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Warum ein Radebeuler freiwillig in den Knast geht

Ulfrid Kleinert engagiert sich seit zwei Jahrzehnten im Hammerweg e.V. Er plädiert für einen offenen Strafvollzug.

Ulfrid Kleinert, Jahrgang 1941, ist Gründungsrektor und erster Rektor der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden. Er kennt das Leben hinter den hohen Mauern der Dresdner Vollzugsanstalt am Hammerweg.
Ulfrid Kleinert, Jahrgang 1941, ist Gründungsrektor und erster Rektor der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit in Dresden. Er kennt das Leben hinter den hohen Mauern der Dresdner Vollzugsanstalt am Hammerweg. © Arvid Müller

Herr Kleinert, seit 20 Jahren betreuen Sie als Radebeuler ehrenamtlich Haftgefangene in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Dresden am Hammerweg. Befinden sich die Inhaftierten am richtigen Ort?

Mehr als die Hälfte der Gefangenen in Deutschland wie auch in der JVA Dresden muss nicht im Gefängnis sitzen. Kleinkriminelle wie Ladendiebe gelten als sogenannte Kurzzeitstrafler. Sie sitzen ein paar Monate ihre Haftstrafe ab. In dieser Zeit passiert mit ihnen in der Regel nichts weiter, was sie auf die Zeit nach der Haftentlassung vorbereitet. Im Gegenteil: Sie lernen die Subkultur des Knasts kennen und kommen so in Kontakt mit Leuten, die viel mehr auf dem Kerbholz haben. Den Kurzzeitstraflern hilft der Knastaufenthalt nicht. Für sie muss eine andere Form des Justizvollzugs, einer nicht hinter hohen Gefängnismauern, organisiert werden.

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Kriminelle, ob klein oder groß, haben gegen Recht und Gesetz verstoßen und anderen Schaden zugefügt. Strafe muss doch sein, oder?

„Strafe“ bedeutet nicht, dass wir jemandem, der etwas Böses getan hat, nun auch Böses zufügen müssen. Sondern Strafe im Sinn einer Maßnahme der Justiz heißt, jemandem, der mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist, mittels einer Sanktion aufzuzeigen, dass es so nicht weitergeht. Diese Sanktion soll helfen, dass der Sträfling nicht wieder straffällig wird. Das Ziel des Justizvollzugs ist die Resozialisierung.

Warum ist der geschlossene Vollzug hierfür nicht der passende Ort?

Gefängnisse sind in der Regel sicher. Die Bevölkerung kann sich vor den Insassen für eine bestimmte Zeit geschützt fühlen. Diese sind weggesperrt. Sie kommen nicht heraus, während sie ihre Strafe absitzen. Das ist ein Vorteil des geschlossenen Vollzugs. Das eigentliche Ziel des Strafvollzugs muss aber die Resozialisierung sein. Wer eine Strafe verbüßt hat, soll nicht wieder straffällig werden. Aber wie kann man das Leben im Freien lernen, wenn man gefangen ist? In der Freiheit gibt es ganz andere Herausforderungen als in einer Haftanstalt zu meistern.

Was macht das Leben im Knast anders?

Im Knast müssen sich Menschen mit anderen arrangieren, mit Personen, mit denen sie zufällig zusammengeschlossen werden. Das beschreiben und berichten auch viele Insassen, dass sie längere Zeit, Monate oder gar Jahre, mit anderen Leuten verbringen müssen, deren Umgang sie sich nicht selber ausgesucht haben. Das schafft Probleme. Und im Knast gibt es eine eigene Subkultur mit eigenen Hierarchien. Es entstehen gruppendynamische Prozesse zwischen den Menschen. Sie konzentrieren ihre Kraft darauf, in diesem Mechanismus zu bestehen. Zudem kommt ein Kleinkrimineller mit größeren Straftätern in Kontakt.

Strafgefangene kommen also nach ihrer Gefängnisstrafe wieder mit dem Gesetz in Konflikt?

