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Mangel verwalten im Westen

Ost-West mal anders: Die Thüringerin Simone Lange ist Oberbürgermeisterin in Flensburg. Wie kommt sie dort klar? Und wie die Stadt mit ihr?

Oberbürgermeisterin Simone Lange und Stadtpräsident Hannes Fuhrig bilden in Flensburg ein interessantes Ost-West-Paar.
Oberbürgermeisterin Simone Lange und Stadtpräsident Hannes Fuhrig bilden in Flensburg ein interessantes Ost-West-Paar. © Marcus Dewanger

Von Esther Geißlinger,Generalanzeiger Bonn

Wäre die Weltgeschichte anders gelaufen, er hätte eines Tages Raketen in ihre Heimat schicken können. Denn Hannes Fuhrig diente bereits als Luftwaffenoffizier in der Bundeswehr, als Simone Lange in Thüringen geboren wurde. Heute bestimmen die SPD-Politikerin und der CDU-Mann gemeinsam die Geschicke der Stadt Flensburg.

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Schauen, beraten lassen, mit dem Bauherren sprechen. Am 25. Oktober findet eine Baustellenbesichtigung in Döbeln statt.

Über der Förde scheint die Sonne, Möwen kreischen: Deutschlands nördlichste Stadt sieht an diesem Frühherbst-Nachmittag aus wie ihr eigenes Postkartenmotiv. Viele Spaziergänger am Museumshafen grüßen Simone Lange und Hannes Fuhrig, die Oberbürgermeisterin und der Stadtpräsident sind bekannt in der 90.000-Einwohner-Stadt. Doch dass sie gemeinsam unterwegs sind, hat Seltenheitswert: Der ehrenamtliche Leiter der Ratsversammlung nimmt der hauptamtlichen Rathauschefin viele repräsentative Termine ab. 

Ein wenig kabbeln sie sich über die Frage, wessen Rang in der kommunalen Hierarchie der höhere ist. „Meiner wohl“, meint Fuhrig, schließlich bestimme die Ratsversammlung die Arbeit der Verwaltung. Lange widerspricht entschieden: Da sie die Direktwahl gewonnen habe, sei sie mehr als nur Chefin im Rathaus. Gleich darauf winkt sie ab: „Eigentlich ist die Frage Quatsch, wir repräsentieren beide die Stadt.“ Fuhrig stimmt zu – die beiden verstehen sich erstaunlich gut dafür, dass sie verschiedene Parteien und verschiedene Generationen vertreten.

Hannes Fuhrig wurde 1955 in Kiel geboren, nachdem seine Eltern 1953 Ostberlin verlassen hatten. Verwandte blieben in der DDR zurück, über die in Fuhrigs Elternhaus kaum gesprochen wurde, nur Pakete schickte seine Mutter manchmal nach „drüben“ – mit der Erklärung: „Die haben da nichts.“ Aus der Landeshauptstadt Kiel an der Ostsee war die Familie nach St. Peter-Ording gezogen, einen Badeort an der Nordsee, bekannt durch seine breite Sandbank. 

Von Brüssel in die USA zurück nach Deutschland

Ein Dorf mit zwei Gesichtern, sagt Fuhrig: Trubelig und überlaufen von Touristen im Sommer, im Winter tot. Im örtlichen Nordsee-Gymnasium trafen Jugendliche aus dem Dorf auf die Zöglinge eines mondänen Internats, gemeinsam probten sie in den 1970er-Jahren den Aufstand gegen das Establishment: „Es gab Sit-ins, was hieß, dass die Schule ausfiel“, sagt Fuhrig. Weil alle um ihn herum für den Kommunismus trommelten, bekannte er sich zu konservativen Werten, „das war wohl meine Antihaltung gegen den Mainstream“. 

Statt Lehramt zu studieren, ging er zur Bundeswehr, begann dort ein Pädagogik-Studium und verpflichtete sich – jung verheiratet und Vater – für 14 Jahre. Am Ende dauerte seine Karriere, die ihn von Brüssel in die USA und zurück in den Norden Deutschlands führte, 32 Jahre. Seit seinem Ruhestand 2005 arbeitet er für den CDU-Kreisverband und mehrere Bundestagsabgeordnete. Noch heute schimmert der Soldat in seiner Haltung und seiner Sprache durch, auch wenn sein ruhiger Tonfall weit weg ist vom Kasernenhof. Steckt jemand die Hände in die Taschen, kommentiert er das sofort: „Na, woll’n Sie verreisen, die Finger sind ja schon verpackt.“

Seit 2017 ist Simone Lange Oberbürgermeisterin von Flensburg. Sie erhielt schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit.
Seit 2017 ist Simone Lange Oberbürgermeisterin von Flensburg. Sie erhielt schon im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit. © Marcus Dewanger

