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Wie eine Autistin an der Bürokratie scheitert

Regine Görlich möchte in Dresden eine Wohngemeinschaft gründen. Jahrelang kämpft sie für ein selbstbestimmtes Leben. Bisher erfolglos.

Ihre einzige Art miteinander zu kommunizieren: Sigrid Görlich aus Dresden und ihre autistische Tochter Regine an der elektronischen Schreibhilfe.
Ihre einzige Art miteinander zu kommunizieren: Sigrid Görlich aus Dresden und ihre autistische Tochter Regine an der elektronischen Schreibhilfe. © Matthias Rietschel

Liebe Minister, ich bin Regine und brauche Ihre Hilfe. So beginnt die Nachricht, von der Mutter Sigrid Görlich nun einen Abzug in den Händen hält. Und ihre Tochter schreibt weiter: „René, Mirko und ich möchten eine große Wohnung. Wir wollen selbstständiger werden, uns ärgert, dass alles so schwierig ist. Bitte helfen Sie uns.“ Wenn Sigrid Görlich diese Zeilen liest, geht ihr das nah.

Sie weiß um den großen Wunsch ihres Kindes. Noch mehr rührt sie, dass die 42-Jährige diesen Hilferuf ganz allein verfasst hat. Regine Görlich ist Autistin, spricht seit der Geburt nicht. Nur mithilfe eines kleinen elektronischen Kommunikationsgeräts kann sie sich ihren Mitmenschen mitteilen. Ihre Mutter hat es mit ihr geübt, seit sie ein Teenager war.

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Sigrid Görlich kümmert sich aufopferungsvoll um ihre Tochter. Sie leben zusammen in einer kleinen Wohnung. Ein paar Stunden am Tag wird Regine in der Caritas-Werkstatt betreut, den Rest des Tages verbringen beide gemeinsam. Seit einigen Jahren schaut die ehemalige Erzieherin jedoch voller Sorgen in die Zukunft. „Was wird aus Regine, wenn ich irgendwann mal nicht mehr kann?

Der Gedanke beschäftigte mich immer und immer wieder“, sagt die 68-Jährige. Regine in eine Betreuungseinrichtung geben, bringe sie nicht übers Herz. Vielmehr fand Sigrid Görlich Gefallen an der Idee, dass Regine mit anderen jungen behinderten Menschen zusammenlebt – in einer Art Wohngemeinschaft. Verschiedene Träger oder auch Vereine unterstützen solche Angebote in Sachsen, doch sie sind noch die Ausnahme.

Nicht geistig behindert

Sigrid Görlich nahm das Vorhaben also selbst in die Hand. Vor zwei Jahren etwa fing sie an, sich umzugucken. Bis heute jedoch ist ihr Ziel in weiter Ferne, wegen der Bürokratie.

Als sie noch ganz jung war, wurde bei Regine Frühkindlicher Autismus diagnostiziert. Sie leidet unter Autismusspektrumsstörungen. „Regine benutzt keine aktive Sprache. Kontakt zu ihren Bezugspersonen nimmt sie über geübte Gesten oder Bildkarten auf. Sie zeigt ihre Bedürfnisse aber auch mit Selbstverletzungen oder aggressivem Verhalten gegenüber anderen“, erklärt Anke Voigt, Diplom-Heilpädagogin in der Autismusambulanz am Universitätsklinikum Dresden. Sie kennt Regine schon seit vielen Jahren. „Für Außenstehende wirkt Regine geistig behindert, das entspricht aber nicht ihrem Intellekt.“

Anke Voigt und ihre Kollegen unterstützen das Vorhaben von Sigrid Görlich, ihre Tochter in einer WG unterzubringen. Eine sogenannte 24-Stunden-Assistenz würde die drei dann betreuen. „Regine braucht einen Rückzugsort und möglichst konstante Begleiter“, so die Heilpädagogin. . Größere Gruppen würden die junge Frau wegen der sozialen Reizüberflutung schnell überfordern. Außerdem besucht Regine regelmäßig eine Hauswirtschaftsgruppe.

Freunde haben keinen Anspruch

Zwei potenzielle Mitbewohner waren schnell gefunden: René, so wie Regine autistisch, und Mirko, der unter Trisomie 21 leidet. Beide kennen die Görlichs seit vielen Jahren schon aus der Autismusambulanz, sie sind in einem ähnlichen Alter wie Regine. Die Eltern der zwei Jungs waren sofort einverstanden.

Blieb nur die Frage, wie das Ganze finanziert werden soll. Alle drei jungen Leute beziehen Grundsicherung. Weil das Geld für eine Fünfraumwohnung nicht ausreicht, stellten sie den Antrag auf einen Wohnberechtigungsschein. Dieser ermöglicht es Mietern, unter bestimmten Voraussetzungen eine mit öffentlichen Mitteln geförderte Wohnung zu beziehen.

Diese Empfehlung hatte Sigrid Görlich auch von verschiedenen Vermietern in Dresden bekommen, bei denen sie vorgesprochen hatte. Da ahnte sie noch nicht, dass die geplante WG genau daran zu scheitern droht. Denn im Bundesgesetz über soziale Wohnraumförderung sind Wohngemeinschaften zwar vorgesehen, zum Haushalt dürfen aber nur Ehe- und Lebenspartner sowie deren nahe Verwandte gehören.

