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Die Träume sind wieder wach

Mit 88 macht der Pirnaer Marcel Weise den Krieg noch einmal durch: Aus alten Notizen entsteht sein Überlebensbericht.

Sechs Jahre das Notizbuch in der Brusttasche: Marcel Weise aus Pirna protokollierte den Zweiten Weltkrieg. Das Foto zeigt ihn 1941 als 28-jährigen Unteroffizier.
Sechs Jahre das Notizbuch in der Brusttasche: Marcel Weise aus Pirna protokollierte den Zweiten Weltkrieg. Das Foto zeigt ihn 1941 als 28-jährigen Unteroffizier. © Repro: Daniel Schäfer

Das Gehäuse ist zerschrammt. Aber das Auge dieser Klappkamera von Zeiss Ikon ist klar. So klar wie an dem Tag, als sie der Uhrmacher Marcel Weise für 28 Reichsmark kaufte. In den Jahren danach hat das Auge viel gesehen: Lustige Landser auf sonnigen Wegen, traurige Trümmer zerschossener Dörfer, krepierende Granaten, durchbohrte Panzer, frische Birkenkreuze, auf denen Stahlhelme ruhen. Es liegt noch ein Film in der Kamera. Das Zählwerk steht bei drei. Was da wohl drauf sein mag?

Uhrmachermeister Gert Weise, 79, sitzt in seiner Pirnaer Stube, um ihn herum das Ticken und Schlagen von Standuhren und Regulatoren. Gäste müssen das aushalten, sagt er lächelnd. Ihm selbst würden die Geräusche wohl erst wieder auffallen, wenn sie nicht mehr da wären. Uhren sind sein Leben. Sie waren es auch für seinen Vater Marcel. Seine Taschenuhr, die er den ganzen Zweiten Weltkrieg über bei sich getragen hatte, musste er noch kurz vor der Haustür einem Sowjetsoldaten abtreten. Die Kamera aber hat er bewahrt.  

"Das Elend des Krieges darf nicht vergessen werden." Gert Weise mit der Zeiss-Kamera seines Vaters Marcel, der damit über die Schlachtfelder zog.
"Das Elend des Krieges darf nicht vergessen werden." Gert Weise mit der Zeiss-Kamera seines Vaters Marcel, der damit über die Schlachtfelder zog. © Daniel Schäfer

Was die drei Aufnahmen zeigen könnten? Gert Weise hat keine Ahnung. Aber sicher nichts vom Krieg. Sein Vater war in allen Dingen sehr genau. Würden die Bilder zu seinen Kriegserlebnissen gehören, würden sie mit im Album stecken, und im Tagebuch. Beides gibt es noch nicht allzu lange, obwohl das Kriegsende nun 75 Jahre her ist. Fotos und Notizen lagerten in Tüten und Pappschachteln. Erst Anfang der 2000er machte sich Marcel Weise 88-jährig ans Ordnen und begann, seine Geschichte vom Krieg zu schreiben, seine Überlebensgeschichte.

Kugel steckte noch im Bein

Das Tagebuch ist ein dicker, bis zum Bersten gefüllter Aktenordner. 132 Seiten, bedeckt mit breiter, leicht eckiger aber gut lesbarer Handschrift. Das war der Zweck der Übung, sagt Gert Weise. Die Familie hatte Opa Marcel gedrängt, seine Erlebnisse zu Papier zu bringen, und zwar so, dass auch die Enkel und Urenkel sie einmal lesen können. 

Marcel Weises "Hundemarke". Mit dem Infanterie-Regiment 414 zog er 1939 als Besatzungssoldat ins eroberte Polen.
Marcel Weises "Hundemarke". Mit dem Infanterie-Regiment 414 zog er 1939 als Besatzungssoldat ins eroberte Polen. © Foto: SZ/Jörg Stock

Vom Krieg hatte Marcel Weise gelegentlich erzählt. Aber nur, wenn man ihn danach fragte, oder wenn sein "Schuss", der im linken Oberschenkel steckte, beim Wetterumschwung drückte. Es schien, als habe er das Thema beiseite gelegt. Doch dann setzte er sich ohne viel Aufhebens an den Schreibtisch. Es war Winter, und der hingebungsvolle Gärtner und Wanderer hatte Zeit genug. Doch stellten sich Nebenwirkungen ein, die Marcel Weise seinem Bericht vorausschickt: "Jetzt, nach dem Schreiben, sind die Erinnerungen wieder wach, und die Träume auch."

Marcel ist kein gängiger Name für einen deutschen Knaben des Jahrgangs 1913. Die Wahl mag mit seiner Mutter Marie Therese zu tun haben, die aus Frankreich stammte. Vater Eugen, Begründer der Uhrmacher-Dynastie Weise, hatte sie einst auf der Wanderschaft kennengelernt.  

