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Bäume schützen! - Aber wie?

Radebeul ist stolz auf seine stattlichen Laubgehölze. Drei unterschiedliche Wege zum Erhalt und Fördern des Bestandes wurden nun vorgestellt.

Von Silvio Kuhnert
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Große Laubbäume zieren ein Grundstück an der Eduard-Bilz-Straße. Nicht nur dort sind Baumriesen auf privatem Grund und Boden im Stadtgebiet zu finden.
Große Laubbäume zieren ein Grundstück an der Eduard-Bilz-Straße. Nicht nur dort sind Baumriesen auf privatem Grund und Boden im Stadtgebiet zu finden. © Norbert Millauer

Radebeul. Er sorgt täglich für den Sauerstoffbedarf von 500 Menschen, filtert eine Tonne Staub im Jahr aus der Luft, über seine Blätter verdunsten 500 Liter Wasser, was an heißen Tagen für Abkühlung in aufgeheizten Städten sorgt, und er ist Lebensraum für Tiere - die Rede ist vom Baum mit üppigen Ästen und Laub. Und viele seiner Art tragen so zu einem guten Stadtklima bei.

"Es gibt auch einen ästhetischen Moment", sagt Hans Kraske von den Freien Wählern Radebeul. Gehölze steigern die Attraktivität des Stadtbildes. Ihnen wird auch eine positive psychologische Funktion nachgesagt, wie Hinrich Lüttmann aus der Stadt Gießen ergänzt: "Vegetation beruhigt". Nicht nur weil Bäume, Sträucher und Hecken Straßenlärm dämpfen, sondern weil auch die Laubfarbe in unserer Seele etwas bewirkt. "Grün entspannt", so Littmann.

Drei Wege für Baumschutz vorgestellt

Als Experte nahm der Hesse per Videoschalte an einer Informations- und Diskussionsveranstaltung am Montagabend im Luthersaal der Friedenskirchgemeinde teil. Zu dieser hatte der Ortsverband der Freien Wähler geladen, um mit Radebeulern über Möglichkeiten des Schutzes von Bäumen zu sprechen. Anlass ist der Entwurf zu einer neuen Gehölzschutzsatzung, der noch bis Ende Oktober dieses Jahres für Hinweise und Anregungen im Rathaus öffentlich ausliegt. Die Freien Wähler wollten über Alternativen reden.

So hat Hinrich Lüttmann vom Amt für Umwelt und Natur der Stadt Gießen für seine Kommune eine Gehölzförderungssatzung erarbeitet. Des Weiteren nahm Andrea Jedzig (CDU), Bürgermeisterin der vogtländischen Stadt Treuen, an der Veranstaltung teil. Sie berichtete über die Erfahrung, wie in ihrer Heimatstadt Baumschutz ohne Satzung funktioniert.

Wann darf gefällt werden und wann nicht

Einen stattlichen Baumbestand an Linden, Kastanien, Eichen, Ahorn und anderer großer Laubgehölze kann die Lößnitzstadt vorweisen. Sie stehen nicht nur auf öffentlichem Grund und Boden, wie am Straßenrand oder in Parks, sondern auch auf privaten Grundstücken. Letztere sind Gegenstand der Gehölzschutzsatzung. Darin ist geregelt, wann Privatleute eine Fällgenehmigung einholen müssen und wie viel neue Bäumchen sie als Ersatz pflanzen müssen, wenn sie doch einen "Riesen" mit der Kettensäge zu Fall bringen.

Auf Antrag der Stadtratsfraktion Bürgerforum/Grüne/SPD soll das Fällen von großen Bäumen erschwert werden. Der ausliegende Entwurf sieht folgende Eckpunkte vor: Unter Schutz stehen künftig nicht nur Laub-, sondern auch Nadelbäume. Ab einem Stammdurchmesser von 60 Zentimetern, in der Höhe von einem Meter gemessen, muss eine Erlaubnis zum Fällen bei der Stadtverwaltung beantragt werden. Es macht keinen Unterschied, ob das Gehölz auf einem bebauten oder unbebauten Grundstück steht. Wenn ein Baum dennoch gefällt werden muss, treten neue Regeln für Ausgleichspflanzungen in Kraft.

