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Nach dem Lockdown bis zum Nordkap

Auf dem Fahrrad legte Franziska Schlettig aus Radebeul fast 8.000 Kilometer zurück. Ursprünglich wollte sie nur kurz an die Ostsee.

Mit ihrem rund 35 Jahre alten Fahrrad hat Franziska Schlettig schon viele Touren erlebt. So ist sie bereits den Elberadweg bis zur Flussmündung in die Nordsee entlang geradelt.
Mit ihrem rund 35 Jahre alten Fahrrad hat Franziska Schlettig schon viele Touren erlebt. So ist sie bereits den Elberadweg bis zur Flussmündung in die Nordsee entlang geradelt. © Norbert Millauer

Radebeul. Weil sie Lust auf eine Radtour hatte und in der Ostsee baden wollte, schwang sich Franziska Schlettig auf den Sattel. Mitte Juni dieses Jahres war das. Was als Trip zur Insel Usedom begann, entwickelte sich zu einer Rundreise, die die Radebeulerin bis an das Nordkap führte.

„Nach viereinhalb Monaten und 7.995,49 Kilometern bin ich vor Kurzem in Hamburg angekommen, wo ich meine Reise beendet habe“, berichtet die 37-Jährige. Denn den Elberadweg kannte sie bereits. Diesen war sie im vorigen Jahr entlang geradelt. Daher legte sie das letzte Stück ihrer Reise von der Hansestadt bis zur Lößnitzstadt im Bus zurück.

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Mitte Juni ist die Radtour gestartet.

Als sie im Frühsommer aufbrach, wollte Schlettig nur ein paar erholsame Tage verbringen. Weil aufgrund der Corona-Pandemie nach dem Lockdown im Frühjahr teilweise noch Grenzen geschlossen waren und Reisewarnungen galten, entschied sie sich für Urlaub in Deutschland, und zwar an der Ostsee. Schlafsack, Isomatte und Zelt packte sie auf den Sattel. Die Seitentaschen füllte sie mit Campingkocher und Reisegeschirr sowie Kleidung für eine Woche. Am 13. Juni startete sie.

„Ich bin auf dem Oder-Neiße-Radweg ans Meer gefahren“, erzählt die Reise- und Auslandserfahrene. In ihrem Leben hat sie schon viel von der Welt gesehen. So radelte die studierte Bildungswissenschaftlerin vor zwei Jahren von Radebeul bis ins österreichische Insbruck, umfuhr ein anderes Mal die Insel Zypern und war zweieinhalb Jahre für das Goethe-Institut in Kasachstan tätig. Zuvor hat sie unter anderem in Australien und Georgien gelebt.

Rund 100 Kilometer war eine Tagesroute lang.

Zwei Tage hat Schlettig am deutschen Ostseestrand verbracht. Dann ging die Grenze zu Polen auf. „Ich entschied, einfach weiterzufahren“, berichtet sie. So erkundete sie die polnische Ostseeküste, besuchte erstmals in die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland, setzte mit der Fähre nach Finnland über, fuhr hoch ans Nordkap, dann durch Norwegen wieder nach Süden bis Oslo, von dort setzte sie mit dem Schiff nach Dänemark über und kam schließlich in Hamburg an. Rund 100 Kilometer legte sie im Schnitt am Tag auf dem Fahrrad zurück.

„Angst hatte ich keine, aber Respekt“, verrät die Abenteurerin - vor allem im Hinblick auf ihren Drahtesel. „Das Rad ist fast so alt wie ich“, berichtet Schlettig. Rund 35 Jahre lang verrichtet das Männerrad mit nur einer Siebengangschaltung treue Dienste. Vor langer Zeit hat es die gebürtige Radebeulerin einem Freund für 50 Euro abgekauft. Und ihr Reisegefährt ließ sie auch bei dieser Tour nicht im Stich. „Mein Fahrrad hatte keinen Plattfuß. Nur einmal musste ich die Kette wechseln und die Bremsbeläge tauschen“, so Schlettig.

Ein Schnappschuss mit dem Handy erinnert an das Nordkap.
Ein Schnappschuss mit dem Handy erinnert an das Nordkap. © Franziska Schlettig

Aufgeben kam ihr während der gesamten Fahrt nicht in den Sinn. Selbst in den norwegischen Bergen nicht. „Das war schon anstrengend“, gesteht sie, diese zu bezwingen. Dafür wurde sie durch einmalige Eindrücke der wunderschönen Landschaft entschädigt. Selbst die vielen Mücken, die sie in Finnland piesackten, erduldete sie. Dafür bleiben ihr drei unvergessliche Tage am Nordkap.

Die letzte Etappe zum nördlichsten vom Festland aus auf dem Straßenweg erreichbaren Punkt Europas war abenteuerlich. „Man fährt durch einen sieben Kilometer langen Tunnel und muss noch zwei Bergpässe überwinden, um an den Globus, das Wahrzeichen des Nordkaps, zu kommen“, berichtet Schlettig. Andere Nordkapreisende feuerten sie mit Hubkonzerten an, wenn sie die Radlerin mit ihren Wohnmobilen überholten.

Radlerin ermutigt andere Frauen, ihrem Beispiel zu folgen.

Übernachtet hat Schlettig viel in ihrem Zelt. In Skandinavien stellt Camping kein Problem dar. Es ist fast überall im Freiland erlaubt. Einmal mietete sie sich in einer Pension ein. Oft suchte sie „Warm Showers“-Gastgeber auf. Hierbei handelt es sich um Couchsurfing für Radtouristen. Über ein Netzwerk im Internet werden kostenlose Übernachtungsmöglichkeiten angeboten, mitunter ist es einfach nur ein Sofa oder Gästebett in einer Privatwohnung.

Einschränkungen durch die Corona-Pandemie hat Schlettig auf ihrer Reise nicht erlebt. Über den Sommer hinweg waren die Fallzahlen niedrig - im Norden Skandinaviens sowieso, weil dieser Teil Europas dünn besiedelt ist. „Von Corona habe ich die viereinhalb Monate nichts weiter mitbekommen - außer ich las Nachrichten“, sagt Schlettig.

Kaum in ihrer Heimat zurück, spielt sie im Gedanken schon mit dem nächsten Abenteuertrip. Eine Radreise durch den Balkan reizt Schlettig. Sie ermutigt andere Frauen, ihrem Beispiel zu folgen und durchaus auch allein zu reisen. „Ich habe während der Fahrt nur hilfsbereite Menschen kennengelernt“, sagt Schlettig.

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