Bekanntschaften – sowie Regine und ihre zwei Freunde – haben demnach keinen Anspruch, egal ob behindert oder nicht. „In Dresden gibt es keinen bestimmten Wohnberechtigungsschein für diese Form des Zusammenwohnens“, bestätigt Anke Hoffmann vom Presseamt der Stadt.

In eine Einzelwohnung?

„Wir wollen als Eltern nichts weiter als unsere Kinder gut untergebracht zu wissen. Und dann kommen die Gesetze ins Spiel“, sagt Sigrid Görlich enttäuscht. „Behinderte Menschen müssen um alles kämpfen und bekommen nicht einmal recht.“ Tatsächlich stammt das Gesetz zur Wohnraumförderung aus dem Jahr 2001 – eine Zeit, in der der Gedanke der Inklusion noch in den Kinderschuhen steckte.

Sigrid Görlich ließ sich nicht beirren. Sie suchte Unterstützung beim Kommunalen Sozialverband Sachsen und bei verschiedenen Institutionen. Sie schrieb Briefe – unter anderem an den Behindertenbeauftragten der Stadt, sogar an Ministerpräsident Michael Kretschmer. Immer wieder sprach sie beim Sozialamt vor. Dort sollte sie neue medizinische Gutachten vorlegen. „Das habe ich nicht verstanden. Regines Autismus wird sich nicht mehr ändern“, sagt Sigrid Görlich.

Im Dezember 2020 erhielt Regine dann die Bewilligung für einen Wohnberechtigungsschein – allerdings nur für sie allein. Sie könnte nun eine Zweiraumwohnung anmieten. Die Enttäuschung war riesig. „Das Sozialamt hat uns den Vorschlag unterbreitet, dass Regine, Mirko und René jeweils einen Wohnberechtigungsschein beantragen und jeder eine eigene kleine Wohnung auf derselben Etage mietet“, sagt Görlich.

Keine Wohngemeinschaft möglich

Das Amt würde diesen Wohnwunsch bei der Wohnungsvermittlung berücksichtigen und sich mit dem Vermieter verständigen. „Aber das ist nicht das, was wir uns für unsere Kinder vorstellen“, sagt Görlich.

Große Hoffnungen hatte sie in den vergangenen Monaten in die Wohnungsgesellschaft Wohnen in Dresden (WiD) gesetzt. Diese bietet Hunderte, teils neu errichtete, vom Freistaat geförderte Sozialwohnungen an. Interessenten benötigen den Wohnberechtigungsschein Typ gMW. Der ist insbesondere für Menschen mit geringerem Einkommen gedacht, worunter oft auch Menschen mit Behinderung fallen.

Eine WG, so wie sich alle Beteiligten das vorstellen, ist jedoch nicht umsetzbar. „Wir als WiD und in dem Fall Frau Görlich gleichermaßen stehen da zwischen Bundesgesetzen und Förderprogrammen des Freistaates Sachsen. Wir sind darüber nicht glücklich. Es ist eine neue Herausforderung für uns“, sagt Geschäftsführer Steffen Jäckel. Da man aber eine Lösung herbeiführen wolle, kündigte er an, das Gespräch mit Sigrid Görlich zu suchen und Alternativen zu besprechen.

Ein neuer Hoffnungsschimmer

Offen für das Projekt zeigen sich auch die Eisenbahner-Wohnungsbaugenossenschaft (EWG) und die Vonovia. Beide hatte Sigrid Görlich bereits angefragt. „Oftmals fehlt der passende Wohnraum oder die Barrierefreiheit“, sagt Antje Neelmeijer von der EWG. „Solche besonderen Wohnvorhaben benötigen in der Regel einen langen Vorlauf. Wir sollten miteinander reden.“

Vor Kurzem konnte Sigrid Görlich mit dem Assistenten des sächsischen Behindertenbeauftragten Stephan Pöhler sprechen. „Mir wurde gesagt, dass die Angelegenheit bei ihm auf dem Tisch liegt und er sich der Dringlichkeit bewusst ist“, sagt sie. Es ist ein neuer Hoffnungsschimmer. Vielleicht kann aber auch Regines Brief zum Handeln anregen. Ihre Nachricht an die Minister endet mit den Worten: „Sie haben viel mehr anderes zu tun, aber vielleicht ein bisschen Zeit, uns zu helfen. Gern wäre ich zu Ihnen gegangen, aber das kann ich nicht allein. Lasst es uns gemeinsam lösen. Danke.“

Hilfe rund um die Uhr

  • Um das Leben in der Gemeinschaft für erwachsene behinderte Menschen zu fördern, gibt es die sogenannte Wohn-Assistenz. Finanziert wird die Leistung über das persönliche Budget, das Behinderte erhalten können, oder über Pflegeleistungen.
  • Das Modell funktioniert ähnlich wie betreutes Wohnen. Ein Assistent unterstützt die Bewohner in ihrem Alltag in ihren eigenen Wänden – bis zu 24 Stunden täglich. Auskunft dazu können die Wohlfahrtsverbände geben.

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