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Drogenfahrten als Freundschaftsdienst

Mehrfach fährt ein Mann seinen Kumpel von Riesa ins Grenzgebiet. Verdächtig kommt ihm das nicht vor - selbst, als der Zoll den Wagen durchsucht.

Zwei Riesaer wurden Ende 2018 nahe der deutsch-tschechischen Grenze mit Drogen im Wagen erwischt. Der Fahrer will von den Geschäften seines Freundes nichts gewusst haben.
Zwei Riesaer wurden Ende 2018 nahe der deutsch-tschechischen Grenze mit Drogen im Wagen erwischt. Der Fahrer will von den Geschäften seines Freundes nichts gewusst haben. © ronaldbonss.com

Riesa. Freunde helfen einander, und Willi Schmidt* fährt einfach gerne Auto. Für den 59-Jährigen steht es da außer Frage, dass er seinem Kumpel R. hilft, als der einen Fahrer braucht. Die beiden haben sich in einer Kneipe kennengelernt, erzählt Schmidt. "Ich bin Alkoholiker, aber mittlerweile trocken." Wenn R. mal einen Fahrer braucht, etwa für den Ausflug mit der Freundin am Wochenende, dann springt Schmidt ein. Im Gegenzug bezahlt der Freund das Benzingeld. 

Bei Fahrten zum Arzt oder zum Einkaufsbummel in der Großstadt bleibt es allerdings nicht. Die eine oder andere Spritztour in Schmidts Peugeot führt das Duo nämlich auch ins deutsch-tschechische Grenzgebiet. In Marienberg hat R. angeblich noch eine andere Freundin, die er regelmäßig besucht, auch sonst ist er viel im Erzgebirgskreis unterwegs - immer chauffiert von Willi Schmidt. Einmal setzt Schmidt seinen Freund in Johanngeorgenstadt ab und wartet dann stundenlang auf dessen Rückkehr, bis in die Nacht. "Ich werd' dann wahrscheinlich im Auto geschlafen haben. Aber ich hab nachher nie gefragt, was er in der Zeit gemacht hat. Ich hatte ja meinen Spaß beim Fahren, bekam auch was anderes zu sehen." 

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Dass er den Wagen in Grenznähe auch mal in uneinsichtige Waldwege lenken soll, kommt ihm ebenso wenig spanisch vor wie die Alufolie, in die R. alle Mobiltelefone im Auto einpackt. Auch als Zollbeamte  ausgerechnet seinen Peugeot auf einem Supermarktparkplatz bei Schwarzenberg kontrollieren, wundert er sich nicht. 

Beide Telefon werden überwacht

Fündig werden die Beamten bei dieser Kontrolle nicht. Aber die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein Auge auf den Peugeot 406 mit dem ortsfremden Kennzeichen geworfen - und nicht nur das. Willi Schmidts Freund R. ist in der Drogenszene nicht unbekannt, gegen ihn wird schon ermittelt, sein Handy überwacht. Als die Ermittler bemerken, dass Willi Schmidt offenbar Kurierfahrten für R. übernimmt, zapfen sie auch sein Telefon an. Am 5. November 2018 führen die Ermittlungen schließlich zum Erfolg. Zollfahnder stoppen den Peugeot auf einer Staatsstraße nahe Aue. Diesmal finden sie, was sie suchen: Im Fußraum auf der Beifahrerseite liegt ein Päckchen mit knapp 100 Gramm Marihuana. R. wollte es eigentlich verkaufen, aber der Abnehmer war nicht zu Hause gewesen. 

Von den Drogen im Fußraum seines Autos will Willi Schmidt nichts gewusst haben. Bei der Polizei sagt er nichts. Ein Zollbeamter erinnert sich, der 59-Jährige habe einen "lethargischen Eindruck" gemacht. Selbst mit R. habe er im Nachhinein nicht über die Vorkommnisse und den Drogenfund gesprochen, sagt Willi Schmidt. 

Mit kaputtem Navi in der falschen Stadt gelandet

Dabei hätte es Gesprächsstoff zur Genüge gegeben. Aus den Überwachungsprotokollen geht unter anderem hervor, dass der Riesaer für R. auch mindestens einmal alleine unterwegs war - um in Schwarzenberg einen Umschlag mit Bargeld abzuliefern. Unterwegs streikte allerdings das Navigationsgerät. Schmidt, der weder lesen noch schreiben kann, verfuhr sich - und landete mitten in Chemnitz. Ein offenbar von seiner Kontaktperson bestellter Taxifahrer lotste ihn schließlich ans Ziel. Geld gab es auch dafür nicht. Schmidt begnügte sich mit 85 Euro Tankgeld, die er  aus dem Umschlag nehmen durfte. Wie er als Analphabet überhaupt die Führerscheinprüfung bestehen konnte, wird im Lauf der Gerichtsverhandlung nicht geklärt. 

Hat der Riesaer wirklich von nichts gewusst und wurde ausgenutzt? Das Schöffengericht um die Vorsitzende Ingeborg Schäfer hat da seine Zweifel, auch wenn Schmidt unter Betreuung steht, als "sehr gutmütig" bis naiv beschrieben wird. Letztendlich habe er wohl billigend in Kauf genommen, dass R. in seinem Beisein Straftaten begeht. "Sie wollten fahren, das andere war Ihnen egal", sagt Ingeborg Schäfer. Wegen Beihilfe zum Handel mit Betäubungsmitteln verurteilt das Gericht Willi Schmidt zu einer Freiheitsstrafe. Ins Gefängnis muss er nicht, stattdessen gilt eine zweijährige Bewährungszeit. Sein Freund R. wurde bereits zu einer Haftstrafe verurteilt. 

*Name geändert

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