Ein Drittel bis zur Hälfte der Strafgefangenen kommen nach ihrer Entlassung wieder ins Gefängnis zurück. Der Vorteil des geschlossenen Vollzugs ist zwar, dass niemand entweichen kann. Der Nachteil aber ist, dass alle in einer Sonderwelt leben, die mit dem Alltag in Freiheit wenig gemeinsam hat.

Sie plädieren daher für einen offenen Justizvollzug. Wie kann dieser funktionieren?

Sanktionen müssen sein, beispielsweise wenn einer im Laden immer wieder Dinge in die Hosentaschen steckt, ohne zu bezahlen. Die Zeit der Sanktion verbringt er aber nicht im Gefängnis, sondern in einer kleinen Einheit, wie einer Wohngruppe. Während dieser Zeit werden die Bewohner gut begleitet durch persönliche Beziehungen zu Sozialarbeitern und anderen Fachleuten, die mit ihnen arbeiten und auch leben. Ziel und Zweck dieses Zusammenlebens ist es, beispielsweise einen wiederholten Ladendieb dazu zu befähigen, dass er, wenn er etwas sieht und gern haben möchte oder auch dringend braucht, dieses nicht einfach mitnimmt, sondern sich darum kümmert, dass er durch ehrliche Arbeit seinen Lohn dafür spart, um es zu kaufen. Wenn Verurteilte selbst die Erfahrung machen, dass sie auf legalem Weg etwas Positives bewirken können, dann lernen sie ganz anders zu leben. Die Sanktion ist erfolgreich, wenn sie im Nachhinein selbst sagen: Sie war für mich eine Hilfe.

Wer sollte bei einem offenen Strafvollzug alles mitwirken?

Ein Erfolg hängt im Wesentlichen von der Beziehung zwischen der Person des Gefangenen zu seiner Bezugsperson ab, zum Beispiel seinem Sozialarbeiter. Es gehören aber auch andere Personen und Institutionen vor Ort dazu. Beispielsweise Bürgermeister, Betriebe, Sportvereine und Bürger können mitmachen, um den Verurteilten ein soziales Leben nah am Alltag zu ermöglichen. Ich spreche hierbei von Kleinkriminellen, wie beispielsweise Dieben, kleinen Betrügern oder Schwarzfahrern, nicht von Schwer-, Kapital- und Gewaltverbrechern, die nur einen kleinen Teil der Gefängnisinsassen ausmachen, in Dresden beispielsweise nicht mal zehn Prozent. Aber in den Medien ist meist nur von diesen wenigen Prozent die Rede.

Geschieht auf dem Gebiet der Sozialarbeit in den Gefängnissen zu wenig?

Auf dem Gebiet der Resozialisierung passiert viel Gutes. Gefangene können Schulabschlüsse ablegen. Es gibt Arbeitsstellen, die sie hinter Gefängnismauern wahrnehmen können. Leider zu wenige. Sie reichen bei weitem nicht für alle. Für einige gibt es auch eine Theater- oder eine Sportgruppe. Auch Gottesdienste und Seelsorge gibt es im Knast, wo Einzelnen geholfen wird. Aber höchstens jeder zweite, der das Gefängnis verlässt, ist resozialisiert - in dem Sinn, dass er nicht wieder straffällig wird. Das muss verbessert werden.

Herr Kleinert, seit 20 Jahren stehen Sie als Vorsitzender dem Hammerweg e.V. vor. Was verbindet einen Radebeuler mit der Haftanstalt in Dresden?

