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Eine einzigartige Brücke über die B 169

Tausende Autofahrer unterqueren täglich ein merkwürdiges Bauwerk. Aber was passiert dort eigentlich?

Mehr als 100 Meter lang ist die Brücke, die seit einem Jahr die B 169 bei Röderau überspannt. Die Abfahrt rechts führt zur S 88 Richtung Nünchritz.
Mehr als 100 Meter lang ist die Brücke, die seit einem Jahr die B 169 bei Röderau überspannt. Die Abfahrt rechts führt zur S 88 Richtung Nünchritz. © Foto: Lutz Weidler

Zeithain. Brücken über die B 169 gibt es einige. Aber die weiße Röhre in Zeithain ist einzigartig. Im Vorbeifahren lässt sich nur erahnen, wofür das 2019 errichtete und mehr als 100 Meter lange Bauwerk dient. Der Zweck verbirgt sich gleich nebenan hinter einer aufgeschütteten Böschung - ein neu angelegter Kiessee, mit einem gelben Schwimmbagger mitten darin.

Dort stürzt das Wasser rauschend in die Tiefe, als die Baggerschaufel aus dem graubraunen Nass auftaucht. Die ganze Konstruktion vibriert, während die Last surrend weiter nach oben gleitet. Aus 16 Metern Tiefe hat der Schwimmbagger das begehrte Gut geholt: gut drei Kubikmeter Kies der Klasse vier. "Der Kies im Umfeld der Elbe hat die höchste Wertigkeit", sagt Dirk Menninger.

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Der Bergbau-Ingenieur mit reflektierender Warnjacke und Schutzhelm schaut zu, wie das tropfende Gemisch aus Kies, Geröll und Wasser auf eine gelbe Stahlrutsche stürzt. Es poltert, es rumpelt, es rüttelt. Der Fahrer des Schwimmbaggers dagegen hört in seiner schallgedämmten Kabine davon wenig. Und auch sonst bekommt den Krach kaum jemand mit: Die Wälle um die neue Kiesgrube an der B 169 halten den größten Teil des Schalls zurück. Und ohnehin sorgt die Bundesstraße direkt daneben mit einem konstanten Grundrauschen für eine permanente Geräuschkulisse. Laut den jüngsten Verkehrszählungen rollten dort täglich mehr als 20.000 Fahrzeuge vorbei, etwa jedes achte ist ein Lkw.

Im Vorjahr hatten die ard-Baustoffwerke begonnen, jenseits der B 169 ein neues Kiesfeld zu erschließen. Feld 1, das Zugfahrgäste auf der Strecke Riesa-Dresden direkt neben der Gleistrasse zu sehen bekommen, war erschöpft. Für Feld 2 allerdings musste zunächst eine Brücke über die Bundesstraße gebaut werden. Und auf die rollt der frisch ausgehobene Rohstoff nun zügig zu. 

Bevor der noch nasse Kies auf die in gutem Schritttempo laufenden Förderbänder geht, hat ein Sieb die größeren Felsbrocken allerdings zurückgehalten: Sie landen lärmend auf einem stählernen Kahn, der am Schwimmbagger vertäut ist. "Die Schute haben wir gebraucht angeschafft, die großen Steine verwenden wir für die Böschung zur Stabilisierung", sagt Menninger. Der 45-jährige ist Technischer Leiter im Unternehmen, das seinen Sitz im erzgebirgischen Drebach hat. Dort betreiben die ard-Baustoffwerke einen Steinbruch, in Zeithain dagegen steht vor allem der Kies im Mittelpunkt.

Dafür hat das Unternehmen nicht nur ein gebrauchtes Boot gekauft, sondern auch einen neuen Schwimmbagger gekauft. Der S 3200 kostet laut Liste eine siebenstellige Summe. "Wir investieren in den Standort", sagt Menninger. Für Feld 2 habe man insgesamt etwa 1,8 Millionen Euro in die Hand genommen. "So eine Summe ist keine Selbstverständlichkeit für ein kleines mittelständisches Unternehmen."

Dirk Menninger ist Technischer Leiter bei den ard-Baustoffwerken. Im Hintergrund Halden aus Alt-Asphalt, der im eigenen Asphaltwerk wiederverwendet wird.
Dirk Menninger ist Technischer Leiter bei den ard-Baustoffwerken. Im Hintergrund Halden aus Alt-Asphalt, der im eigenen Asphaltwerk wiederverwendet wird. © Sebastian Schultz

Am Standort Zeithain sind etwa ein Dutzend Mitarbeiter beschäftigt. Aktuell werden ein Industriekaufmann und ein Anlagenführer ausgebildet, zuletzt hat die Firma einen selbst ausgebildeten Anlagenführer übernommen. Auf der Anlage selbst hat der Kies per Förderband mittlerweile die markante Brücke erreicht, wo der Rohstoff in einer weißen Röhre verschwindet.

Die Brücke ist eine ganze Nummer größer und höher, als vergleichbare Konstruktionen. Das hat nur zum Teil etwas mit der Hochwassergefahr zu tun. "Weil die Behörden die B 169 noch etwas höher legen und etwas versetzen wollen, mussten wir die Brücke ohne einen Mittelpfeiler bauen", sagt Menninger. Nun hat sie eine Spannweite von mehr als 30 Metern. Auffällig dabei: Sie ragt noch weit ins Werksgelände hinein. Und das hat ebenfalls etwas mit einer Straße zu tun. Weil der Freistaat sich die Möglichkeit offen hält, später die S 88 ins Gewerbegebiet hinein zu verlängern, musste auch diese Fläche überbrückt werden. "Insgesamt spannt die Brücke 111 Meter ab", sagt Menninger.

