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Wie weiter mit Autos auf Bahnhofstraße?

Seit Jahren wird über die Verkehrslösung auf der Haupteinkaufsmeile in Radebeul-West diskutiert. Nun soll der Stadtrat entscheiden.

Die Bahnhofstraße im Zentrum von Kötzschenbroda soll auch in Zukunft in beide Richtungen befahrbar bleiben. Parken ist nach der Neugestaltung nicht mehr erlaubt.
Die Bahnhofstraße im Zentrum von Kötzschenbroda soll auch in Zukunft in beide Richtungen befahrbar bleiben. Parken ist nach der Neugestaltung nicht mehr erlaubt. © Norbert Millauer

Radebeul. Nach reichlich drei Jahren Diskussion, Erstellen eines Händlerleitbildes und Verkehrskonzepts sowie zwei Bürgerbeteiligungen steht in Radebeul die Grundsatzentscheidung zur künftigen Verkehrsführung auf dem mittleren Abschnitt der Bahnhofstraße an. Im Wesentlichen gibt es nur eine Veränderung. Die Parkplätze auf den Gehwegen fallen in diesem Bereich weg.

Beim Verkehrsfluss soll es bei der jetzigen Lösung bleiben. Zwischen Sparkasse und Bahnhofsvorplatz rollen auch künftig Fahrzeuge in beide Richtungen. Die Stadtverwaltung empfiehlt den Stadträten, die sogenannte Variante 0, eine Umgestaltung nahe dem jetzigen Bestand, zur Grundlage der weiteren Planung zu machen. Die Ideen einer Fußgängerzone (Variante 1) oder einer Einbahnstraße (Variante 2) wandern damit in den Papierkorb, wenn die Räte der Empfehlung aus dem Rathaus auf ihrer nächsten Sitzung am kommenden Mittwoch, 25. November 2020, folgen.

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Votum der Bürger ist eindeutig

Die drei Varianten standen in diesem Sommer zwei Monate lang zur Abstimmung. Radebeuler konnten ihren Favoriten bei der Bürgerbefragung wählen. Insgesamt gingen 1.360 Antworten per vorbereiteten Karten (89,7 Prozent/1.219 Stimmen), Online-Abstimmung (8,5/116), E-Mail (1,7/23) oder Brief (0,1/2) im Rathaus ein. "Es war die größte Bürgerbeteiligung, die wir jemals hatten", lautet das Fazit von Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos).

Es gab zwei Formen der Bürgerbefragung. Die eine war offen. Alle Radebeuler waren aufgerufen, ihre Meinung zu äußern. Von den 1.065 Rückmeldungen entfielen rund 80 Prozent der Stimmen für Variante 0. Bei der sogenannten geschlossenen Umfrage, bei der Anwohner, Gewerbetreibende, Kitas und Schulen entlang der von Änderungen im Verkehrsfluss betroffenen Straßen konkret von der Stadtverwaltung angeschrieben wurden, stimmten circa 70 Prozent der 295 Teilnehmer für ein Beibehalten der jetzigen Regelung.

Für eine Fußgängerzone in diesem Bereich konnten sich insgesamt nur 11,3 Prozent oder 154 Bürger erwärmen, für eine Einbahnstraßenregelung votierten 8,8 Prozent beziehungsweise 119 Einwohner. 18 Radebeuler (1,3 Prozent) machten andere Lösungsvorschläge, 15 (1,1 Prozent) lehnten die vorgeschlagenen drei Varianten komplett ab.

Auf dieser Grundlage habe die hauptamtliche Verwaltung die deutliche "Wahl" der Variante 0 zum Beschlussgegenstand gemacht, heißt es in der Vorlage.

Rund 4.500 Fahrzeuge rollen täglich über mittleren Bereich

Das große Ziel der Neugestaltung ist eine Belebung der Bahnhofstraße als Haupteinkaufsmeile in Radebeul-West. Damit Shoppen zu einen Erlebnis wird, neue Geschäfte sich ansiedeln und zum Flanieren einladen, Aktionen auf den Gehwegen stattfinden und Straßencafés zum Treffen mit Freunden locken, wollte man die Verkehrsbelastung reduzieren. Die radikalste Variante war die Umwandlung der mittleren Bahnhofstraße in eine Fußgängerzone. Rund 4.500 Fahrzeuge wären somit aus dem Straßenzug verbannt. Denn so viele rollen zwischen dem Knoten mit Hermann-Ilgen- und Wilhelm-Eichler-Straße im Süden und der Güterhofstraße im Norden dort täglich.

