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„Wir sind nicht ideologisch unterwegs“

Eva-Maria Schindler führt die Fraktion Freie Wähler im Radebeuler Stadtrat an. Im Interview spricht sie über Sauberkeit, Bewegung und Schwimmhalle.

Eva-Maria Schindler ist 73 Jahre alt und im (UN)Ruhestand. Seit 2015 engagiert sich die studierte Ökonomin als Stadträtin. Sie ist Vorsitzende der fünfköpfigen Fraktion der Freien Wähler.
Eva-Maria Schindler ist 73 Jahre alt und im (UN)Ruhestand. Seit 2015 engagiert sich die studierte Ökonomin als Stadträtin. Sie ist Vorsitzende der fünfköpfigen Fraktion der Freien Wähler. © Norbert Millauer

Frau Schindler, mit Andreas Kruschel hat ein langjähriges Mitglied die Fraktion verlassen. Ist das ein großer Verlust?

Wenn ein vor allem erfahrenes Mitglied die Fraktion verlässt, ist das immer ein Verlust. Herr Kruschel war für die Freien Wähler bereits unter dem langjährigen Fraktionsvorsitzenden Bernd Uhlemann im Stadtrat tätig. Wir haben über viele Jahre gut zusammengearbeitet. Es war seine freie Entscheidung, die Fraktion zu wechseln. Sie steht im Zusammenhang mit der Kulturamtsleiterwahl.

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Gleichzeitig trat Stadträtin Ilka Petzold Ihrer Fraktion bei. Ein Gewinn?

Durch den zeitgleichen Eintritt von Frau Dr. Petzold ist die Fraktionsstärke gleich geblieben. Bereits während ihrer Mitgliedschaft in der Linksfraktion haben wir mit ihr kollegial und vor allem auch aus fachlicher Sicht gut zusammengearbeitet. Ihre Meinung und Entscheidungen gingen bereits in der Vergangenheit zu vielen Sachfragen mit den unseren konform. Eine gestandene Stadträtin ist natürlich ein Gewinn für uns.

Welches Grundverständnis haben Sie von der Stadtratsarbeit Ihrer Fraktion?

Unser Grundverständnis lässt sich mit drei Worten kurz beschreiben: Bürgernähe, Sachbezogenheit und Unabhängigkeit. In unserem Bürgerbüro haben wir immer ein offenes Ohr für Einwohner. Bei uns gibt es keinen Fraktionszwang. Mitunter stimmen unsere Mitglieder zu einem Punkt unterschiedlich ab. Zudem sind wir an keine Prämissen oder Vorgaben von der Landes- oder Bundesebene der Freien Wähler gebunden. Wir sind keine Partei, sondern ein eingetragener Verein, eine Bürgervereinigung. Unser Hauptthema ist die kommunale Sacharbeit. Hier sind wir überhaupt nicht ideologisch unterwegs, sondern an der Lösung von Sachfragen zum Wohle unserer Stadt interessiert.

Welche Themen sind Ihnen wichtig?

Unsere zur letzten Kommunalwahl aufgestellten Leitlinien sind natürlich für die Zeit bis 2024 gültig und an deren Umsetzung arbeiten wir Schritt für Schritt. Entsprechende Anträge bringen wir nach und nach in den Stadtrat ein und richten auch unsere Entscheidungen zu Vorlagen der Verwaltung sowie Anträgen anderer Fraktionen daran aus. Neben Bürgernähe liegen uns Stadtentwicklung, Kultur und Soziales, Ordnung und Sicherheit in der Stadt sehr am Herzen. Wer mit offenen Augen durch die Straßen geht, muss leider feststellen, dass Sauberkeit und Ordnung mitunter nachlassen.

Wo lässt Sauberkeit im Stadtgebiet zu wünschen übrig?

Fußwege werden nicht vom Unkraut befreit, Wände beschmiert oder Plakate einfach an Stellen aufgehängt, wie es einem einfällt. Es geht mit Hundebesitzern weiter, die die Hinterlassenschaften ihrer Vierbeiner nicht einsammeln. Fußwege werden zugeparkt, obwohl es Stellflächen im Grundstück gibt. Hier wünschen wir uns eine größere Stringenz, aber auch ein ständiges Dranbleiben am gesellschaftlichen und nachbarschaftlichen Klima in der Stadt, damit nicht nur individuelle Interessen, sondern auch wieder mehr das gegenseitige aufeinander Achten wichtig wird.

Das Erscheinungsbild der Stadt ist den Freien Wählern also wichtig?

Das Stadtbild haben wir immer wieder im Auge - an Stellen, wie zum Beispiel die Stadtein- und -ausgänge. So fragen wir uns: Sind sie einladend für uns als Radebeuler, aber auch für unsere Gäste? Wie sehen wichtige Plätze in der Stadt aus, wie kann man dort manchmal mit kleinen Mitteln, manchmal auch im Zuge von Grundstückserwerb, wie etwa bei der Aral-Tankstelle, städtebauliche Situationen verbessern? Ein weiteres Beispiel, wie wir zur Verbesserung des Stadtbildes beitragen wollen, ist unser Antrag für eine ansprechende Gestaltung des neuen Kreisverkehrs an der Meißner Straße/Schiffsmühlenweg. Dafür sollte unsere Stadt gemeinsam mit Coswig einen Gestaltungswettbewerb initiieren. Mit der Nachbarstadt könnten wir auch zusammen einen Bauhof betreiben oder wir führen wieder einen eigenen ein. Zudem sind uns Bewegungsangebote für alle Altersgruppen wichtig.

