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Warum steigen eigentlich die Renten so stark?

Die Altersbezüge steigen bald so stark wie lange nicht – weil die Berechnung zulasten der Erwerbstätigen geändert wurde. Aber ist das auch gerecht?

Von Peter Heimann
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Die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland können sich auf eine deutliche Erhöhung ihrer Bezüge einstellen.
Die rund 21 Millionen Rentnerinnen und Rentner in Deutschland können sich auf eine deutliche Erhöhung ihrer Bezüge einstellen. © dpa/Patrick Pleul

Die Nachricht ist eine gute und dennoch verblüffend: Laut aktueller Schätzung in einem Bericht der Bundesregierung könnten die Renten im Westen nächstes Jahr um 5,2 Prozent steigen, in Ostdeutschland sogar um satte 5,9 Prozent. Es wäre zumindest im Westen das kräftigste Rentenplus seit fast vier Jahrzehnten. Im Osten gab es – mit Ausnahme des Jahres 2016 – in diesem Jahrhundert trotz teils erheblicher Rentenzuwächse auch noch keinen derartigen Anstieg. Für 2023 werden gleich weitere 5,7 Prozent im Osten und 4,9 Prozent im Westen vorausgesagt. Und das alles in der Corona-Krise, die auch erhebliche ökonomische Auswirkungen hat. Wie passt das zusammen?

Über die gesetzliche Rente und ob sie denn heute, vor allem aber später noch als gerecht bewertet werden kann, gibt es seit Jahren in Politik, Medien und an den Stammtischen heiße Diskussionen. Im Lehrbuch ist die Frage schnell beantwortet: Die Höhe der gesetzlichen Rente sollte einen angemessenen Gegenwert für die Lebensarbeitsleistung des Einzelnen bilden. Renten sollen einerseits einen möglichst auskömmlichen Lebensabend finanziell absichern, müssen andererseits aber bezahlbar bleiben. Zwischen beiden Seiten, verbunden mit einer absehbaren demografischen Entwicklung, die künftig mehr Empfänger und weniger Zahler schafft, muss eine für alle erträgliche Balance geschaffen werden.

Im Großen und Ganzen funktioniert das bislang gut. Die Generation der Senioren von heute genießt einen höheren Lebensstandard als jede zuvor. Dabei sind die Rentenfinanzen momentan solide aufgestellt – trotz der teuren und teils unseriös aus Beiträgen finanzierten Rentenreformen der Großen Koalition: die Mütterrente, die abschlagsfreie Rente mit 63 oder die neue Grundrente. Für diese muss bis 2030 der enorme Betrag von mehr als 160 Milliarden Euro aufgebracht werden, mehr Geld als für den Aufbau Ost im eineinhalb Jahrzehnte währenden Solidarpakt II.

Als Olaf Scholz noch Minister war

Wie kommen nun die inzwischen im Trend von der Deutschen Rentenversicherung bestätigten erheblichen Rentensteigerungen, die sich nur noch marginal ändern werden, zustande? Die Renten folgen grundsätzlich – mit zeitlicher Verzögerung – der Entwicklung der Löhne. Rentenerhöhungen sind also viel Mathematik und ein wenig Politik. Die nämlich legt die genaue Formel fest, nach der die jährliche Rentenanpassung berechnet wird.

Aus zwei Änderungen ergibt sich nun die paradox klingende, aber überraschende Realität: Die Corona-Krise wird im nächsten Jahr die Renten erheblich steigern. Allein das pure Ab und Auf der Lohnsumme durch die wirtschaftlichen Turbulenzen in der Pandemie führt zu dem satten Rentenplus – zulasten der jüngeren Generation.

Es begann 2009. Damals führte die Große Koalition auf Initiative des damaligen Sozialministers Olaf Scholz (SPD) während der Finanzkrise per Gesetz eine Rentengarantie ein. Die Schutzklausel besagt, dass die Renten nicht gekürzt werden, selbst dann, wenn die Löhne sinken.

Gleichzeitig wurde gesetzlich geregelt, dass unterbliebene Rentenkürzungen in den Folgejahren, wenn die Wirtschaft wieder brummte und Löhne stiegen, ausgeglichen wurden. Dafür wurden die Rentenerhöhungen so lange halbiert, bis der Ausgleichsbedarf erfüllt war. Dieser Mechanismus namens Nachholfaktor sollte die Beitragszahler entlasten und die Anbindung an die Lohnentwicklung sicherstellen. Die Rentner stotterten damit gewissermaßen die unterbliebene Kürzung ihrer Bezüge so lange ab, bis diese komplett ausgeglichen war. Nach der Finanzkrise war das ein Prozess über mehrere Jahre hinweg. Diese Regelung, so sah es Scholz seinerzeit, sorge für Gerechtigkeit zwischen Jungen und Alten, zwischen Beitragszahlern und Rentnern.

Allerdings wurde der Nachholfaktor 2018 von der Großen Koalition auf Initiative des amtierenden Sozialministers Hubertus Heil (SPD) bis 2026 ausgesetzt. Dies wiederum führt nun zu dem kuriosen Effekt, dass die Renten kräftig steigen, selbst wenn die Löhne nach der Pandemie nur wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Denn durch den Abschwung werden die Altersbezüge nicht geschmälert, durch den Aufschwung aber spürbar gemehrt – ohne Rückgriff auf die ausgebliebene Rentenkürzung 2021.

Garantie nur für die Senioren

In Zahlen: Eigentlich hätten die Altersbezüge dieses Jahr sinken müssen, weil im Vorjahr durch Corona und Kurzarbeit die Lohnsumme gesunken ist: um etwa 2,3 Prozent einschließlich eines statistischen Sondereffektes. Davor schützte die Rentengarantie. Und der Nachholfaktor hätte die Rentensteigerung 2022 etwa halbiert. Das bleibt nun aus.

Dadurch tragen die Erwerbstätigen die Corona-Lasten auf dem Arbeitsmarkt in größerem Maße als die Rentner, die an der Erholung dann aber wieder uneingeschränkt teilhaben. Ökonomen kritisieren, die Balance zwischen den Jungen und den Alten wurde außer Kraft gesetzt. Zurück zur Gretchen-Frage: Ist das nun gerecht oder nicht? Es ist wie im richtigen Leben: Die einen sagen so, die anderen so.