Das ist eine lange Geschichte. Meine ersten Veröffentlichungen als Wissenschaftler aus den Jahren 1972 und 1976 haben den Strafvollzug zum Thema. Damals ging es um die diesbezügliche Gesetzgebung des Bundes. Hierzu habe ich Untersuchungen sowohl in Jugendstrafanstalten in Nordrhein-Westfalen als auch in Hamburg gemacht. In der Hansestadt war ich im Beirat der großen Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, umgangssprachlich Santa Fu genannt. Als gebürtiger Dresdner kam ich jedes Jahr in meine Geburtsstadt. Und so wurde ich in der Wendezeit gefragt, ob ich hier eine Hochschule für Sozialarbeit aufbaue. Damals, das war 1991, habe ich in einem Interview gesagt, würde, wenn ich einmal nicht mehr Gründungsrektor bin, ich ehrenamtlich im Strafvollzug arbeiten, weil dies eins meiner Spezialgebiete ist. Das haben der damalige Anstaltsleiter und der Pfarrer der Justizvollzugsanstalt in Dresden gelesen. Und als das Jahr 2000 kam und ich nicht mehr Rektor an der Evangelischen Hochschule war, traten sie an mich heran und fragten, ob ich nicht mithelfen könnte, eine Gruppe von Ehrenamtlichen aufzubauen - zunächst in der Schießgasse, später dann im Neubau am Hammerweg.

Und so kam es zur Gründung des Vereins, dessen Vorsitz Sie nun abgeben?

Nicht sofort. Anfangs waren wir vier Ehrenamtliche, die sich zu einer Initiativgruppe zusammengeschlossen haben. Jedoch wollten wir Fortbildungen anbieten. Denn ein gutes Herz haben, reichte uns nicht aus, wir wollten sachverständig arbeiten. Als Gruppe gehe dies nicht, man müsse einen Verein gründen, wurde uns gesagt. Wir wollten ursprünglich keine Vereinsmeierei, wollten aber die Einbindung sowie die Möglichkeit, Anträge auf Zuschüsse für unsere Arbeit zu stellen. Und so kam es zur Gründung des Vereins, der heute auf rund 40 Mitglieder gewachsen ist. Aus den Fortbildungsangeboten sind Tagungen in der Evangelischen Akademie in Meißen entstanden, zu denen anfangs 40 Teilnehmer kamen, jetzt sind es zwischen 80 und 100. Unsere nächste Tagung ist im kommenden Januar zum Thema interkulturelle und interreligiöse Arbeit im Knast, weil die Knastinsassen aus verschiedenen kulturellen, religiösen und nationalen Zusammenhängen kommen, im Gefängnis gibt es einen Ausländeranteil von über 20 Prozent.

Was ist das Ziel des Vereins?

Das Ziel ist die Förderung von Strafgefangenen und Haftentlassenen. Wir wollen deren Chancen nach der Entlassung verbessern. Wir kümmern uns vor allem um Gefangene, die kaum Kontakt nach draußen haben, weil beispielsweise ihre Angehörigen weit weg leben oder den Kontakt abgebrochen haben. Das betrifft etwa ein Drittel der Gefangenen. Wir helfen ihnen, damit sie am Tag ihrer Entlassung nicht vor dem Nichts stehen. Außerdem gibt es das Projekt „Leuchtturm“, das sich an Erstgefangene richtet. Sie sind oft sehr verunsichert und wissen nicht , an wen sie sich in den ersten Wochen der Haft wenden sollen. Für diejenigen, die das erste Mal eine Haftstrafe absitzen müssen, bietet der Verein Ansprechpartner, die sich mit dem Alltag im Gefängnis auskennen. Nach wie vor suchen wir weitere ehrenamtliche Mitarbeiter, die das Mitmachen.

Das dritte Projekt mündete nun in einem Buch, oder?

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Ja! Mit Gefangenen bringen wir zusammen die Gefangenenzeitschrift „Der Riegel“ heraus. Wer von den Insassen gut beobachtet und reflektiert sowie gut schreiben kann, kann in der Redaktion mitmachen. Ein Heft ist 40 Seiten dick. Aus den besten Artikeln der vergangenen 20 Jahre ist das Buch „Ein deutsches Gefängnis im 21. Jahrhundert“ entstanden. Es ist das bislang einzige Buch, in welchem eine größere Gruppe von Gefangenen selbst beschreibt, was im Knast passiert. 50 Gefangene, sieben ehren- sowie neun hauptamtliche Mitarbeiter der JVA Dresden kommen zu Wort. Das Buch ist gerade in zweiter Auflage im Radebeuler Notschriftenverlag erschienen.

Weitere Informationen unter www.hammerweg.eu.

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