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"Wollt ihr Krieg? Könnt ihr kriegen."

Eine knatternde Kettensäge, Handgreiflichkeiten und ein Drohbrief: In der Röderaue wird ein Mann auf bizarre Weise gegen seine Nachbarn ausfällig.

Jemanden am Kragen zu packen, kann einen vors Strafgericht bringen. Das musste jetzt ein 55-Jähriger aus der Röderaue erleben. Aber die Handgreiflichkeit war nicht der einzige Grund, aus dem der Mann auf der Anklagebank saß.
Jemanden am Kragen zu packen, kann einen vors Strafgericht bringen. Das musste jetzt ein 55-Jähriger aus der Röderaue erleben. Aber die Handgreiflichkeit war nicht der einzige Grund, aus dem der Mann auf der Anklagebank saß. © Pixabay/Rollstein

Riesa/Röderaue. Laute Musik aus dem Haus nebenan ist für ein Seniorenpaar S.** aus der Röderaue nichts Neues. In jener Januarnacht 2019 ist es den beiden aber zu viel. Ein Anruf beim Nachbarn soll dem Lärm ein Ende setzen. Statt Ruhe zu geben, wirft der Nachbar aber seine Kettensäge an und gibt Gas. 

Als Werner S. den Nachbarn tags darauf beim Gang zum Briefkasten sieht, spricht er ihn an, was das denn in der Nacht gewesen sei. Worte fliegen hin und her. Dann kommt der Nachbar näher. Er packt den 15 Jahre älteren Werner S. am Kragen, drückt ihn gegen eine Säule am Hoftor. Bedrohlich sei das gewesen, erinnert sich Werner S. im Amtsgericht Riesa. 

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Dort wird dem Nachbarn der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 55-Jährigen mit dem zauseligen Vollbart Körperverletzung wegen der Handgreiflichkeit vor.

Thermometer aus der Wand gerissen

Außerdem Sachbeschädigung: Denn der Nachbar war später an dem Tag noch einmal auf das Grundstück von Familie S. gegangen. Dort hatte er unter anderem ein Thermometer aus einer Wand gerissen und den Briefkasten demoliert – nachdem er nicht ins Haus gelassen wurde, wo er noch mal mit den Nachbarsleuten hatte reden wollen.

Aber das ist noch nicht alles: Weil das Seniorenpaar Anzeige erstattete, flatterte dem Nachbarn die Vorladung der Polizei ins Haus. Darauf reagierte der 55-Jährige wiederum mit einem bizarren Drohbrief an das Ehepaar S. „Wollt ihr Krieg? Könnt ihr kriegen“, hieß es darin. Die Senioren so zur Rücknahme der Anzeige zu bewegen, wertet die Staatsanwaltschaft als Nötigung. Skurril: In dem Drohbrief ist auch von Versöhnung die Rede.

Vorfälle  sorgen für Angst

Doch Versöhnung dürfte es kaum geben. Ein nachbarschaftliches Verhältnis zwischen den Leuten, die schon Jahrzehnte nebeneinander leben, gibt es nicht mehr. Petra S. wünscht sich sogar, nicht mehr in ihrem Haus zu wohnen. Sie habe Angst, „dass wieder etwas passiert“. Eher am Rande wird an dieser Stelle deutlich, dass das Verhältnis noch durch weitere Ausfälle des Nachbarn belastet ist, die auch schon die Justiz in anderen Verfahren beschäftigen.

Der 55-jährige Nachbar, der ohne Anwalt auf der Anklagebank sitzt, zeichnet ein anderes Bild von sich. Schon seit Kindheitstagen sei er stigmatisiert, weil seine Eltern schon „nicht ins damalige Klischee gepasst“ hätten. Er sei „der Junge der Bekloppten gewesen“, so der Frührentner.

Dass er im Januar 2019 die Musik so laut aufgedreht hatte, erklärt der Mann mit Frustbewältigung: Es gebe Konflikte mit seinen Kindern, die den Kontakt abgebrochen hätten. Seine Enkel könne er nicht sehen. Und dann sei da noch der Stress mit den Behörden wegen eines Fahrverbots gewesen. 

Die Kettensägen-Aktion nach dem nächtlichen Telefonat sei eine reine Provokation gewesen, gibt der Nachbar zu. Das beschädigte Thermometer habe er ersetzt. Was den Brief angeht: Der sei unüberlegt gewesen. „Ich war in Rage, kann nur hoffen, dass die Nachbarn den vergessen haben.“ 

Dem Seniorenpaar sagt er, dass ihm der Brief leidtue und er in Frieden mit ihnen leben wolle – auch wenn es wohl nie wieder werde wie früher. Die Nachbarn bräuchten keine Angst haben, dass von ihm Gewalt ausgehe. Das wolle er beim Heiligsten, was er habe, schwören: „Beim Grab meiner Mutter.“

„Als ob ich der Dorfjude wär“

Doch längst nicht immer gibt sich der 55-Jährige in dem Prozess so reumütig; stattdessen wird er immer wieder aufbrausend und hält wütende Monologe. Regt sich auf über das Landratsamt, das ihn bei seinen Führerschein-Problemen gar nicht richtig angehört habe. Er empört sich über den Amtsrichter, den er anherrscht, „autoritär“ zu sein und ihm nicht zu glauben. 

Heftig teilt der Mann auch gegen das Nachbarsehepaar aus, das sich „an jedem Pieps“ störe. Schwere verbale Geschütze fährt er gegen die Polizei auf, die nach Alarmierung durch die Nachbarn gleich mit zwei Autos statt einem gekommen sei, wodurch er sich fühle „als ob ich der Dorfjude wär“ und „die Nazis wieder an der Macht“ seien. Er, der eigentlich nur ein anständiger Bürger sein wolle.

Blick für Andere verloren

Weil der Mann unterm Strich aber im Wesentlichen einräumt, was ihm die Anklage vorwirft, steht am Ende eine Strafe: 2.000 Euro muss er wegen der Vergehen im Nachbarschaftsstreit und zweimaliges Fahren ohne Fahrerlaubnis zu einem anderen Zeitpunkt zahlen. 

Der Richter bleibt beim Strafmaß unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. „Ich glaube ihnen sogar, dass Sie eigentlich in Frieden leben wollen. Aber sie haben völlig den Blick für die Anderen verloren“, so der Amtsrichter, der dem Röderauer mehr Selbstkritik nahelegt.

** Name von der Redaktion geändert.

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