So wurde die Brücke über die B 169 im März 2019 montiert.
So wurde die Brücke über die B 169 im März 2019 montiert. © Sebastian Schultz

Regulär in Betrieb ist Feld 2 nun seit dem vergangenen Herbst. Schon in den 90ern habe es aber Probebohrungen auf der Fläche gegeben. Das Ergebnis: Auf dem Ton im Untergrund lagert genug von der Elbe abgelagerter Kies, dass sich der Abbau lohnt.

Anwohner etwa im benachbarten Röderau bemerken an ihren Brunnen, dass der Grundwasserspiegel sinkt. "Das liegt aber nicht an uns, sondern an der Trockenheit", sagt Dirk Menninger, der dieselbe Beobachtung gemacht hat. In Zeithain sei der Grundwasserspiegel seit 1996 um zwei Meter gesunken. In der Börde in Sachsen-Anhalt seien es teils gar fünf Meter gewesen. Die Kiesgrube selbst verändere den Grundwasserspiegel dagegen kaum. Man pumpe kein Wasser ab. "Nötig wäre eigentlich ein Dauerregen", sagt der 45-Jährige.

Selbst Starkregen und Wind könnten allerdings dem Kies nichts anhaben, der jetzt mit einer Geschwindigkeit von etwa zehn km/h die Bundesstraße überquert: Die Kiesbrücke ist rundherum eingehaust, so dass der Ingenieur beim Betreten des Wartungssteigs parallel zum Förderband erst einmal das Licht anmachen muss. "Für die Brücke haben wir eine extra stabile Variante gewählt, damit auch bei starkem Wind kein Verkleidungsblech auf die Straße runter weht."

Jenseits der Fahrbahn geht die Fahrt schräg nach unten. Hier kommt eine große schwarze Halde in Sicht, die direkt an die Abfahrt von der S 88 angrenzt. Neben dem Kiesabbau gehört auch ein Asphaltwerk zum Standort Zeithain. Dort wird Alt-Asphalt wieder verwertet, der anderswo bei Straßenbauarbeiten abgefräst wird. "Das spart Bitumen, das aus Erdöl hergestellt wird", sagt Menninger. Das dritte Standbein liegt direkt daneben - ein Transportbetonwerk. Von hier aus werden umliegende Baustellen beliefert.

Eine Ansicht vom vergangenen August. Mittlerweile ist der Kiessee südlich der B 169 schon deutlich größer. Hinter dem blauen See liegt die Bahnstrecke Dresden-Leipzig, dahinter Zeithain.
Eine Ansicht vom vergangenen August. Mittlerweile ist der Kiessee südlich der B 169 schon deutlich größer. Hinter dem blauen See liegt die Bahnstrecke Dresden-Leipzig, dahinter Zeithain. © Lutz Weidler

Und auch der Kies ist hier auf dem Werksgelände an seiner vorläufigen Endstation angelangt. Mit Siebtechnik wird das Material in unterschiedliche Korngrößen getrennt, die verschiedene Haufen auf dem Areal bilden. Bei der bisherigen Förderung reicht das Material für die nächsten 13 bis 15 Jahre. Ausgelegt ist das Zeithainer Werk für den Abbau von 300.000 Tonnen pro Jahr.

Gebaggert wird dabei mittlerweile nach modernster Technik: Vier Echolote loten permanent den Wasserstand aus, so dass ein digitales Abbild der Grube entsteht. "So sieht der Baggerfahrer, wo er gerade ist und wo es noch was zu holen gibt", sagt der Ingenieur. Auch, wenn irgendwo eine Kante nachrutscht, taucht die Rutschung umgehend auf dem Bildschirm auf. So lässt sich sehr genau kontrollieren, wie es um die Böschungen steht. "So was gab es früher nicht . Da wurde alle zwei Jahre mit einem Boot und Sonar kontrolliert, da haben wir quasi im Blindflug gearbeitet", sagt Menninger. Er ist jetzt häufiger in Zeithain, seit sich das Unternehmen und der langjährige Zeithainer Betriebsleiter Michael Runge getrennt haben. "In gegenseitigem Einvernehmen", wie der Technische Leiter betont.

So sieht die neue Kiesgrube auf dem Computer aus. Das Bild wird aktuell von den Daten vierer Echolote erzeugt.
So sieht die neue Kiesgrube auf dem Computer aus. Das Bild wird aktuell von den Daten vierer Echolote erzeugt. © Sebastian Schultz

Aber was bleibt übrig, wenn der Kies alle ist? Kiesseen - wie es nicht nur bei den ard-Baustoffwerken, sondern auch bei Holcim nebenan und deutlich größer bei Elbekies in Mühlberg welche gibt. Schilf und Fische und andere Wassertiere kommen dann von allein. Das merkt man auch daran, dass im Feld 1 immer wieder Angler ertappt werden, die dort verbotenerweise ihre Ruten auswerfen. "Angeln und Baden ist deshalb verboten, weil es bei uns sehr gefährlich ist", sagt der Technische Leiter. Weil das Wasser durch die Temperaturunterschiede geschichtet ist, könne es unerwartete Strömungen im Untergrund geben. "Viele tödliche Badeunfälle kommen deshalb in Baggerseen vor."

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