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Der vergessene Park

Der Berliner Bankier Curt Goldschmidt hat rund um seinen Sommersitz einen der schönsten Parks von Radebeul angelegt. Doch der verfällt. Warum eigentlich?

So schön war mal der Goldschmidt-Park oberhalb der Terrassenstraße und der Straße Auf den Bergen. Den Park hatte Bankier Goldschmidt zur Nutzung auch den Bürgern der Stadt geöffnet.
So schön war mal der Goldschmidt-Park oberhalb der Terrassenstraße und der Straße Auf den Bergen. Den Park hatte Bankier Goldschmidt zur Nutzung auch den Bürgern der Stadt geöffnet. © Stadtarchiv Radebeul

Radebeul. Es gibt noch einige wenige Fotos vom Goldschmidt-Park. Kunstvoll angelegte Wanderwege an Weinbergsmauern sind da erkennbar. Eine Wasserfontäne unter schattenspendenden Bäumen. Die Einladung zum Verweilen. Genau so hatte offensichtlich auch Curt Goldschmidt gedacht.

Der vermögende Bankier aus Berlin suchte sich vor über 100 Jahren das heutige Radebeul, die berühmte Lage neben dem Paradies-Weinberg, als Sommersitz aus. Hier standen seine Villa und das dazugehörige Wirtschaftshaus. Alles umgeben von eben diesem aufwendig angelegten Park. Das Areal reicht von der schmalen Straße Auf den Bergen über den Hügel bis zur Terrassenstraße. Der ebenfalls aus Berlin stammende Bankier Joseph Goldschmidt, Curts Vater, ließ 1894 auf dem Grundstück durch den Bauunternehmer Carl Georg Semper anstelle eines Winzerhauses eine repräsentative Villa im Schweizerstil anlegen. Große Teile des Parks waren den Radebeuler Bürgern zugänglich. Ein öffentlicher Park, den der Berliner den Radebeulern großzügig anbot.

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Von diesem Park sind die Grundstrukturen noch erkennbar. Die Wege gibt es noch. Auch Treppen und Weinbergmauern. Nur der Brunnen mit der Fontäne sprudelt schon lange nicht mehr.

Die Familie Goldschmidt waren Juden. Ihr Besitz wurde von den Nationalsozialisten enteignet. 1938 emigrierten Curt Goldschmidt und seine Angehörigen gerade noch rechtzeitig nach Frankreich. Einige Familienmitglieder reisten weiter in die USA. In der Villa richteten die NS-Oberen eine Eliteschule für Nachwuchskader ein, die in den Verwaltungen der besetzten Gebiete eingesetzt waren. Auf dem parkartigen Areal wurden ein Gebäude für die Unterkünfte der Eliteschüler und ein Sportplatz errichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg besetzten Offiziere der sowjetischen Armee das Goldschmidt-Areal. An den Treppen im ehemaligen Park sind noch kyrillische Buchstaben zu finden, die damals hier eingeschlagen wurden. Danach ging das Areal 1950 an den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB). Die dort eingerichtete Gewerkschaftsschule erhielt 1951 den Namen „M. Andersen Nexö“. 1955 erfolgten ein Umbau und die Erweiterung des Hauptgebäudes durch die Bauverwaltung des FDGB.

Curt Goldschmidt war mit dem Maler Max Liebermann befreundet. Der hat ihn gemalt. Das Bild hängt im Jüdischen Museum Berlin.
Curt Goldschmidt war mit dem Maler Max Liebermann befreundet. Der hat ihn gemalt. Das Bild hängt im Jüdischen Museum Berlin. © Jüdisches Museum Berlin

1990 sollte das Anwesen vom Deutschen Gewerkschaftsbund als Bildungszentrum übernommen werden. Große Teile der Grundstücke wurden den Gewerkschaftern übereignet. Teile des Areals sind inzwischen verkauft – an Bauunternehmer, an den ehemaligen DGB-Chef von Sachsen Hanjo Lucassen; einen Teil des ehemaligen Goldschmidt-Parks übernahm die Stadt Radebeul. Bevor Lucassen vor zwei Jahren aus Radebeul nach Wismar zog, schenkte er der Stadt den größten Teil seines Park- und Waldgrundstückes, rund 9.800 Quadratmeter. Es darf fortan, so die Verpflichtung beim Überschreiben der Immobilie, nur als öffentlicher Wald und Park genutzt werden.

