SZ + Update Riesa
Merken

Lichtensee: Ein "Tatort"-Flieger im Garten

Frank Sommer erfüllte sich einen Kindheitstraum und kaufte ein DDR-Agrarflugzeug. Jetzt bestätigt ein MDR-Foto, das es Requisite in einem Krimi war.

Von Jörg Richter
 4 Min.
Teilen
Folgen
Frank Sommer hat einen alten DDR-Agrarflieger vom Typ PZL 106 (polnisches Fabrikat) gekauft und bei sich in den Garten in Lichtensee gestellt.
Frank Sommer hat einen alten DDR-Agrarflieger vom Typ PZL 106 (polnisches Fabrikat) gekauft und bei sich in den Garten in Lichtensee gestellt. © Lutz Weidler

Wülknitz. Alte Eggen und Pflüge werten jeden Vorgarten auf. Sie sind eine schöne Dekoration und durchaus häufig anzutreffen. Aber ein Flugzeug auf der Wiese hinterm Haus – das ist schon was Besonderes.

Seit Kurzem ist auf einem Grundstück in Lichtensee, nahe dem Kreisverkehr, der gerade gebaut wird, ein Kleinflugzeug zu sehen. Es ist eine PZL-106 BR Kruk, die einst als Agrarflieger der ehemaligen DDR-Fluggesellschaft Interflug diente. Sie gehört Frank Sommer. Der Berufsfeuerwehrmann, der selbst gar keinen Fliegerschein besitzt, hat sie sich gekauft. "Das ist ein Kindheitstraum, den ich mir erfüllt habe", sagt er.

Anzeige HOLDER
Zuverlässigkeit und Erfahrung
Zuverlässigkeit und Erfahrung

Kettensäge kaputt oder Profi-Gerät für´s Wochenende gesucht? Bei HOLDER kein Problem: Onlineshop, Werkstatt und Leihservice sorgen für funktionierendes und passendes Gerät.

Der 45-Jährige ist mächtig stolz darauf. Denn von der polnischen Kruk wurden von 1973 bis 1995 nur 266 Maschinen gebaut. Davon kaufte die Interflug ab 1979 rund 100 Stück, angeblich zum Stückpreis von einer Million DDR-Mark. Die Letzte im Wendejahr 1989.

Nur noch wenige Exemplare in Deutschland

Mehrere Quellen im Internet berichten, dass es in Deutschland nur noch fünf bis sechs Exemplare vom Typ-106 BR geben soll. Die meisten davon kann man in Museen bestaunen. Auch Sommers Kruk war seit 1992 im Technikmuseum Hugo Junkers in Dessau ausgestellt. Später erwarb sie ein Privatmann aus Möhlau in Sachsen-Anhalt. Von ihm hat Sommer dem Agrarflieger jetzt abgekauft.

Der gelernte Zimmermann will der Kruk einen neuen, originalgetreuen Anstrich verpassen – mit Flugzeugnummer und Interflug-Logo. Er hat auch vor, sie einigermaßen wieder in Gang zu setzen, auch wenn er selbst nicht fliegen kann. "Ich möchte nur einmal gern hören, wie sie klingt", sagt Frank Sommer.

Zu diesem Zweck hat er im Internet einen Sieben-Zylinder-Sternmotor mit 600 PS gekauft. Andere originale Einzelteile könne man über Polski Fiat beziehen. "Ich bin sehr dankbar für Hinweise von Leuten, die so eine Maschine mal geflogen sind oder sie gewartet haben", so Sommer.

Am hinteren Flügel der Kruk ist deutlich das Flugzeugkennzeichen D-FTEJ sowie das Interflug-Logo zusehen.
Am hinteren Flügel der Kruk ist deutlich das Flugzeugkennzeichen D-FTEJ sowie das Interflug-Logo zusehen. © Lutz Weidler
Frank Sommer will den alten DDR-Agrarflieger wieder in Gang bringen und hofft auf hilfreiche Hinweise ehemaliger Piloten und Flugzeugschlosser.
Frank Sommer will den alten DDR-Agrarflieger wieder in Gang bringen und hofft auf hilfreiche Hinweise ehemaliger Piloten und Flugzeugschlosser. © Lutz Weidler
Die PZL-106 BR Kruk ist relativ kurz, konnte aber schön langsam fliegen, was beim Versprühen des Düngers auf die Felder von Vorteil war.
Die PZL-106 BR Kruk ist relativ kurz, konnte aber schön langsam fliegen, was beim Versprühen des Düngers auf die Felder von Vorteil war. © Lutz Weidler
Diesen Sieben-Zylinder-Motor hat Frank Sommer ebenfalls gekauft und möchte ihn zum Klingen bringen.
Diesen Sieben-Zylinder-Motor hat Frank Sommer ebenfalls gekauft und möchte ihn zum Klingen bringen. © Lutz Weidler