Als Sanitäts-Unteroffizier ist Marcel Weise mit an vorderster Front. Hier ein verlassener sowjetischer Panzer bei Babrujsk in Weißrussland.
Als Sanitäts-Unteroffizier ist Marcel Weise mit an vorderster Front. Hier ein verlassener sowjetischer Panzer bei Babrujsk in Weißrussland. © Repro: Daniel Schäfer

Marcel wuchs in Dresden und Arnsdorf auf. Er hatte drei Schwestern und einen besonders geliebten Bruder, Harry. Er fiel später in Russland. In Pirna verliebte sich Marcel in die Hausangestellte Martha und heiratete sie 1939. Das Paar bekam eine Wohnung in Pirnas "Hermann-Göring-Siedlung", damals gefeiert als "Denkmal des nationalsozialistischen Aufbauwillens". Doch ehe die beiden einziehen konnten, musste Marcel zur Wehrmacht einrücken. Am 1. September 1939 begann der Krieg.

Leichen gestapelt wie Holz

Vom ersten Tag an steckte in Marcel Weises rechter Brusttasche ein Notizbuch. Er protokollierte den Krieg in Stichpunkten, notierte Einsätze, Ortsnamen, Marschkilometer. Grausigste Anblicke schreibt er nüchtern nieder. "Überall liegen gefallene Russen. Mäuse springen aus ihren Uniformen." Als die Wehrmacht vor Moskau erfriert, schildert er ein in den Frostboden gesprengtes Massengrab, in dem die Toten anderthalb Meter hoch "wie Holz aufgeschichtet" liegen. 

"Freundliche Leute." Marcel Weise fotografiert 1939 in Polen Bauersfrauen beim Waschtag am Dorfbach.
"Freundliche Leute." Marcel Weise fotografiert 1939 in Polen Bauersfrauen beim Waschtag am Dorfbach. © Foto: Marcel Weise

Aber auch Eigenarten von Land und Leuten notiert Marcel Weise. Offenbar sah er die Welt um sich her nicht nur als Soldat, sondern auch als Reisender. Polnisches Landvolk, das im Sonntagsstaat zur Kirche zieht, die Einladung zu einer Bauernhochzeit oder eine funzelige Stube, in der Mädchen am Spinnrad sitzen und singen, füllen viele Zeilen seines Tagebuchs.

Über Szenen wie diese wundert sich Sohn Gert am meisten. Warum kam sein Vater mit so vielen Einheimischen in Kontakt? Warum saß er an ihren Tischen, tanzte auf ihren Festen? "Er war doch ein Angreifer!" Gerade im überfallenen Polen, durch das Weises Einheit, ihrer Pferde wegen, immer von Dorf zu Dorf zieht, spürt Weise, zumindest laut Tagebuch, keinerlei Hass. Er habe dort "sehr freundliche Leute" getroffen.

Schlamm gehört zu den ärgsten Gegnern der Wehrmacht: Verpflegungsfahrt auf dem Dorf in Südostpolen.
Schlamm gehört zu den ärgsten Gegnern der Wehrmacht: Verpflegungsfahrt auf dem Dorf in Südostpolen. © Foto: Marcel Weise

Nach 1941, dem Desaster vor Moskau, ist Marcel Weises Tagebuch ein Protokoll der Rückzugsgefechte. "Den Glauben an einen Sieg haben wir längst verloren", schreibt er. Versetzt zu einem Pionier-Bataillon wird Weise von den sowjetischen Truppen immer weiter nach Westen getrieben, durch die Ukraine, durch Rumänien, durch Ungarn, bis nach Österreich. Mit Karabinern lässt sich kein Panzer aufhalten.

Überlebt durch Ungehorsam

Ironischerweise überlebt der Mann, der später als außerordentlich pflichtbewusst und genau gelten wird, gerade durch Ungehorsam. Statt sinnlosen Befehlen zu gehorchen, tut er das, was ihm der Verstand sagt. Er setzt sich ab, er marschiert eigene Wege, er schlägt sich durch. So langt er am 16. Juni 1945, abends, kurz vor zehn, in Pirna an, zwar ohne Taschenuhr, dafür aber mit einem Brot und einer großen Dose Eisbein im Gepäck.

Manchmal bis in die Nacht am Arbeitsplatz: Uhrmachermeister Marcel Weise 1973 in seinem Laden auf der Pirnaer Schuhgasse.
Manchmal bis in die Nacht am Arbeitsplatz: Uhrmachermeister Marcel Weise 1973 in seinem Laden auf der Pirnaer Schuhgasse. © Repro: Daniel Schäfer

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In Teil 2 der Serie lesen Sie: Bejubelt in den Krieg - Marcel Weise am Westwall

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