Doch wer heute das Gelände betritt, sieht sich in einer Wildnis. Die ehemaligen Weinbergmauern brechen auseinander. Umgestürzte Bäume versperren die Wege. Die größte Gefahr aber droht dem ehemaligen Parkgelände durch neue Bauflächen. In den letzten Monaten wurde im Radebeuler Stadtrat wiederholt heftig diskutiert, ob hier gebaut werden darf oder nicht.

Geplant ist die Baufläche oberhalb der Terrassenstraße. Straßenbegleitend ist von sechs bis acht Einfamilienhäusern die Rede, einschließlich einer Erschließungsstraße. Einer der Anwohner wundert sich, dass über die Goldschmidts in Radebeul so wenig bekannt ist und es zu deren Vertreibung nicht mal eine Gedenktafel gibt. Auch hat der Bürger ein Foto von einer Villa im Schweizer Landhausstil oberhalb der Terrassenstraße entdeckt, die aber vom Erdboden verschwunden ist und an die sich auch niemand erinnern will.

Der Anwohner hat sich in Sachen Bewahrung des Parks und Gedenken an Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) gewandt, auch mit dem Hinweis, dass das Parkgelände ja zur historischen Weinberglandschaft Radebeul gehört und diese mit dem beabsichtigten Bau weiter beschädigt werde. Die schleichende Metamorphose von der Gartenstadt Radebeul zu einer immer mehr verdichteten, nicht mehr schönen modernen Siedlungsarchitektur, nennt er das.

Auch Stadtrat Thomas Gey (SPD) tritt gegen das Bauvorhaben auf. Das sei Außenbereich, und gegen die Bebauung habe die Stadt vor wenigen Jahren selbst argumentiert. Gey: „Dieses Parkgelände ist für das Stadtbild immer noch ein wertvoller Bestandteil. Wir sollten die dort eingetretene Verwüstung nicht auch noch belohnen.“

Aus dem Rathaus gab es auch Antwort auf die Schreiben des Anwohners. Zum Thema Gedenken schreibt OB Wendsche, dass die Anregung aufgegriffen werden sollte als „Thema für eine der nächsten Gedenkveranstaltungen aus Anlass des alljährlichen Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar“.

Gerade wurden abgestorbene Bäume gefällt. Lange Zeit hat hier niemand aufgeräumt.
Gerade wurden abgestorbene Bäume gefällt. Lange Zeit hat hier niemand aufgeräumt. © Peter Redlich

Zu den beabsichtigten Bauvorhaben schreibt der OB: Richtig sei, dass das in Rede stehende Areal zum Gebiet der Denkmalschutzsatzung „Historische Weinbergslandschaft“ gehöre. Richtig sei aber auch, dass diese natürlich keine Bebauung grundsätzlich ausschließe, sondern dabei die Beachtung des Denkmalcharakters verlange. „Sowohl die zuständigen Gremien des Stadtrates als auch wir als Verwaltung sind uns dieser Verantwortung bewusst und daher wird schon seit geraumer Zeit um eine angemessene bauliche Ergänzung gerungen. Dabei sind die Interessen/Rechte des Grundstückseigentümers an einer baulichen Entwicklung seiner Grundstücke gerecht gegen und mit den öffentlichen Interessen abzuwägen.“

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Aus dem Bereich Stadtgrün heißt es zum Goldschmidt-Park, dass dort in nächster Zeit nichts in Sachen Gestaltung und Investition vorgesehen sei. Aktuell gibt es zumindest Aufräumarbeiten. Vom Umsturz gefährdete Bäume wurden gefällt. Revierförster Thomas Nikol habe beispielsweise Rußrindenkrankheit (Bergahorn) und Bäume mit Pilzbefall am Stamm zum Fällen gekennzeichnet. Die ausführende Firma TreeStyle sei damit beauftragt worden, so Stadtsprecherin Ute Leder.

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