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Fitnessclubs zwischen Neustart und Sorge

In der Region dürfen die Fitnesscenter wieder Leute empfangen. Betreiber und Freizeitsportler haben sich gegenseitig sehr vermisst.

Der Nünchritzer Fitnesstrainer Hans-Jörg Schneese gibt Jens Walter auf dem Ausdauergerät Tipps.
Der Nünchritzer Fitnesstrainer Hans-Jörg Schneese gibt Jens Walter auf dem Ausdauergerät Tipps. © Sebastian Schultz

Riesa-Großenhain. Fast alle Sportgeräte im Nünchritzer Fitnessclub "Moveo" stehen noch verlassen. Nur hinten in der Ecke sitzt Jens Walter auf dem Fahrradsimulator und tritt in die Pedale. Neben ihn steht Fitnesstrainer Hans-Jörg Schneese und gibt ihm ein paar Tipps. Es ist früh am Nachmittag. Der richtige Andrang kommt erst noch.

Beide Männer haben sich lange nicht gesehen. Fast sieben Monate nicht. Jedenfalls nicht hier in diesem großen Raum, der bis zur Wende der Saal des Elbgasthofes war und in den 1990er-Jahren die Discothek "Dom" beherbergte. 2004 zog der Fitnessclub hier ein und konnte Jahr für Jahr neue Mitglieder gewinnen. Ins "Moveo" kommen seitdem viele Leute, die sich fit halten wollen, aber auch Menschen mit Vorerkrankungen. So wie Jens Walter.

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Der 60-Jährige hatte vor vier Jahren einen Schlaganfall. Sport tut ihm gut. Er hat das "Moveo" seit Dezember vermisst. "Die Zeit ohne das regelmäßige Training war ganz schön hart", sagt er. "Der Körper fing schon an zu spinnen." Wie viele andere Leute auch hat er in der Zeit des Lockdowns das Spazierengehen für sich entdeckt. Jeden Tag 10.000 Schritte. Was anderes war für ihn nicht möglich. Mehrere Fitnessgeräte anzuschaffen und dann zu Hause selbst trainieren, gehe nicht. "So viel Platz habe ich gar nicht. Da müsste ich ein Zimmer umbauen", sagt Walter lächelnd.

Hans-Jörg Schneese lehnt an einem der Sportgeräte. Er war erfreut über die zahlreichen positiven Reaktionen, nachdem er bekannt gab, dass das "Moveo" wieder öffnet.
Hans-Jörg Schneese lehnt an einem der Sportgeräte. Er war erfreut über die zahlreichen positiven Reaktionen, nachdem er bekannt gab, dass das "Moveo" wieder öffnet. © Sebastian Schultz

Nach einer Weile kommen die Nächsten. Zwei Frauen haben sich umgezogen und schalten die Lauf-Ergometer ein. Danach geht es an die Fitnessgeräte mit den Gewichten. Ausdauer ist zwar gut, aber auch die inneren Muskeln müssen trainiert werden, damit das Körperfett verbrennt wird.

Das "Moveo" hat als eines der ersten Fitnessstudios der Region nach dem Lockdown wiedereröffnet. Als Schneese auf der Internetseite bekannt gab, dass ab 27. Mai wieder Training möglich ist, habe er innerhalb weniger Stunden zahlreiche positive Reaktionen erhalten. "Man merkt richtig, wie sehr es unsere Mitglieder vermisst haben", sagt der Fitnessclub-Betreiber. Zwar seien am ersten Tag nur etwa 20 Leute dagewesen. - Die sogenannte 3-G-Regel (getestet, geimpft oder genesen) halte noch viele vom Training unter einem Dach ab. - Aber von Tag zu Tag werden es wieder mehr.

Nur Netflix und Couch

An der Rezeption empfängt er ein bekanntes Gesicht. "Bist du es wirklich?", begrüßt er scherzend Michael Voigt. Der Nünchritzer war früher mal der Topstürmer des SC Riesa. Mittlerweile sind ein paar Pfunde dazugekommen. "Ich habe ordentlich zugelegt", gibt er zu. Er wiege gut sieben bis acht Kilo mehr als noch vor der Pandemie. "Kein Wunder, es gab ja nur Netflix und die Couch", lacht er.

Um sich im Lockdown wenigstens ein bisschen zu bewegen, habe er sich ein Fahrrad gekauft. Doch das sei nicht dasselbe wie das Training in einem Fitnessstudio, wo er mehr Möglichkeiten hat und man auch mal Leute trifft zum Plaudern. Gutgelaunt sagt Voigt: "Ich habe seit sieben Monate darauf gewartet, dass es endlich wieder losgeht."