Die Grafik stellt die gegenwärtige Verkehrsbelastung auf ausgewählten Straßenzügen in Radebeul-West pro Tag dar.
Die Grafik stellt die gegenwärtige Verkehrsbelastung auf ausgewählten Straßenzügen in Radebeul-West pro Tag dar. © VerkehrsConsult Dresden-Berlin G

Ein Verbannen des Verkehrs aus der Bahnhofstraße ist jedoch nicht so einfach. Denn eine leistungsstarke Alternativroute in dem Gebiet fehlt. Ein Umwandeln in eine Fußgängerzone beim gleichzeitigen Ändern von Einbahnstraßenregelungen würde beispielsweise eine Zunahme der Verkehrsbelastung auf dem westlichen Teil der Hermann-Ilgen-Straße um rund 3.900 Kraftfahrzeuge täglich bedeuten. Jetzt rollen dort nur etwa 800 Fahrzeuge am Tag. Über den Dorfanger wären zusätzlich 1.800 Autos täglich gefahren. In Höhe Kuffenhaus sind dort derzeit 4.300 und im Bereich der Kastanienallee etwa 6.200 Automobile innerhalb von 24 Stunden unterwegs, wie die aktuelle Verkehrszählung ergab.

Eine Einbahnstraßenregelung in Richtung Norden, also von der Sparkasse zur Bahnbrücke, hätte den Verkehr auf der Bahnhofstraße halbiert und ebenfalls zu einem Anstieg auf anderen Straßen geführt - nur auf eine etwas moderatere Weise.

Seifenpflaster auf den Gehwegen bleibt erhalten

Wenn der Stadtrat der von der Verwaltung vorgeschlagenen Variante grünes Licht gibt, bleibt die Bahnhofstraße in Zukunft in beide Richtungen befahrbar. Die Stellplätze auf den Bürgersteigen dagegen entfallen. Besucher sollen auf der Festwiese sowie auf dem Streifen zwischen Bahndamm und Güterhofstraße ihre Autos abstellen. Den letztgenannten Parkplatz plant die Stadt zu vergrößern. Sie möchte dort zudem Bus-Stellflächen schaffen.

Die Kreuzung in Höhe des Sparkassengebäudes will die Lößnitzstadt neu und übersichtlicher gestalten. So haben Kraftfahrer künftig Vorfahrt, die von der Hermann-Ilgen-Straße aus Richtung Osten kommen. Jetzt müssen sie vor der Sparkasse immer bremsen und anderen Fahrzeugen Vorrang gewähren. Die Wilhelm-Eichler-Straße bleibt für den motorisierten Verkehr weiterhin eine Einbahnstraße. Pedaleure dürfen dagegen in beide Richtungen auf ihren Rädern fahren. Eine Optimierung ist auch am Knoten mit der Güterhofstraße angedacht.

Bei der Gestaltung von Fahrbahn und Fußwegen sowie beim Baumbestand hat die Stadt nur wenig Spielräume. Denn nach der Diskussion nach der ersten Bürgerbeteiligung im Jahr 2017, als sich die Debatte nur noch um Parkplätze oder Erhalt der großen Gehölze - das eine sollte zugunsten des anderen geopfert werden - drehte, klopfte die Denkmalbehörde an die Rathaustür und stellte den mittleren Abschnitt unter Schutz. So muss die historische Pflasterung der Gehwege mit dem sogenannten Seifenpflaster, ein keramisches Gehwegpflaster im Kleinformat, erhalten und saniert werden.

Baubeschluss kommt frühestens Ende 2022

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Nach der Grundsatzentscheidung steht die konkrete Aufgabenformulierung für die weitere Planung an. Diese soll bis Mitte 2021 feststehen, wie Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) auf eine Nachfrage von Stadtrat Uwe Wittig (Freie Wähler) jüngst im Bildungs-, Kultur- und Sozialausschuss informierte. In die darauffolgende Detailplanung fließen Hinweise und Anregungen der Bürger ein, die sie im Rahmen der Bürgerbefragung abgegeben haben. Ende 2021 sollen verschiedene Varianten zur Umgestaltung vorliegen, im Anschluss bis Mitte 2022 erneut ein Abfragen der Bürgermeinung erfolgen. Nach deren Auswertung wird der Stadtrat den endgültigen Baubeschluss fassen. Das wird laut OB Wendsche frühestens Ende 2022 sein. Damit verwandelt sich die mittlere Bahnhofstraße nicht vor 2023 in eine Baustelle.

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