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Richterin mit 28

Juliane Martin arbeitet seit Kurzem am Amtsgericht Riesa. Dort steht ein Generationenwechsel ins Haus.

© Sebastian Schultz

Von Stefan Lehmann

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Riesa. Etwas aufgeregt sei sie schon gewesen vor der ersten Verhandlung, verrät Juliane Martin. „Es ging um Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz – und es war auch gar nicht so einfach“, erzählt sie. Der Verteidiger jedenfalls habe viel versucht. „Wir mussten am Ende auch vertagen und lassen uns noch ein Gutachten anfertigen.“ Seit Dezember arbeitet Juliane Martin als Richterin auf Probe am Amtsgericht in Riesa. Zuständig ist die gebürtige Thüringerin dort für Zivil- und Strafsachen. „Eine tolle Stelle“, sagt sie. Gerade für den Einstieg sei ein kleineres Gericht wie Riesa genau richtig, weil es etwas persönlicher zugehe.

Erfahrung in der Justiz hat die 28-Jährige schon gesammelt: Nach ihrem Studium arbeitete Juliane Martin ab 2015 in einer Anwaltskanzlei in Leipzig. Die Situation auf der Richterbank sei aber schon eine andere. „Als Anwältin wurde man vom Richter sozusagen durch die Verhandlung geführt“, erklärt sie und lächelt. Eine Gerichtsverhandlung geleitet, das hatte sie vorher auch nur einmal im Referendariat. „Aber da saß der Richter auch noch daneben“, schmunzelt Martin.

Trotzdem habe sie während dieses Praxisteils im Jura-Studium schnell gemerkt, dass sie lieber die Richterrobe tragen möchte. Als Anwältin sei man eben Dienstleister, müsse den Klienten verteidigen und für ihn das Beste rausholen – auch wenn das möglicherweise eigenen Überzeugungen widerspricht. „Als Richterin bin ich da unabhängiger.“ Den Eindruck, wegen ihres Alters nicht ernstgenommen zu werden, habe sie bisher nicht gehabt. „Da habe ich mir im Vorfeld auch meine Gedanken gemacht.“ Offenbar völlig zu Unrecht.

Amtsgerichts-Direktor Herbert Zapf jedenfalls ist froh, dass mittlerweile wieder eine „Nachwuchskraft“ im Haus ist. „Es ist eine tolle Sache, auch junge Leute da zu haben, die frische Ideen mitbringen.“ Für eben jene jungen Leute war es lange nicht so einfach wie heute, Richter zu werden – zumindest in der Theorie. Der Freistaat Sachsen sei ein attraktiver Arbeitgeber – ein neu eingestellter Richter oder Staatsanwalt bekommt derzeit etwa 4 100 Euro Bruttogehalt, das liegt im bundesweiten Vergleich im Mittelfeld. Die Notenanforderungen an Jura-Absolventen seien in der Vergangenheit stetig gesunken, sagt Zapf. Das sächsische Justizministerium bestätigt das: Aktuell genügt die Note „befriedigend“. Noch gebe es allerdings weiterhin mehr Bewerber als freie Stellen. Deshalb hätten sich „die durchschnittlichen Examensergebnisse der eingestellten Proberichterinnen und -richter“ nicht verschlechtert.

Trotzdem stehe die sächsische Justiz vor einer Herausforderung. „Ein großer Teil der in den Nachwendejahren neu eingestellten – damals etwa 30-jährigen – Richter und Staatsanwälte wird innerhalb eines Korridors von nur wenigen Jahren in den Ruhestand eintreten“, erklärt Ministeriumssprecher Jörg Herold. Zwischen 2026 und 2030 werde demnach ein Drittel aller Richter und Staatsanwälte in Sachsen aus dem aktiven Dienst ausscheiden.

Ein Problem, das man schon jetzt angehen müsse, denn im fraglichen Zeitraum werden nicht genügend qualifizierte Bewerber zur Verfügung stehen. Zudem wäre ein schlagartiger Erfahrungsverlust bei Gerichten und Staatsanwaltschaften nicht zu verkraften. Drittens kommt noch hinzu, dass wegen der Vielzahl laufender Asylverfahren gerade an den Verwaltungsgerichten junges Personal gesucht wird. Aus diesem Grund sind derzeit etwa 150 Proberichter in Sachsen beschäftigt – so viele wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Auch am Riesaer Gericht steht der Generationenwechsel bevor, sagt Herbert Zapf. „In etwa drei Jahren gehen die ersten Kollegen in den Ruhestand.“ Kurz danach endet auch Juliane Martins Probezeit. Diese dauert für gewöhnlich dreieinhalb bis vier Jahre und umfasst zwei bis drei Stationen bei Gerichten und der Staatsanwaltschaft. Ob Juliane Martin dann sofort ihren Traumberuf ausüben kann, steht noch nicht fest. „Man kann Wünsche äußern“, so Herbert Zapf. Das letzte Wort aber hat erst einmal der Freistaat.