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Lanz trifft Kramer, Deutz trifft Belarus

Beim Oelsnitzer Traktorentreffen bestaunten fast 1.000 Besucher die Schlepper-Oldies und genossen die Maskenfreiheit.

Markus Damme, Michael Klingner und Tilo Schlegel (v.r.) von den Bärwalder Traktorfreunden mit ihrem 11er Deutz.
Markus Damme, Michael Klingner und Tilo Schlegel (v.r.) von den Bärwalder Traktorfreunden mit ihrem 11er Deutz. © Manfred Müller

Riesa. Der Stolz auf seinen historischen Traktor ist Siegmar Hartmann förmlich ins Gesicht geschrieben. Der Kramer-Oldie, Baujahr 1938, ist eins der ältesten Gefährte beim Traktorentreffen im Lampertswalder Ortsteil Oelsnitz. „Der hat 15 Jahre lang im Stall gestanden“, erzählt der Transportunternehmer aus Brockwitz. „Gestern habe ich Diesel und Wasser aufgefüllt, die Lunte gezündet, und beim zweiten Takt ist er sofort angesprungen.“

Er habe das gute Stück vom Großvater seiner Frau übernommen, sagt Hartmann. Der sei mit dem Traktor oft im familieneigenen Forst gewesen. Jetzt aber werde der Kramer nicht mehr genutzt. Schließlich sei er mittlerweile ein Denkmal – gerade richtig, um es bei Traktorentreffen bestaunen zu lassen. Siegmar Hartmann hat zu Hause noch andere Traktoren stehen: einen Deutz, einen Güldner, einen Belarus – und sogar einen kompletten Eigenbau. Nicht zu vergessen das kultige Jawa-Motorrad, Baujahr 1959. „Das habe ich zum ersten Mal richtig gefahren, als ich 59 Jahre alt war“, erzählt der Oldie-Enthusiast.

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Eigentlich hätte man wegen der rußigen Auspuffgase die Corona-Maske gut gebrauchen können, aber die Besucher nutzten die Lockerung der Hygienebestimmungen, um endlich wieder frei atmen zu können. Auch wenn die Freiheit ein bisschen nach Diesel schmeckte. Auf die bei Traktorentreffen üblichen Wettbewerbe wie Beschleunigungsrennen, Wettpflügen oder Baumstamm-Pulling mussten die Gäste aber diesmal verzichten.

Der Brockwitzer Siegmar Hartmann brachte eins der ältesten Fahrzeuge, einen Kramer-Traktor, Baujahr 1938, mit nach Oelsnitz.
Der Brockwitzer Siegmar Hartmann brachte eins der ältesten Fahrzeuge, einen Kramer-Traktor, Baujahr 1938, mit nach Oelsnitz. © Manfred Müller

So weit wollten die verantwortlichen Ämter mit ihren Genehmigungen noch nicht gehen. Dennoch kamen über den Daumen gepeilt 1.000 Besucher aufs Gelände der Weißiger Agrargenossenschaft. Ihnen standen 116 Traktoristen gegenüber, die ihre Fahrzeuge mit viel Liebe restauriert und aufgemotzt hatten. „An meinem Elfer Deutz haben wir zwei Jahre lang gewerkelt“, erklärt Michael Klingner von den Bärwalder Traktorfreunden. Da sei innen wie außen alles neu. Teile, die nicht mehr zu bekommen waren, wurden nachgebaut, zum Beispiel das dekorative hölzerne Lenkrad.

„Oh ja“, bestätigt Tilo Schlegel, „da sind viele Kästen Bier draufgegangen.“ Die Bärwalder sind kein Verein, sondern ein lockerer Zusammenschluss Gleichgesinnter. Vor neun Jahren gegründet, veranstalten sie mittlerweile selbst Traktorentreffen. Am 3. Oktober soll das nächste stattfinden. Ihre Fahrzeuge haben die Bärwalder übrigens nicht mit dem Transporter hergebracht, sondern im Pulk von Bärwalde nach Oelsnitz kutschiert.

Schleppertreffen haben in der landwirtschaftlich geprägten Großenhainer Pflege in den letzten beiden Jahrzehnten einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Viele Dorffeste in der Region leben davon, dass sich Landtechnik-Freaks zu Ausfahrten, zum Leistungspflügen oder auch zum Wett-Ziehen einfinden. Am vergangenen Wochenende kamen Teilnehmer aus Südbrandenburg, dem Meißner Land sowie nahezu die Traktoren-Gilde aus der Röderregion nach Oelsnitz, und die meisten davon nahmen an der traditionellen Ausfahrt teil.

Bereit zur Ausfahrt: 116 Traktoristen aus dem Elbland und aus Südbrandenburg kamen am Sonntag mit ihren Landmaschinen zum Traktorentreffen nach Oelsnitz.
Bereit zur Ausfahrt: 116 Traktoristen aus dem Elbland und aus Südbrandenburg kamen am Sonntag mit ihren Landmaschinen zum Traktorentreffen nach Oelsnitz. © Manfred Müller

Der veranstaltende Traktor Tuning Club (TTC) Oelsnitz wurde 2007 aus der Taufe gehoben. Das sei so eine Silvesteridee gewesen, sagt Organisations-Chef Nico Hartmann (35). Der Landmaschinen-Enthusiast hatte einige Jahre zuvor mit seinem Vater Andreas den Grundstock für den Fahrzeugpark des TTC aufgebaut. Ein John Deere-Lanz-Schlepper aus dem Jahr 1964 und ein kleiner Lanz-Bulldog gehörten ebenso dazu wie ein Famulus 36. Die Maschinen werden mit kleinen Raffinessen – Klarsichtscheinwerfern oder Blaulicht – oder echten Raritäten wie einem mechanischen Wechselpflug aufgemotzt. Es kommt nicht auf Originalgetreue an, sondern mehr auf Originalität.

Eine weitere Errungenschaft der Oelsnitzer ist ein fast 50 Jahre alter Lanz-Drescher MD18S – quasi der Vorfahre aller heutigen Mähdrescher. Andreas Hartmann hat ihn von einem Sammler aus Hessen erworben, und das gute Stück ist noch voll funktionstüchtig. Weltweit gibt es nur noch um die 30 Exemplare von diesem Veteranen.

Die fünf Mitglieder des Traktor Tuning Clubs Oelsnitz sind selbst keine Landwirte mehr. Sie arbeiten als Metallbauer, als Fliesenleger, Caterer oder Lagerist. Es gibt auch kein Gemeinschaftseigentum – jeder bringt seine eigenen Maschinen ins Clubleben ein. Das besteht vor allem aus gemeinsamen Basteltagen und eben aus öffentlichen Auftritten.

Der Höhepunkt ist das Traktorentreffen, das nun zum achten Mal stattfand und ein echter Renner geworden ist. Wurden beim ersten Treffen noch um die 50 Landmaschinen ausgestellt, so waren es beim zweiten schon dreimal mehr. Seitdem hat sich Zahl zwischen 100 und 150 eingepegelt.

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