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Was wird aus stillgelegten Bahnstrecken im Kreis Bautzen?

Sachsens Verkehrsminister möchte auf einigen brach liegenden Gleisen wieder Züge fahren sehen. Was das für den Kreis Bautzen heißt - und wie hier reagiert wird.

Wilthens Bürgermeister Michael Herfort kauert auf dem toten Bahngleis in Richtung Bautzen. Ginge es nach ihm, würden hier bald wieder Züge fahren.
Wilthens Bürgermeister Michael Herfort kauert auf dem toten Bahngleis in Richtung Bautzen. Ginge es nach ihm, würden hier bald wieder Züge fahren. © Steffen Unger

Bautzen. 510 Kilometer totes Gleis liegen in Sachsen, 60 Bahnstrecken im Freistaat wurden seit 1994 stillgelegt, besagen Zahlen des Eisenbahnbundesamtes. Dem sächsischen Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) reicht es jetzt mit dem Streichkonzert auf Schienen. Er ließ für 21 Strecken ein sogenanntes Basisgutachten dazu erarbeiten, ob sich dort wieder Personenverkehr lohnt.

Erarbeitet wurde das Gutachten von der Dresdner Ingenieurgesellschaft VCI Verkehrsconsult. Deren Einschätzung: Für sechs Strecken ist eine Wiederbelebung realistisch. Zwei davon befinden sich in der Oberlausitz: Kamenz-Hosena und Löbau-Ebersbach. Doch es gibt noch mehr Verbindungen, auf denen schon mal Züge rollten. Was ist mit denen? Sächsische.de fasst den Stand der Dinge für den Landkreis Bautzen zusammen.

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Die gesetzte Strecke: Kamenz-Hosena

Das Gutachten nennt für eine Wiederbelebung die Strecke zwischen Kamenz und dem südbrandenburgischen Hosena, doch dazu hätte es dieses Papiers gar nicht mehr bedurft. Diese Verbindung soll ohnehin im Rahmen des Kohlerevier-Strukturwandels ausgebaut und elektrifiziert werden. Nicht nur zwischen Kamenz und Hosena, sondern zwischen dem Abwzeig von der Bahnstrecke Dresden-Görlitz und Hosena mit Kamenz mittendrin. Laut Bundes- und Landesregierung soll hier einmal die S-Bahn Dresden-Kamenz-Hoyerswerda fahren.

Dazu wäre allerdings auch eine Oberleitung zwischen Dresden und dem Abzweig nach Kamenz nötig, sonst müssten Fahrgäste ja in Radeberg oder Arnsdorf zwischen Diesel und Strom umsteigen. Das hieße: Über der Strecke von Dresden in Richtung Görlitz/Zittau müsste Fahrdraht gezogen werden. Und dafür gibt es aus dem Strukturwandel-Topf kein Geld. Vielleicht ja aus einem anderen? Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) erwartet dazu bis Jahresende eine Entscheidung aus Berlin.

Die gewünschte Strecke: Bautzen-Wilthen-Neustadt

Am 12. Dezember 2004 fuhren zwischen Bautzen und Bad Schandau die letzten Personenzüge. Die Strecke verband auf rund 64 Kilometern das Herz der Oberlausitz mit der Kurstadt in der Sächsischen Schweiz. Heute fahren Züge nur noch auf dem Abschnitt zwischen Neustadt und Bad Schandau. Der Abschnitt Bautzen-Wilthen wurde 2007 stillgelegt. In das Teilstück zwischen Neukirch und Neustadt riss der Neubau einer Straße eine Lücke.

Im Gegensatz zu Dulig wollen Sachsens Grüne diese Strecke nicht abschreiben, sondern sehen durchaus Potenzial für eine Wiederbelebung. Allerdings sind die Gleise längst überwuchert, seit mehr als 15 Jahren wurde an Weichen und Signalen kein Handschlag mehr getan.

Einer, der lieber heute als morgen hier wieder Züge sehen würde, ist Wilthens Bürgermeister Michael Herfort (CDU). Er bezeichnet die Reaktivierung der Strecke Bautzen-Bad Schandau mit Wilthen mittendrin als "Herzensanliegen". Wenn Bahn-Infrastruktur brach liege, sei das "immer ein Frevel. Der Lückenschluss einer Nord-Süd-Achse, die es derzeit nicht gibt, außer an der Neiße, ermöglicht noch ganz andere Konzepte als bloßen Pendelverkehr. Ringverkehre, Gütertransporte, Umleitungen bei Streckenbauarbeiten und und und. Wenn die Strecke offiziell reaktiviert ist, werden natürlich Züge fahren", sagt Herfort.

Die gestrichene Strecke: Bautzen-Hoyerswerda

Bis Anfang der 1990er-Jahre fuhren täglich Schnellzüge von Bautzen über Hoyerswerda und Senftenberg nach Berlin und zurück. 1999 zuckelte der letzte Bummelzug zwischen Bautzen und Hoyerswerda über die maroden Gleise.

20 Jahre später schien es realistisch, dass der längst abgebaute Schienenstrang durch einen neuen ersetzt werden könnte. So stand es nämlich in einer Projektliste, die ein Gremium von Politikern und Wissenschaftlern für den Strukturwandel in der Lausitz vorlegte. Das war im Januar 2019.

Heute spricht darüber von offizieller Seite niemand mehr. Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsministerium hat die Strecke offenbar abgeschrieben, geht aus einer Mail an Sächsische.de hervor. Demnach "wurde diese Strecke nicht vom Basisgutachten betrachtet, da dieses die Reaktivierung von stillgelegten, aber nicht die von Bahnbetriebszwecken freigestellten Strecken zum Inhalt hat. Zudem wäre mit sehr hohen Investitionskosten zu rechnen und ein komplett neues Planungsverfahren wie für einen Neubau zu durchlaufen."

Die Sachsen-Chefin des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Anja Schmotz, kann das nicht nachvollziehen: "Wir sind irritiert, dass man sich mit der Reaktivierungsstudie erst soviel Zeit gelassen hat und nun für das Basisgutachten nicht einmal alle potenziellen Strecken untersucht wurden. Gerade im Hinblick auf den angestrebten Strukturwandel in der Kohleregion ist es unverständlich, dass beispielsweise die Verbindung zwischen zwei großen Städten wie Bautzen und Hoyerswerda ausgelassen wurde."

Das sagen Verkehrsverbund und Landratsamt

Der Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) kann mehr Zugverkehr bestellen - aber dazu muss er entsprechende Zuschüsse bekommen, stellt Sprecherin Sandra Trebesius klar. "Wir wollen aber bei all der Euphorie darauf hinweisen, dass wir auch im aktuellen Angebot auf den bestehenden Strecken Verbesserungspotenzial sehen. Leider können wir aufgrund der bestehenden Ausstattung mit finanziellen Mitteln keinen Zugkilometer mehr bestellen, als wir es tun."

Das größere Potenzial für die Region sieht der Zvon nicht in der Reaktivierung ruhender Gleise, sondern in der Elektrifizierung der Hauptstrecken. Das hätten die Zvon-Chefs auch den von Dulig bestellten Gutachtern gesagt - doch der Verkehrsverbund wurde in die Erarbeitung des Papiers überhaupt nicht einbezogen.

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