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Nur den Mut nicht verlieren

Hund Siva, Pflegedienst und Kinder geben Sylvia Bensch Hoffnung. Eine Krankheit fesselt die Coswigerin an den Rollstuhl - in Coronazeiten noch bitterer.

Ob auf dem Weg durch die Wohnung oder beim Gassigang - Hündin Siva ist immer an der Seite von Sylvia Bensch.
Ob auf dem Weg durch die Wohnung oder beim Gassigang - Hündin Siva ist immer an der Seite von Sylvia Bensch. © Norbert Millauer

Von Ines Scholze-Luft

Mit ihrer Hündin Siva zusammen zu sein, macht Sylvia Bensch froh. Ob -daheim oder wenn sie beim Gassigang etwas Freiheit erlebt - vor allem das ist für die 54-Jährige ein Höhepunkt am Tag, den sie fast ausschließlich in ihrer Wohnung in der zehnten Etage eines Coswiger Hochhauses verbringt. Verbringen muss.

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Kennengelernt hat die Sächsische Zeitung Sylvia Bensch vor sieben Jahren in Radebeul. Da konnte die SZ-Stiftung Lichtblick der damals 47-Jährigen helfen, als gleich drei ihrer Küchengeräte den Geist aufgegeben hatten. Bald stand auch ein neuer Geschirrspüler im Haushalt, in dem damals noch drei der vier Kinder lebten. Der Spüler war dabei, als die Radebeulerin ihren Wohnort wechselte. Nicht ganz freiwillig - eine heimtückische Krankheit ergreift zunehmend Besitz vom Körper der einst aktiven, unternehmungslustigen Frau. 2007 wurde bei ihr Multiple Sklerose diagnostiziert. Konnte sie sich 2014 noch kleine Strecken selbstständig fortbewegen, war sie bald komplett auf den Rollstuhl angewiesen und eine barrierefreie Wohnung gefragt. Nach Coswig kam auch die Tochter (heute 18) mit - sie lebt inzwischen bei ihrem Freund.

Neuer Pflegedienst als Glücksfall

Natürlich zog Siva ebenfalls um. Die sechsjährige Französische Bulldogge ist Sylvia Benschs beständigster Mutmacher. Empfängt Eintretende mit viel Temperament, beschäftigt sich hingebungsvoll mit Leckerlis und ihrem Spielzeug - möglichst immer in Sichtkontakt zu Frauchen. Der Blick aus den braunen Hundeaugen vertreibt manch schlimme Gedanken. Dafür ist Sylvia Bensch dankbar. Auch dafür, dass sie zumindest noch Gassi fahren kann mit Siva. Manchmal allerdings begleitet von bösen Bemerkungen. Die kann doch die Haufen ihres Hundes gar nicht aufheben, hat sie schon gehört. Doch die Hundemutter kriegt das hin, wenn sie dabei auch schon mal aus dem Rollstuhl gefallen ist. Vor längerer Zeit, da konnte sie sich noch aus eigener Kraft zurückbewegen in das Gefährt.

Wobei ihr nicht nur die körperliche Verschlechterung zusetzt. Da sind die Freunde, die sich nicht mal mehr telefonisch nach ihr erkundigen. „Früher war ich noch zu was zu gebrauchen“, sagt Sylvia Bensch. Damals lenkte die ehemalige Busfahrerin schnell mal einen Umzugs-Lkw für Bekannte. Jetzt ist nur eine Freundin - selbst schwer krank - an ihrer Seite geblieben. Und Corona hat die Einsamkeit weiter vergrößert. Seit Pandemiebeginn fährt sie nicht mehr einkaufen, das erledigen zum Glück ihre beiden mittleren Söhne (25, 27), die - selbst gesundheitlich beeinträchtigt - ganz in ihrer Nähe wohnen und ihr immer zur Seite stehen. Ansonsten erlebe sie kaum Mitgefühl, sagt sie. Auf den Balkons rundum habe niemand geklatscht für Pflegekräfte, Ärzte und andere, die sich gegen Corona stemmen. Von der in den Medien viel gelobten Solidarität unter den Menschen merke sie wenig.

