merken
PLUS Sachsen

Auf diesen Strecken könnten bald wieder Züge rollen

Ein Gutachten bescheinigt sechs von 21 einst stillgelegten Bahnstrecken in Sachsen gute Chancen auf Wiederbelebung. Andere sind wohl endgültig beerdigt.

Für das Gutachten wurden 22 Bahnstrecken unter die Lupe genommen, die in den vergangenen Jahrzehnten stillgelegt worden sind.
Für das Gutachten wurden 22 Bahnstrecken unter die Lupe genommen, die in den vergangenen Jahrzehnten stillgelegt worden sind. © dpa

Wo Ralf Schwanebeck arbeitet, ist Kraft gefragt. Der 42-Jährige betreibt die Sachsendraisine nördlich von Dresden und schickt auf der stillgelegten Bahnstrecke Arnsdorf–Dürröhrsdorf täglich bis zu 15 Gefährte mit Besuchern auf den Weg. Die Strecke gehört zu 21 Linien, die Sachsen zur möglichen Reaktivierung untersuchen lässt. Ein Basisgutachten zu diesem Kraftakt ganz anderer Art liegt jetzt vor.

Laut der am Dienstag in Chemnitz präsentierten Erstbewertung ist eine Wiederbelebung für folgende Linien am wahrscheinlichsten: Döbeln–Nossen-Meißen, Kamenz–Hosena, Löbau–Ebersbach, Marienberg–Pockau–Lengefeld, Beucha–Brandis, Trebsen–Brandis. Für das Sextett werden ein vertretbarer Reaktivierungsaufwand, mindestens 400 Reisende pro Tag und moderate Betriebskostenzuschüsse als größter Kostenfaktor prognostiziert.

Anzeige
Architekt & Ingenieur gesucht (m/w/d)
Architekt & Ingenieur gesucht (m/w/d)

Das in Bautzen ansässige Architektur- und Ingenieurbüro "bauplanung oberlausitz | architekten & ingenieure" sucht zum nächstmöglichen Zeitpunkt Unterstützung.

Sachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Martin Dulig (SPD) nennt als Ziel: die bessere Verbindung von Oberzentren und ländlichem Raum, eine höhere Nachfrage nach Schienennahverkehr in Kombination mit dem Bus, mehr Güterverkehr per Bahn, die Entlastung der Straße sowie Klima- und Umweltschutz. Es gehe nicht um Masse, sondern um sinnvolle Projekte mit Chancen auf Umsetzung. „Nur allein, weil es schön ist, eine Bahn wieder fahren zu lassen, reicht nicht aus“, so Dulig. „Es braucht auch die nötigen Fahrgäste.“

© SZ Grafik

Strecken wie Eibau–Seifhennersdorf, Horka–Rothenburg und Riesa–Nossen stuft die Dresdner Ingenieurgesellschaft VCI Verkehrsconsult hingegen als „nicht untersuchungswürdig“ ein. Laut deren Geschäftsführer Michael Schäfer beruhen die Ergebnisse auf Schätzungen und Vergleichen mit ähnlichen Strecken in Sachsen und anderen Bundesländern. Weil die Stilllegung meist schon viele Jahre her ist und sich nicht zuletzt das wirtschaftliche Umfeld geändert hat, gibt es kaum brauchbare Daten. Kritiker hegen Zweifel, unterstellen fehlende Transparenz und Einbeziehung von Entscheidern vor Ort.

In Sachsen wird der öffentliche Nahverkehr von den Landkreisen und kreisfreien Städten organisiert – über fünf Zweckverbände wie den ZVOE/VVO für die Region Oberelbe und den Zvon für die Oberlausitz-Niederschlesien. Der Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) bestätigt auf SZ-Anfrage, zu keiner Zeit involviert gewesen zu sein. Auch können weder Gutachter noch der Minister erklären, warum die Strecke Bautzen–Knappenrode–Hoyerswerda nicht analysiert wurde. Laut VCI-Chef Schäfer wurden Strecken betrachtet, die Akteure vor Ort ins Gespräch gebracht hatten, die netzbildenden Charakter haben und die heute noch gelegentlich befahren werden.