Als Hannes Fuhrig seine Laufbahn startete, war Rudolstadt in Thüringen eine heile Welt für die dort aufwachsenden Kinder. Simone Lange, Jahrgang 1976, erinnert sich an Trabis auf den Straßen, an Konsum-Läden und die seltenen Gelegenheiten, in einem Transit-Shop Westwaren zu bestaunen. „Ich gehöre zur letzten Generation, die die DDR noch erlebt hat“, sagt sie. Die guten wie die schlechten Seiten, den Staat, der sich kümmert, den Staat, der kontrolliert und bevormundet. „Es gab Gespräche hinter vorgehaltener Hand, die wir Kinder nicht hören durften“, sagt Lange. „Wir wussten nichts, aber wir ahnten einiges.“ Doch erst mit den Montagsdemonstrationen kam dann die schockartige Erkenntnis, „dass dieser Staat nicht so ist, wie ich dachte, sondern dass wir in einer Diktatur lebten“.

So verschieden die Lebenswege zu sein scheinen, es gibt Ähnlichkeiten. Beide hatten Verwandte im anderen Teil Deutschlands, für beide war das jeweilige andere Land unerreichbar: „Als Kind habe ich mich gefragt, was für eine Sprache da wohl gesprochen wird“, sagt Lange. Fuhrig durfte als Geheimnisträger die DDR nicht betreten. Der Vater von fünf Kindern aus zwei Ehen verstand seinen Beruf als „meinen Beitrag zur Sicherheit und Freiheit“. Simone Lange, die Sozialdemokratin, zog es zur Polizei. „Gerade weil ich die überwachende Polizei kannte, wollte ich zu einem anderen Verständnis beitragen, helfend und präventiv.“

Ost-Frauen im Westen:

866.000 Frauen aus dem Osten gingen nach der Wende in den Westen, weit mehr als Männer. Vor allem junge, qualifizierte Frauen zogen fort.

Viele Ost-Frauen verließen die ländlichen Regionen. Diese Gebiete überaltern seither, es gibt wenige Geburten.

Im Westen galten die Ost-Frauen als tatkräftig und risikobereit, aber auch als offen, unkompliziert und freizügig.

In der DDR hatten 90 Prozent der Frauen einen Job, in der alten BRD nur jede Zweite. Ost-Frauen wussten, wie Kind und Beruf vereinbar sind, es wurde das Rollenmodell der Zukunft.

Frauen aus dem Osten sind deutlich häufiger in Führungspositionen zu finden als Frauen aus dem Westen – in der Privatwirtschaft wie im öffentlichen Dienst.

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Die Thüringerin entschied sich nach ihrem Abitur 1995 für die Verwaltungsschule Altenholz bei Kiel. Es war keine Entscheidung, „in den Westen“ zu gehen, sondern für die beste Kombination von Studium und Ausbildung, und die bot damals Schleswig-Holstein: „Wir konnten frei wählen, mein Abitur war gut, also bin ich dorthin gegangen.“ Ost, West, wer fragt danach?

Aber zu Langes Überraschung spielte ihre Herkunft in ihren ersten Jahren in Schleswig-Holstein ständig eine Rolle: „Es gab die ganze Palette von Vorurteilen: Du klingst nicht wie aus dem Osten, du siehst gar nicht so aus. Ich fand’s nicht witzig, es nervte.“ Vielleicht deshalb wechselte Lange bis vor wenigen Jahren alle paar Wochen Haarfarbe und Frisur – um keinem Bild zu entsprechen. Inzwischen bleibt die Farbe, auch auf Wunsch der städtischen Presseabteilung. 

Redakteurin Esther Geißlinger (m.) traf sich mit Simone Lange und Hannes Fuhrig.
Redakteurin Esther Geißlinger (m.) traf sich mit Simone Lange und Hannes Fuhrig. © Marcus Dewanger

Die Bürgermeisterin möge bitte aussehen wie auf den offiziellen Fotos. Nach einem Vierteljahrhundert in Schleswig-Holstein wird sie kaum mehr auf ihren Geburtsort angesprochen, aber wenn doch, „gelte ich immer noch automatisch als Expertin für alle ostdeutschen Länder“. Anfangs hatte Lange vorgehabt, nach Thüringen zurückzugehen, „aber das Leben spielt anders“. Sie wurde Kriminalpolizistin in Flensburg, bekam zwei Kinder, engagierte sich im Stadtrat, saß im Kieler Landtag, wo sie Sprecherin ihrer Fraktion für Polizeipolitik und Gleichstellung wurde. 

Als im Herbst 2015 zahlreiche Geflüchtete auf ihrem Weg nach Skandinavien am Flensburger Bahnhof festsaßen, war Lange, gemeinsam mit Dutzenden anderen Freiwilligen, fast täglich dort, organisierte Lebensmittel und Kleidung, half den gestrandeten Menschen. Dieser Einsatz und ihre klare Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit und rechtes Gedankengut trugen dazu bei, dass die Sozialdemokratin im Jahr 2016 mit deutlichem Vorsprung die Oberbürgermeisterwahl gewann. Dabei ist Flensburg mit seiner Lage an der dänischen Grenze ein schwieriges Pflaster. 