Was für Angebote meinen Sie?

Bewegung ist wie die Ernährung die Basis für Gesundheit. Wir wünschen uns moderne Spielplätze für Kinder sowie Plätze mit Bewegungsmöglichkeiten für alle Generationen. Andere Städte sind da schon weiter und haben Mehrgenerationen-Treffpunkte geschaffen, wo es neben Klettergerüst, Rutsche, Sandkasten und Schaukel für die Kleinen auch Sportgeräte, Trimm-dich-Pfade und noch mehr für Erwachsene gibt. Solche Mehrgenerationen-Bewegungsplätze kann ich mir im Lößnitzgrund, am Moritz-Garte-Steg oder im Apothekerpark gut vorstellen. Auch für den Stadtpark zwischen Kötzschenbroda und Lindenau wünschen wir uns eine aktivere Nutzung. Ein weiterer für uns wichtiger Punkt ist die Sanierung der Schwimmhalle.

Was wünscht Ihre Fraktion in puncto Schwimmen?

Während der Sanierung der Schwimmhalle ist für mindestens anderthalb Jahre kein Schwimmsport dort möglich. Zudem ist mit sehr hohen Kosten zu rechnen. Damit die Schwimmhalle nicht über einen so langen Zeitraum ohne Ersatzmöglichkeit geschlossen bleiben muss, haben wir vorgeschlagen, einmal zu prüfen, welche Optionen es noch gibt. Das wären beispielsweise ein Neubau am jetzigen Standort oder an der Stadtgrenze zu Coswig. Als Gemeinschaftsprojekt könnten sich beide Städte eventuell sogar die Bau- und Unterhaltskosten teilen.

Die Debatte um die Kulturamtsleiterwahl hat einen Riss durch die Radebeuler Gesellschaft offenbart. Wie möchten die Freien Wähler den Riss kitten?

In der aufgeheizten Diskussion haben wir uns zurückgehalten. Für uns war die fachliche Eignung das entscheidende Kriterium für die Neubesetzung der Stelle. Sowohl von Vita als auch Berufserfahrung her stimmt die nun bestätigte Personalentscheidung mit dem Wunsch der Mehrheit unserer Fraktion überein. Wir werden die neue Kulturamtsleiterin tatkräftig unterstützen. So wollen wir dazu beitragen, dass man einmal in Radebeul sagen wird: Das war die richtige Entscheidung! Wir wollen uns zudem dafür einsetzen, dass mehr Toleranz in Wort und Tat bei künftigen ideologiegeprägten Themen einzieht. Toleranz darf man nicht nur vom sogenannten ideologischen Gegner fordern, sondern auch selbst dazu bereit sein. Ich denke, dazu müssen wir uns alle an die Nase fassen.

Welche Entwicklung wünscht sich Ihre Fraktion für das Karl-May-Museum?

Der ausgeschiedene Museumsdirektor, Dr. Christian Wacker, war ein ausgewiesener Fachmann und hat gemeinsam mit den Museumsmitarbeitern ein zukunftsfähiges Grundkonzept erstellt. An dieser Strategie sowie deren Umsetzung mit multimedialen, virtuellen und digitalen Ausstellungselementen muss weiter gearbeitet werden. Langfristig ist ein Erweiterungsbau sowie ein neuer Eingangsbereich an der Meißner Straße vonnöten. Das Neubauprojekt aufzugeben, wäre der falsche Weg.

Wie steht Ihre Fraktion zu den Investorenplänen im Wasapark?

Auch wir empfinden die geplante Bebauung als zu dicht. Die neuen Häuser stehen zu eng beieinander. Es gibt zu wenig Grünfläche dazwischen. Jedoch hat der Investor deutlich gemacht, dass eine gewisse Quadratmeterzahl, und zwar 16.000, an Wohnfläche unabdingbar ist, um das Vorhaben wirtschaftlich zu gestalten. Das muss man akzeptieren! Die Alternative wäre. Alles bleibt, wie es ist. Das will niemand. Damit die Bebauung lockerer ausfällt, müsste das ein oder andere Gebäude etwas höher gebaut werden. Mit so einer Lösung könnten wir uns anfreunden.

Für die künftige Verkehrsführung der Mittleren Bahnhofstraße stehen drei Varianten zur Debatte. Welche Variante bevorzugt die Stadtratsfraktion Freie Wähler?

Wenn alles so bleibt, wie es ist, kann ich mir nicht vorstellen, dass dort ein Einkaufsboulevard mit Erlebnischarakter entsteht. Die Variante mit der Halbierung des Verkehrs durch eine Einbahnstraßenregelung bringt aus meiner Sicht ebenfalls nichts. Ich habe mir die Situation in Radebeul-Ost auf der Hauptstraße angeschaut. Die Einbahnstraße ist zum Großteil verkehrsberuhigter Bereich mit Stellflächen an beiden Straßenseiten. Es macht keinen Spaß, wenn man dort an einem der Außentische der Gastronomie Platz nimmt. Ständig kurven Autos einem vor der Nase herum, ständig fahren Pkw aus einem Parkplatz heraus, andere in die freiwerdende Lücke hinein. Wir sollten mutig sein und auf der Bahnhofstraße eine Fußgängerzone einrichten und damit dem Einkaufsboulevard und einem interessanteren Händlerspektrum mit Wochenmarkt Raum und Entwicklungsmöglichkeiten geben.

Das Interview führte Silvio Kuhnert.

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