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Zweifel an der ersten Corona-Toten

Die Bannewitzerin starb Anfang April. Nun gibt es Indizien für eine andere Todesursache. Wieso kam sie trotzdem in die Statistik?

Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das neuartige Coronavirus (orange). Getestet wurde die verstorbene Bannewitzerin nicht.
Eine undatierte elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt das neuartige Coronavirus (orange). Getestet wurde die verstorbene Bannewitzerin nicht. © NIAID-RML/AP/dpa

Sie gilt als erstes Todesopfer des Coronavirus im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: eine 82-jährige Bannewitzerin, die am 2. April starb. Tags darauf verbreitete das Landratsamt Pirna die Nachricht in seiner täglichen Pressemitteilung. "Bei einer in Bannewitz verstorbenen weiblichen Person (82) stellte der zuständige Notarzt am gestrigen Tag Covid-19 fest. Unser Beileid gilt der Familie der Verstorbenen."

Seitdem sind zwei weitere betagte Personen im Landkreis der tückischen Lungenkrankheit erlegen.  Allerdings gibt es im Fall der Bannewitzerin Zweifel, dass sie tatsächlich an Covid-19 starb. Die SZ hat recherchiert, wie es dazu kam, dass sie trotzdem in die offizielle Statistik gelangte. 

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Skeptisch waren die Angehörigen der Verstorbenen recht schnell. „Der Ehemann und zwei nahe Verwandte wurden im Hausbesuch beprobt und unter Quarantäne gestellt“, sagt der Bannewitzer Bürgermeister Christoph Fröse (parteilos). Allerdings: „Die Ergebnisse beider notwendiger Tests sind bei allen drei Familienmitgliedern negativ ausgefallen.“ Deshalb geht die Familie davon aus, dass auch die Verstorbene nicht infiziert war.

Was hat der Notarzt festgestellt?

Fraglich ist zudem, wie der Notarzt zu seiner angeblichen Feststellung gekommen sein soll. Denn ein Notarzt, der zu einem für ihn in der Regel unbekannten Patienten gerufen wird, kann mit seinen Mitteln grundsätzlich keine Corona-Diagnose stellen. Dies ist einzig und allein bei einem Labortest, wenn er zu Lebzeiten durchgeführt wurde, möglich. Nach dem Ableben können Rechtsmediziner nur bei einer Obduktion den Erreger nachweisen.

Laut Informationen aus dem familiären Umfeld habe der Notarzt bei der Seniorin in Bannewitz einen „Atemwegsinfekt“ als Todesursache diagnostiziert. Wie jetzt Sabine Forgber, zuständige Amtsleiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, nach mehreren telefonischen und schriftlichen Anfragen bei der Pressestelle des Landratsamtes bestätigte, habe der Notarzt lediglich den „Verdacht“ auf Covid-19 geäußert. Die Behörde sei zunächst telefonisch vom Tod der Frau informiert worden, so Forgber. Dabei hätte die Frage im Raum gestanden, ob an der Toten noch ein Corona-Test durchgeführt werden solle.

"Nicht laborbestätigte Tote"

Auf Empfehlung der Landesuntersuchungsanstalt Sachsen seien Verstorbene zum damaligen Zeitpunkt nach dem Tod nicht bzw. nur sofort nach Todeseintritt auf Coronaviren untersucht worden. „Zum Zeitpunkt des Bekanntwerdens des Todesfalls ist ein Coronatest an der Verstorbenen nicht mehr möglich gewesen“, so die zuständige Beigeordnete Kati Hille (CDU). 

Da auf dem Totenschein weder ein „nicht natürlicher Tod“ noch eine „ungeklärte Todesart“ attestiert wurden, hätte man es nicht für erforderlich gehalten, eine Obduktion durchzuführen. In der Statistik des Gesundheitsamtes wird die Tote deshalb auch als "nicht laborbestätigte Tote im Zusammenhang mit Covid-19“ geführt, so die zuständige Amtsleiterin Sabine Forgber.

Zwei weitere Todesfälle

Warum dann die übereilte Veröffentlichung ohne Bestätigung? „Für die zu erfolgenden zentralen Meldungen von Verstorbenen im Zusammenhang mit Covid-19 könne auf Weisung des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz nicht auf die Vorlage des Totenscheines gewartet werden“, sagt Forgber.

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Die anderen beiden bislang im Landkreis „mit Covid-19“ verstorbenen Senioren hätten „chronische Vorerkrankungen“ gehabt und waren „zu Lebzeiten positiv getestet worden“, teilt das Gesundheitsamt auf Nachfrage mit. So war am 11. April eine 96-jährige Bewohnerin des ASB-Seniorenpflegeheimes Hohnstein an den Folgen der Viruserkrankung gestorben. Darüber hinaus war zuletzt am 18. April ein 82-jähriger Sebnitzer nach einer stationären Behandlung im Klinikum Pirna der Viruserkrankung erlegen.

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