Duell mit Nahles

Traditionell stark ist die dänische Minderheit in der Stadt, zuvor stellte die Minderheitenpartei Südschlesischer Wählerverband (SSW) den Bürgermeister. Bei Langes Vereidigung Anfang 2017 drängten sich die Gratulanten im Rathaus, darunter Vertreter der Flüchtlingshilfe und des Moscheevereins. In ihrer alten Heimat Rudolstadt sitzen sieben AfDler im Stadtrat, die SPD hat fünf Sitze. „Angesichts dieser Werte denke ich, eigentlich sollte ich dort sein und Politik mitgestalten“, sagt Lange. Es bleibt beim Gedanken – Lange ist inzwischen im Norden fest verwurzelt.

Mit ihrem Amtsantritt verband sich die Hoffnung auf einen neuen Stil im Rathaus. Die lokale Tageszeitung Flensburger Nachrichten zitierte einen Besucher mit den Worten: „Dass sie übers Wasser wandern kann, ist noch das Geringste, was erwartet wird.“ Spaziergänge auf der Flensburger Förde hat die Bürgermeisterin seither zwar nicht unternommen, aber dafür Ausflüge aufs Bundesparkett. Getragen vom Rückenwind aus ihrem kommunalen Umfeld trat Lange 2018 für den Bundesvorsitz der SPD an und forderte – die in Berlin bereits gesetzte – Andrea Nahles heraus. 

Auch ein Ost-West-Paar: Ost-Frau Simone Lange, OB in Flensburg, und West-Mann Alexander Ahrens, OB in Bautzen, bewarben sich 2019 kurzzeitig um den SPD-Bundesvorsitz.
Auch ein Ost-West-Paar: Ost-Frau Simone Lange, OB in Flensburg, und West-Mann Alexander Ahrens, OB in Bautzen, bewarben sich 2019 kurzzeitig um den SPD-Bundesvorsitz. © dpa/Ulrich Baumgarten

Die Außenseiterin aus der nördlichen Provinz erhielt knapp 28 Prozent der Delegiertenstimmen, ein mehr als achtbares Ergebnis. 2019 trat sie erneut für den Bundesvorsitz an, diesmal im Duo mit dem Oberbürgermeister von Bautzen, Alexander Ahrens, einem gebürtigen Westberliner. Das Team warb mit kommunaler Kompetenz, schied aber vorzeitig aus dem Kandidatenrennen aus, um Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans keine Konkurrenz zu machen.

Vom Flensburger Rathaus aus, einem zehnstöckigen, kastenförmigen Zweckbau mit weitem Blick über das Stadtzentrum, muss Lange Mangel verwalten: Die Stadt ist verschuldet, es fehlen Wohnungen und Arbeitsplätze, dafür gibt es Streit um die Zukunft des Hafens und um zu viele Autos in engen Altstadtstraßen. Trotz der Probleme fiel ein erstes Zwischenzeugnis gut aus: „Schnell, stets präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen“, lobte die Lokalzeitung nach Langes erstem Amtsjahr.

Kein Ost, kein West - einfach Mensch

Pragmatisch und zupackend: Klingt nach Ossi-Klischee. Wie viel Osten steckt noch in Simone Lange, und ist Hannes Fuhrig ein echter, typischer Wessi? Über die Frage müssen beide nachdenken und kommen – wieder einmal – zum selben Ergebnis. „Den Ossi aus dem Klischee kenne ich nicht“, sagt Fuhrig. In der Wendezeit hat er als Nato-Offizier in den USA gelebt. „Den Mauerfall habe ich im Fernsehen gesehen“, erinnert er sich. „Die Amerikaner fanden das alles spannend, aber so richtig begriffen haben sie es wohl nicht – einer fragte, ob ich denn aus dem Westen oder dem Osten sei.“ Die Jahre im Ausland haben ihn gelehrt, dass Vorurteile selten den Wirklichkeitstest überdauern. 

Lange erinnere ihn vor allem an seine älteste Tochter: „Die hat auch diese anpackende Art.“ Fuhrig hat nach der Vereinigung Kontakt zu seinen Verwandten im anderen deutschen Staat aufgenommen, die Familie feiert regelmäßig Cousins-und-Cousinen-Feste. Ja, es gebe Unterschiede, „aber die gibt es auch zwischen Norddeutschen und Bayern.“ Lange nickt und ergänzt: „30 Jahre nach dem Mauerfall ergeben alte Vorurteile keinen Sinn mehr. Wir sollten uns als Menschen begegnen, nicht als Ossi und Wessi.“

Hier geht es zu allen bisher erschienenen Episoden.

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