So sieht derzeit der Schienenverkehr zwischen Arnsdorf und Dürrröhrsdorf aus. Auf der stillgelegten Bahnstrecke sind täglich bis zu 15 Draisinen unterwegs.
So sieht derzeit der Schienenverkehr zwischen Arnsdorf und Dürrröhrsdorf aus. Auf der stillgelegten Bahnstrecke sind täglich bis zu 15 Draisinen unterwegs. © Marko Förster

Die favorisierten Linien würden nun weiter untersucht, sagt der Gutachter, nicht zuletzt auf Förderfähigkeit durch den Bund. Einmal mehr scheiden sich am Geld die Geister. In Sachsens Doppelhaushaus 2021/22 sind 13 Millionen Euro zur Reaktivierung vorgesehen. Die Last der Strecke Kamenz–Hosena ist der Freistaat los. Denn deren Reaktivierung wird aus dem Topf der Kohlemilliarden für die Lausitz bezahlt.

Laut Eisenbahnbundesamt wurden seit 1994 von deutschlandweit 500 beerdigten bundeseigenen Linien 60 in Sachsen stillgelegt. Nur im fast doppelt so großen Nordrhein-Westfalen waren es noch 14 mehr. Die Länge des toten Gleises im Freistaat wird mit 510 Kilometern angegeben. Das entspricht der Bahnstrecke von Dresden nach Flensburg an der dänischen Grenze

Das Ifo-Institut befürwortet die Wiederbelebung stillgelegter Bahnstrecken. „Auf diese Weise könnte der ländliche Raum schneller angebunden werden“, heißt es in einer Studie der Niederlassung Dresden in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Schienenverkehrsforschung. „Die jahrzehntelange Ausdünnung des Bahnnetzes erschwert uns heute die Verkehrswende, vor allem auf dem Land“, sagt Felix Rösel, einer der Autoren.

Im Osten wurden allein seit der Wende 2.468 Kilometer abgebaut, fast jeder fünfte Kilometer. Dort hatte das ursprüngliche Netz schon nach dem Zweiten Weltkrieg gelitten, als die Sowjetunion im Zuge der Reparationen vielerorts das zweite Gleis abbaute. Im Westen verschwand nach 1989 hingegen nur jeder zehnte Kilometer.

Klimawandel und öffentlicher Druck führten zum Umdenken bei der Bahn und der Politik – auch in Sachsen, das mal eines der dichtesten Bahnnetze Europas hatte. „Mit der geplanten Streckenreaktivierung setzt der Freistaat ein deutliches Zeichen zur Einleitung eines Mobilitäts- und Politikwandels“, sagt Gerhard Liebscher, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen im Landtag. Er wirbt trotz des geringeren Potenzials für weitere sechs Strecken. Darunter die Verbindungen Nossen–Freiberg, Bautzen–Wilthen und Neukirch–Neustadt.

Über 300 Reaktivierungsvorschläge

Im Sommer 2020 hatte sich der Zweckverband Verkehrsverbund Mittelsachsen (ZVMS) mit Finanzierungsvorbehalt für die Reaktivierung von vier Bahnstrecken im Verbandsgebiet ausgesprochen, darunter Döbeln–Meißen–Dresden, aber auch Narsdorf–Rochlitz, die im Gutachten nicht unter den Favoriten steht.

Bei der Deutschen Bahn liegen seit 2019 über 300 Reaktivierungsvorschläge aus Politik und Verbänden auf dem Tisch. Nach Prüfung durch eine Taskforce wurden vor wenigen Wochen 20 mögliche Strecken präsentiert – darunter keine in Sachsen.

Weiterführende Artikel

VVO wirbt für Ticket-App mit Rabatt

VVO wirbt für Ticket-App mit Rabatt

Der Verkehrsverbund möchte den Fahrkartenverkauf über das Handy voranbringen und schafft einen finanziellen Anreiz.

Gibt es Geld für Bahnstrecke Döbeln-Meißen?

Gibt es Geld für Bahnstrecke Döbeln-Meißen?

Im aktuellen Haushaltsentwurf sind rund zwölf Millionen Euro bis 2025 geplant. Doch reicht das aus?

Und wann könnte etwa zwischen Döbeln und Meißen, wo die Untersuchungen am weitesten gediehen sind, der erste Zug wieder fahren? „Ich habe mir angewöhnt, bei Infrastrukturmaßnahmen keine Zahlen mehr zu nennen“, sagt Minister Dulig. Das lässt auch den Betreiber der Arnsdorfer Draisinenbahn ruhig schlafen. Sein Pachtvertrag läuft noch bis 2038. Seine Trasse wird wohl höchstens mal vorübergehend als Ausweichstrecke gebraucht, wenn die neue Bahnlinie Dresden–Prag gebaut wird.

Mehr zum Thema Sachsen