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Gedenkstein aus Riesaer Boulevard entfernt

Vor einem ehemaligen jüdischen Geschäft erinnert eine Tafel an die Verfolgung der Inhaber während der NS-Zeit. Jetzt wurde sich offenbar an dem Mahnmal vergangen.

Von Eric Weser
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Lücke im Pflaster: Zwischen den Blumen und Kerzen fehlt die Gedenktafel. Sie wurde offenbar herausgerissen.
Lücke im Pflaster: Zwischen den Blumen und Kerzen fehlt die Gedenktafel. Sie wurde offenbar herausgerissen. © Eric Weser

Riesa. Aus der Hauptstraße ist offenbar eine Gedenktafel herausgerissen worden, die an das Schicksal der jüdischen Familie Lenczynski aus Riesa während der Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Mitglieder der Familie waren damals verfolgt worden und später in einem Konzentrationslager umgekommen.

Das Entfernen der steinernen Tafel passierte im zeitlichen Zusammenhang mit dem Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938. Die damaligen Gewaltakte gegen jüdisches Leben gelten als Beginn der systematischen Verfolgung von Juden in Europa und Beginn des Holocaust. Dem Völkermord der Nationalsozialisten fielen bis 1945 mehr als sechs Millionen Juden zum Opfer.

Um an die Opfer der Novemberpogrome zu erinnern, hatten mehrere Riesaer am Dienstag an dem Boulevard-Gedenkstein Kerzen aufgestellt und Blumen niedergelegt. Unter ihnen auch Christoph Giesler. Am Donnerstag suchte er den Gedenkort erneut auf – und musste feststellen, dass die Platte fehlt. Er sei schockiert darüber, so Christoph Giesler, der sich politisch bei der Linksjugend engagiert. Er habe Anzeige bei der Polizei erstattet. Kurze Zeit später wurde die Platte nach Informationen von sächsische.de zunächst sichergestellt. Die schwere Steintafel hatte mit der Inschrift nach unten in einem Pflanzkübel nur wenige Meter weiter gelegen.

Die schwere Steintafel lag am Donnerstagnachmittag mit der Inschrift nach unten in einem Pflanzkübel wenige Meter neben der Stelle, in der sie 2010 in den Boulevard eingelassen worden war.
Die schwere Steintafel lag am Donnerstagnachmittag mit der Inschrift nach unten in einem Pflanzkübel wenige Meter neben der Stelle, in der sie 2010 in den Boulevard eingelassen worden war. © Eric Weser

Wer die Platte aus dem Pflaster entfernt und in den Kübel gelegt hat, ist unklar. Die Polizei ermittelt nach Informationen von sächsische.de wegen mit gemeinschädlicher Sachbeschädigung. Im Falle einer Verurteilung drohen Tätern dafür eine Geld- oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Die Gedanktafel auf einem Foto von 2015.
Die Gedanktafel auf einem Foto von 2015. © Archivfoto: Sebastian Schultz

Die Tafel war am 9. November 2010 mit einem Gedenkakt im Boulevard eingelassen worden. "Hier wohnten Berta und Fritz Lenczynski. 1938 aus Riesa vertrieben. 1943 ins KZ Auschwitz deportiert und dort umgekommen", informiert die Inschrift über das Schicksal von Mutter und Sohn der Kaufhausbesitzerfamilie Lenczynski. Unter der Inschrift ist ein Davidstern zu sehen, ein Symbol des Judentums.

Am Dienstag gedachten unter anderem auch Vertreter der Stadtpolitik am Poppitzer Platz der Reichspogromnacht-Opfer.
Am Dienstag gedachten unter anderem auch Vertreter der Stadtpolitik am Poppitzer Platz der Reichspogromnacht-Opfer. © Stadt Riesa/Uwe Päsler

In Riesa war am Dienstag nicht nur am Boulevard an die Opfer der Reichspogromnacht erinnert worden. Zu einer Gendenkzeremonie am Ehrenmal für die Opfer des Nationalsozialismus auf dem Poppitzer Platz hatten sich ebenfalls Bürger eingefunden, darunter auch etliche Stadtpolitiker. OB Marco Müller (CDU) hatte zu dem Anlass gesagt: "83 Jahre später erleben wir wieder einen zunehmenden Antisemitismus in unserem Land, dem wir entgegentreten müssen. Deshalb ist es sehr wichtig, an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte und die grausamen Verbrechen der Nazis zu erinnern." Als Zeichen des Gedenkens hatten der OB und Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain, am Ehrenmal Blumengebinde niedergelegt.

Die Polizei sucht Zeugen, die Angaben zur Entfernung der Platte machen können. Hinweise werden unter 0351 483233 entgegengenommen.