtrat auf irgendeine Weise auf die Fahnen. Was kann der Verein mit mehr Nachdruck bewerkstelligen?

Es ist schön, wenn das alle Stadträte wollen; am schönsten wäre dann noch ein breiter Konsens darüber, was man unter Baukultur versteht und wie man diesen Konsens stringent umsetzt. Es ist ja oft so, dass manche unter Baukultur eine großzügige und möglichst nur nach Paragraf 34 der Baugesetzgebung geregelte Verdichtung, andere Begrenzung oder die nächsten Außenerweiterung verstehen – alles kann man begründen.

Der Verein kann da vor allem bündeln und eine Vorfelddiskussion führen – solange genug Zeit gegeben ist. Hier müssen wir auch umdenken, gute Entscheidungen brauchen Zeit. Am Ende stehen die Bauten ja auch über Generationen hinweg. Ein paar Beispiele: Mehr Radwege heißt weniger Platz für Wiese oder Auto oder Fußgänger, breitere Fußwege bedeuten schmalere Straßen, mehr Einwohner mehr Häuser und mehr notwendige Einrichtungen wie Kindergärten und Schulen. 

Wir müssen unsere Forderungen miteinander verbinden, uns klar zu einer Reihung bekennen, auch Ausgleich für die „Unterlegenen“ schaffen. Etwa preiswerten und vernetzten Nahverkehr, wenn wir den Autoverkehr reduzieren wollen. Der Verein hat es immer so gehalten: Unsere Forderungen sind nie plakativ, sondern stets mit einer möglichen Lösung verbunden. Wir sind unabhängig. Gute Fachleute sind in unseren Reihen. Da spielt Parteipolitik keine Rolle.

Das Baudezernat zieht den Denkmalpflegeverein mittlerweile gerne zu Stellungnahmen hinzu. Auch im Wissen, dass viele Bürger der Stadt hinter den Ansichten stehen. Welche Möglichkeiten nutzen Sie dafür?

Wir tun vor allem selbst etwas – siehe Plätze, Turm, Stellungnahmen, Themenabende. Insbesondere bleiben wir sachlich auf das Bauen bezogen, definieren Schwerpunkte und fordern Machbares, bieten in unseren Überlegungen Alternativen. Und ich denke, der Verein sichert zudem Heimat; dies schätzt man an uns. Wer sich hier in der Stadt engagiert, der ist der Stadt eng verbunden – das ist so im Denkmalverein, bei der Feuerwehr und in Sportvereinen.

Zum Bauen direkt. Häuser schießen in die Höhe. Und drumherum hinkt es?

Stimmt. Es gibt eine Diskrepanz zur Infrastruktur, diese hinkt hinterher und hält dem stärker werdenden Verkehr nicht mehr stand – siehe Meißner Straße, aber auch in vielen Nebenstraßen. Die Radfahrer beschweren sich zu Recht über mangelnde Sicherheit. Das Gleiche gilt für die Schulen, Kindergärten und die Sporteinrichtungen.

 Sie sind an ihrer Belastungsgrenze schon lange angelangt. Und jeder will solche öffentlichen Leistungen, wie etwa eben Sporteinrichtungen, für möglichst für wenig Geld nutzen, wobei diese Frage nie an der Kinokasse für Karten, Cola und Chips gestellt wird. Kurzum: Radebeul kann nicht dauernd wachsen, wir sind eine Stadt, die vielleicht 35 000 Einwohner verträgt, aber nicht 40 000.

Im Frühjahr brachte Stadtrat Jan Mücke (FDP) ein sogenanntes Eigentümermodell auf den Tisch. Einheimische sollten bevorzugt Wohnungen bekommen. Was halten Sie davon?

Sinnvoll ist das, wo die Kommune eigenes Land hat. Rechtlich abgesichert kann kein privater Investor gezwungen werden, wie es Herr Mücke für Glasinvest wollte. Daher denke ich, wie viele andere Räte auch, eher an die Kötitzer Straße, wenn dort die städtische Besitzgesellschaft baut. Aber auch entsprechend orientierte Mieten können sinnvoll sein, in Radebeul wird es kein verbilligtes kommunales Land für Eigenheimbau geben. Wir müssen uns auf faire Mieten für junge Familien und auf Mietsicherheit auch im Alter konzentrieren.

Viele Bürger in Deutschland sind verunsichert. Wo sind wir in zehn Jahren? Kann man sich das Wohnen in der Stadt noch leisten? Wo sehen Sie Radebeul in zehn Jahren?

Rücksichtnahme untereinander ist mir und unseren Mitgliedern im Verein ganz wichtig, eigentlich ist Rücksichtnahme der gesellschaftliche Kit. Grundstücksgrößen in den Villenbereichen oberhalb der Meißner Straße müssen erhalten bleiben. Es darf nicht nur eine Einordnung nach den gesetzlichen Maßen geben, sondern auch nach Aussehen, als Selbstverpflichtung der Eigentümer. Damit Radebeul sein Besonderes bewahren kann. 

Ich wünsche mir, dass in zehn Jahren an der Kötitzer Straße anspruchsvoller Mietwohnungsbau entstanden ist; Radebeul-West als zweites Stadtteilzentrum mit einem funktionierenden ehemaligen Bahnhofsgebäude mit Läden, Bibliothek, einem besonderen Kino, Galerie, Cafe, Gewerbe entwickelt wird. 

Naundorf soll seinen ländlichen Charakter, wie er derzeit von den Anwohnern gepflegt wird, bewahren. Altkötzschenbroda bleibt das Highlight der Stadt; Hoflößnitz und Wackerbarth sind geschätzte Weingüter. Die Weinbergstraße ist der Balkon Radebeuls, und der Zillerplatz wird wieder grüner und zum Verweilen – nicht nur für Autos – gestaltet. Gern würde ich einmal die Meißner Straße komplett fertig und ohne eine Baustelle sehen.

Und bei Verkehr und Infrastruktur?

Eine sichere Radverbindung längs durch die Stadt oberhalb und unterhalb der Meißner Straße sowie an ihr entlang muss es geben und nach Moritzburg. Die S-Bahn-Verbindung wie auch Straßenbahnverbindung sind schon heute zufriedenstellend, außer dass die Taktverdichtung ab Radebeul-West notwendig ist, wenn wir in Zitzschewig mehr Bebauung haben werden.

Interview: Peter Redlich

Mehr zum Thema Radebeul