Was er vermutlich noch nicht weiß, ist, dass seine Kruk schon mal in einem "Tatort"-Krimi zu sehen war. Das ehemalige Agrarflugzeug war 2010 Requisite in der Folge "Absturz" mit dem Leipziger Ermittlerduo Eva Saalfeld und Andreas Keppler, alias Simone Thomalla und Martin Wuttke. Das kam zufällig bei Recherchen von Sächische.de heraus.

Die Flugzeugnummer D-FTEJ von Sommers Maschine stimmt mit dem Kennzeichen der Kruk im Tatort überein. Der Redaktion liegt ein Foto aus dem Film vor, in dem die Buchstaben deutlich zu erkennen sind. Der MDR, der den Leipziger "Tatort" produziert, hat am Donnerstagnachmittag einer Veröffentlichung zugestimmt. Da diese Registrierungsnummer nur einmal vergeben wird, muss es sich um ein und dasselbe Flugzeug handeln.

Der Krimi "Absturz", der vom MDR produziert wurde, war die insgesamt 758. "Tatort"-Folge und gleichzeitig der siebte Fall des Leipziger Ermittler-Duos Saalfeld und Keppler. Die Dreharbeiten fanden im Sommer 2009 in Leipzig und Altenburg statt. Die Erstausstrahlung sahen 8,12 Millionen Zuschauer.

Filmszene aus dem Tatort "Absturz" (2010) mit Martin Wuttke (im Bild), Simone Thomalla und Matthias Brandt. Am Hinterflügel ist deutlich die Flugzeug-Registrierungsnummer D-FTEJ zu erkennen.
Filmszene aus dem Tatort "Absturz" (2010) mit Martin Wuttke (im Bild), Simone Thomalla und Matthias Brandt. Am Hinterflügel ist deutlich die Flugzeug-Registrierungsnummer D-FTEJ zu erkennen. © MDR/Tatort „Absturz“

In dem Film geht es um eine Tragödie bei einer Flugzeugschau, bei der ein Junge stirbt. Einen Tag später wird der Veranstalter ermordet. Der Verdacht fällt auf den Vater des Jungen, gespielt von Matthias Brandt. Hauptkommissar Keppler findet heraus, dass die Radaufhängung des Flugzeugs gebrochen ist und der Pilot seine Maschine nicht mehr kontrollieren konnte.

Interessant ist, dass auch die Radaufhängung von Sommers Agrarflieger ebenfalls nicht ganz einwandfrei ist. Möglicherweise stammt es von den Dreharbeiten und wurde anschließend nicht wieder repariert. Der Feuerwehrmann aus Lichtensee hat die beiden Vorderräder deshalb mit einem Spanngurt fixiert.

Was geschah mit den anderen DDR-Kruks?

Alle DDR-Kruks, die auch "die Traktoren der Lüfte" genannt wurden, wurden nach der deutschen Wiedervereinigung und mit der Abwicklung von Interflug (1991) außer Dienst gestellt. Die meisten davon kaufte 1992 ein Unternehmen aus den USA und nannte sich passenderweise Raven Aircraft Corporation Americus. "Raven" heißt ins Deutsche übersetzt "Rabe" und im Polnischen "Kruk".

Bereits fünf Jahre später soll die Firma aus dem US-Unternehmensregister gelöscht worden sein. Ihr fehlten in den Vereinigten Staaten die notwendigen Zulassungen für die polnischen Flugzeuge. Einige der Interflug-Maschinen sollen anschließend nach Südamerika verkauft worden sein.

Mehr zum Thema Riesa