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"Niederlassung nicht für alle Ärzte interessant"

Die Elblandpolikliniken GmbH aus Meißen ist stark gewachsen. Doch das allein genügt nicht.

Der Geschäftsführer der Elblandpolikliniken Ralph Schibbe
sieht das Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen. Es müsse digitaler und ambulanter werden, sagt er.
Der Geschäftsführer der Elblandpolikliniken Ralph Schibbe sieht das Gesundheitswesen vor großen Herausforderungen. Es müsse digitaler und ambulanter werden, sagt er. © Claudia Hübschmann

Herr Schibbe, die Elbland Polikliniken GmbH gibt es seit 14 Jahren. Sie betreibt jetzt 27 Praxen an 15 Standorten. Anfangs waren es zwei Praxen. Wie viele sollen es noch werden?

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In den vergangenen Jahren haben wir oft geholfen, die wohnortnahe ärztliche Versorgung im Kreis und angrenzenden Gebieten abzusichern. Wenn irgendwo in der Region kein Nachfolger für eine Praxis gefunden werden konnte, kamen Bitten aus der Bevölkerung und Politik. Dann sind wir eingesprungen.

Das ist doch eine gute Sache ....

Prinzipiell ja. Die dadurch entstandene Struktur muss auch ökonomisch funktionieren. Was viele nicht wissen: Die Elbland Polikliniken GmbH ist ein selbstständiges Unternehmen und muss sich selbst tragen. In den nächsten Jahren wird es darauf ankommen, die Gesellschaft so aufzubauen, dass sie weiterhin effizient arbeiten kann.

Was heißt das?

Weinböhla liefert ein gutes Beispiel. Die Gemeinde ist uns mit den Räumlichkeiten im Zentralgasthof sehr entgegengekommen. Wir bieten die Fachrichtungen Allgemeinmedizin, Orthopädie und Osteopathie in einem Gebäude an. Die Technik lässt sich gemeinsam nutzen. Das Angebot ist rund und abgestimmt. Die Patienten haben kurze Wege. Das entspricht dem klassischen Modell einer Poliklinik. Ähnlich läuft es in Meißen am Robert-Koch-Platz. In Riesa wollen wir versuchen, die Fachrichtungen in einer ähnlichen Form zusammenzuführen. Dort sind sie aktuell über mehrere Standorte verteilt.

Wie macht sich die Corona-Pandemie bei Ihnen bemerkbar?

Ein großes Dankeschön vorab an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre außerordentliche Einsatzbereitschaft. In den Praxen verhält es sich nicht anders als bei den selbstständigen Kollegen. Es gilt, die Hygieneregeln sehr exakt zu beachten und die Patienten weiterhin stabil zu versorgen. Der hohe Aufwand, der dafür nötig ist, hält uns allerdings davon ab, die oben skizzierten Hausaufgaben anzugehen. Ohne Corona wären wir schon sehr viel weiter.

Welche Vision haben Sie von der künftigen Stellung der Elbland Polikliniken GmbH innerhalb des Gesundheitssystems?

Wir sehen, dass die ärztliche Versorgung vor allem in dünn besiedelten ländlichen Gegenden immer schwieriger wird. Es ist zu befürchten, dass sich diese Entwicklung auch mit Programmen wie dem Hausarztstipendium des Freistaats oder dem Landarztstudium in Ungarn von Kassenärztlicher Vereinigung und Krankenkassen nicht aufhalten lassen wird. Eine Lösung dafür könnte das oft als "Schwester Agnes" bezeichnete Modell sein.

Das heißt, die frühere Gemeindeschwester soll reaktiviert werden?

Der Fachbegriff lautet etwas kompliziert nicht-ärztliche Praxisassistentin (Näpa). Die Teilnahme an der Fortbildung setzt einen qualifizierten Berufsabschluss, wie zum Beispiel medizinische Fachangestellte oder Arzthelferin, voraus. Darüber hinaus müssen mindestens drei Jahre Berufstätigkeit in einer hausärztlichen Praxis nachgewiesen werden. Die Fortbildung selbst umfasst dann über 270 Stunden, also eine ganze Menge.

Was soll die Näpa leisten?

Ihre Aufgabe wäre es, die Beschwerden und Probleme des Patienten zu dokumentieren. Das kann zum Beispiel mit Fotos und Videosequenzen erreicht werden. Diese finden über eine verschlüsselte Verbindung in Echtzeit direkt Eingang in die digitale Patientenakte in der Praxis. Von dort kann der Hausarzt Nachfragen stellen und die nächsten Schritte einleiten. Das kann von der Überweisung an einen Spezialisten oder die Einschaltung eines Pflegedienstes bis hin zur Einweisung ins Krankenhaus gehen.

Wo haben in diesem Modell die Medizinischen Versorgungszentren ihren Platz?

Die Normalität nach Corona wird den Trend beschleunigen, dass die gesamte Branche ambulanter und digitaler wird. Deswegen müssen wir die Vernetzung untereinander ausbauen, egal in welcher Trägerschaft wir uns befinden, um die Patienten möglichst überall zu erreichen. Es geht schlichtweg um die Beantwortung der Frage, haben wir Lösungen für den medizinischen Versorgungsbedarf von Morgen?

Sind Medizinische Versorgunszentren wie die Elbland Polikliniken GmbH als Arbeitgeber so attraktiv, dass sie eine solche ambitionierte Rolle spielen könnten?

Die Niederlassung ist nicht für alle Ärzte interessant. Es gibt gerade unter den jungen Absolventen viele gute Mediziner, die es vorteilhaft finden, sich ganz auf ihren Beruf konzentrieren zu können und Dinge wie EDV, Medizintechnik, Qualitätsmanagement oder das Personalwesen den Fachleuten zu überlassen. MVZs sind dafür eine attraktive Form der Berufsausübung.

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  • Das Gespräch führte Peter Anderson.

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