Aber kein Schatten ohne Licht. Ihr neuer Pflegedienst erweist sich als Glücksfall. Schwester Agnes 2.0. - der Name ist Programm. Und Erinnerung an die unvergessene TV-Heldin Agnes Kraus, mit Fürsorge, Zuspruch, Empathie. Die Schwestern betreuen sie hingebungsvoll, kümmern sich um Körper und Seele. Menschendienst, sagt 54-Jährige. Als der Aufzug im Zehngeschosser drei Tage streikte, war sie mit der Gassirunde für Siva eigentlich aufgeschmissen. Eine Pflegedienst-Schwester übernahm das in ihrer Mittagspause. Damit nicht genug. Als kürzlich die Gruppe City in Coswig gastierte, ermunterte eine Agnes-Mitarbeiterin sie zum Konzertbesuch. Alles wurde organisiert, sie konnte sich diese Freude gemeinsam mit einem ihrer Söhne leisten. Ein großer Trost in ihrer immer kleiner werdenden Welt. Das mit dem Gehen wird nie wieder, ihr Sehvermögen verschlechtert sich, das Lesen fällt zunehmend schwerer, das Schreiben ebenso, der rechte Arm will nicht mehr funktionieren, das Telefon rutscht ihr aus der Hand.

Kampf auf allen Ebenen. Nun hat sich der Geschirrspüler verabschiedet, Sylvia Bensch braucht aber auch einen neuen Rollstuhl. Ihr Elektro-Rolli, Hilfsmittel im Freien, ist für die Wohnung ungeeignet. „Da nehme ich zehn Schnecken oder anderes Unappetitliches mit ins Wohn- oder Schlafzimmer.“ Sie schüttelt den Kopf. Zwar steht ihr neben dem Dusch- ein Standardrollstuhl zur Verfügung. Doch den müsste eine andere Person schieben - und sie lebt nun mal allein. Die Lösung: Ein sogenannter Adaptivrollstuhl, den sie selbst bewegen kann. Rollstuhl oder Spüler - für beides reicht das Gesparte nicht. Ihre Bitte um einen neuen Rolli hat die AOK letzten Endes doch genehmigt. Der rote Flitzer steht schon in der Stube. Jetzt könnte sie sich den neuen Spüler anschaffen. Falls sie denn einen Handwerker findet.

Warten auf einen Anruf

Nicht nur deshalb schaut sie mit Bangen nach vorn. Selbst wenn die größten Lockdown-Einschränkungen irgendwann dauerhaft aufgehoben sind - Sylvia Benschs Wünsche nach etwas mehr Lebensqualität stoppen noch vor ganz anderen Hindernissen. Ihr E-Rollstuhl hat zu wenig Power für längere Ausflüge und sie keinen, der sie begleiten und das schwere Gefährt über Hürden wuchten könnte. Selbst drei Zentimeter hohe Türschwellen bremsen sie aus. In Dresden oder Radebeul mal einen Kaffee trinken? Davon kann sie nur träumen. Dabei liegt die Straßenbahnhaltestelle nahe beim Haus. Doch allein in die Bahn? Das würde sie sich nur mit einem leistungsstärkeren Rollstuhl trauen.

Eigentlich wäre Sylvia Bensch schon froh, wenn es mehr Kontakte zu ihrem Umfeld gäbe. Wenn mal wieder jemand kommt und ein frisches Bäckerbrötchen mitbringt, einfach nur mit ihr schwatzt oder „Mensch ärgere dich nicht“ mitspielt. Oder ab und zu anruft.

Wer eine Idee hat, wie er Sylvia Bensch unterstützen könnte, kann sich melden: [email protected]

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