Hans-Jörg Schneese auch. Der Lockdown hat ihm wie vielen anderen Fitnessstudios große Existenzängste bereitet. "Da muss man an die Reserven gehen", sagt er. Die letzte Teilzahlung der von der Politik für November und Dezember versprochenen Hilfen hatte er im März erhalten. Seine drei Angestellten musste er in die Kurzarbeit schicken. Trotz der staatlichen Unterstützung ist er auf Merkel, Lauterbach und Co. nicht gut zu sprechen. Die Politiker im Bundestag hätten ihm ja ein Berufsverbot erteilt, das er nicht nachvollziehen kann.

Vor der Wiedereröffnung des "Injoy" in Gröditz hatte Cornelia Günther noch mal durchgesaugt.
Vor der Wiedereröffnung des "Injoy" in Gröditz hatte Cornelia Günther noch mal durchgesaugt. © Sebastian Schultz

Mit dieser Meinung steht er nicht alleine. Gerade Muskeltraining sei der beste Virenkiller, sagt auch Andreas Koch, der zusammen mit Alexander Gruhle das "Injoy" betreibt. Das Gröditzer Fitnessstudio hat seit Montag wieder auf. Seit Mittwoch gibt es auch wieder Kursangebote. So wie im Nünchritzer "Moveo" hat es auch hier zum Glück keine Massenaustritte gegeben. Die meisten Mitglieder in Gröditz und Nünchritz sind ihren Fitnessstudios trotz Pandemie treu geblieben. Das gibt Hoffnung für den Neustart.

Dieser kommt allerdings wie im Vorjahr zu einer eher ungünstigen Zeit. Je wärmer es draußen wird, umso eher zieht es die Leute an die frische Luft. Die drei Sommermonate gelten in der Branche normalerweise als die schlechtesten im Jahr. Aber vielleicht erleben die Fitnessstudios eine Überraschung. So wie das "Moveo" im vergangenen Jahr.

"Im letzten Sommer hatten wir um zehn Prozent zugelegt", sagt Schneese. Er führt es darauf zurück, dass die Menschen gesundheitsbewusster geworden sind. Wenigstens da hat diese unsägliche Pandemie Gutes bewirkt. "Wenn wir bis Ende des Jahres wieder auf dem gleichen Mitgliederstand sind, wäre es toll", sagt der Wahl-Dresdner, der aus Röderau stammt. Aber was ist, wenn im Herbst die Inzidenzzahlen wieder hochschnellen und der nächste Lockdown seine Existenz bedroht? Daran möchte er lieber nicht denken.

Den Körper nicht gleich überbelasten

In der nächsten Zeit wird es für ihn viel zu tun geben. Mehr als vor dem Lockdown. Fast alle Trainingspläne müssen neu geschrieben werden, damit sich die Leute nicht sofort überlasten. Die allgemeine Bewegungsarmut der letzten Monate hat körperlich Spuren hinterlassen. Schneese: "Da gibt es viele neue Wehwehchen, die vorher nicht da waren."

Auch Hubertus Marx, der Vorsitzende des Großenhainer Fitnessclub e.V., hat momentan gut zu tun. Das Studio KAB an der Dresdner Straße hat seit Montag für die mehr als 1.000 Mitglieder wieder auf. "Wir sind froh, dass uns gut 75 Prozent unserer Vereinsmitglieder in all der schwierigen Zeit die Treue gehalten haben! Die letzten Monate waren alles andere als einfach", sagt Marx. "Und uns ist natürlich klar, dass viele Leute aufgrund von Kurzarbeit oder anderen Beeinträchtigungen im Job finanzielle Engpässe hatten." Alle von der SZ befragten Fitnessclubs hatten deshalb die Zahlung der Mitgliedsbeiträge für mehrere Monate ausgesetzt, ohne zu wissen, wie sie diesen finanziellen Einbruch überstehen werden.

Die Riesaer Fitnesscenter "Olympia", "Adonis" und die "Fitness-Arena" haben ebenfalls seit dieser Woche wieder geöffnet. Auch hier gilt die 3-G-Regel (getestet, geimpft oder genesen), um eingelassen zu werden.

Hans-Jürgen Rafelt ist einer vom mehr als 1.000 Mitgliedern des Großenhainer Fitnessclubs, die regelmäßig im KAB trainieren, um sich fit zu halten.
Hans-Jürgen Rafelt ist einer vom mehr als 1.000 Mitgliedern des Großenhainer Fitnessclubs, die regelmäßig im KAB trainieren, um sich fit zu halten. © Kristin Richter

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