Jetzt im Herbst sorgen große Laubbäume für Farbtupfer im Stadtbild.
Jetzt im Herbst sorgen große Laubbäume für Farbtupfer im Stadtbild. © Norbert Millauer

Aus Sicht der Freien Wähler blickt die Baumschutzsatzung nur auf den Status quo. Sie hat den Erhalt des jetzigen Baumbestandes und dessen Größe zum Ziel. Abweichungen werden mit Sanktionen bestraft. Grundstückseigentümer bleiben jedoch bei der Baumpflege, wie dem Ausästen und Entsorgen abgestorbener Teile, dem Aufkehren des Laubes vom eigenen Rasen oder vom Gehweg vor Tor und Zaun sowie anderen Kosten sitzen. Kraske treibt die Sorge um, dass künftig Bäume keine 100 Jahre oder noch älter auf Privatgrundstücken werden. Denn bevor sie den Durchmesser von 60 Zentimeter erreicht haben, ab dem sie unter Schutz stehen, werden sie vorsorglich gefällt. Im Schnitt gab es in Radebeul 84 genehmigte Fällungen pro Jahr zwischen 2012 und 2020 - rund drei Viertel aus Gründen der Verkehrssicherheit und ein Viertel wegen geplanter Bauvorhaben.

Stadt Treuen verzichtet auf Baumschutzsatzung

Je nach Größe, Alter und Standort kann die Pflege eines Baumes zwischen 100 und 1.000 Euro im Jahr verschlingen, wie Treuens Bürgermeisterin Jedzig informierte. Auch in ihrer Kommune gab es einmal eine strenge Baumschutzsatzung. Diese wurde aber im Jahr 2005 aufgehoben. Grund: Als das Regelwerk noch galt, waren kaum noch Baumpflanzungen zu beobachten. Seit die Satzung nicht mehr existiert, hat der Bestand wieder zugenommen. "Kein Zwang oder Druck. Man muss den Bürgern Vertrauen schenken und mit ihnen gemeinsam am Grün in der Stadt arbeiten", sagte Jedzig.

Die Stadt Treuen geht für ihre Bürger mit guten Beispiel voran, hat Bäume gepflanzt und so ihre Zahl auf rund 1.600 im öffentlichen Bereich in der Kernstadt erhöht. Zudem legt sie in Bebauungsplänen fest, was gepflanzt werden muss, wenn neue Wohn- und Gewerbegebiete erschlossen werden. Wo Unternehmen siedeln, übernimmt die Kommune sogar die Kosten von rund 50.000 Euro für die Baumpflege im Jahr.

Stadt Gießen legt Fokus auf Fördern

Aufgrund der vielen Vorteile für das Stadtklima erfüllen aus Sicht von Hinrich Lüttmann "private Großbäume mehr Funktionen für die Öffentlichkeit als für das eigentliche Grundstück", auf denen sie stehen. Daher nimmt die Stadt Gießen große Bäume auch auf privatem Land in ihr Baumschutzkataster auf, lässt deren Zustand regelmäßig von Gutachtern prüfen und sorgt für die Verkehrssicherheit, dass keine abgestorbenen oder morschen Äste auf Fußwege und Straßen stürzen und so Passanten verletzen oder Autos beschädigen.

Rund 370 Privatbäume wurden innerhalb von vier Jahren in das Register aufgenommen. In die Rechte der Eigentümer greift die Stadt nicht ein. Sie können jederzeit ohne finanzielle Nachteile den Baum fällen. "Auflagen für Ersatzpflanzungen sind über eine Fördersatzung nicht möglich", so Lüttmann.

Vorgaben für Ausgleichspflanzungen werden vermisst

"Alles der Stadt aufbürden, kann nicht das Ziel sein", meinte Thomas Berndt in der anschließenden Diskussionsrunde. Eigentum verpflichte. Mit Blick auf die städtischen Finanzen führte er weiter aus: "Mit unserem Budget können wir glücklich sein, wenn der öffentliche Baumbestand erhalten bleibt." Er und andere vermissten in den Städten Treuen und Gießen Vorgaben für Ausgleichspflanzungen.

Ein anderer Bürger warf ein: "Ich habe an den vorgetragenen Beispielen festgestellt, dass man die Bürger mitnehmen muss und nicht zwingen darf." Nur so könne der Schutz von Bäumen funktionieren.

Hans Kraske verwies mehrmals darauf, dass die Freien Wähler mit dieser Veranstaltung zur Diskussion anregen wollen, wie der Bestand alter Bäume erhalten und künftig vermehrt werden kann. Weitere Gesprächsrunden sollen folgen.

Bis zum 31. Oktober dieses Jahres liegt der Satzungsentwurf im Eingangsbereich des Technischen Rathauses, Pestalozzistraße 8, aus. Gleichzeitig ist das Papier in pdf-Form auf der städtischen Internetseite zu finden. Während der Zeit, in der der Entwurf öffentlich ausliegt, nehmen die Mitarbeiter des Sachgebiets Stadtgrün Hinweise und Anregungen schriftlich entgegen - möglichst per E-Mail. Zudem beantworten sie nach Anmeldung Fragen. Sachgebiet Stadtgrün, Technisches Rathaus, Pestalozzistraße 8, E-Mail: [email protected], Telefon: 0351 8311912