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Riesa: Impfangebot vor der eigenen Haustür

Gleich zweimal nacheinander ist das Rote Kreuz mit einem mobilen Impfteam in Riesa unterwegs. Das Angebot läuft gut an - kostet aber Mühe.

Ohne medizinisches Personal geht auch im mobilen Impfzentrum nichts: Dr. Ron Martin (Hintergrund) übernimmt das Aufklärungsgespräch. Für den Piks ist die Kollegin zuständig.
Ohne medizinisches Personal geht auch im mobilen Impfzentrum nichts: Dr. Ron Martin (Hintergrund) übernimmt das Aufklärungsgespräch. Für den Piks ist die Kollegin zuständig. © Sebastian Schultz

Riesa. Das improvisierte Wartezimmer im Aufladen an der Stendaler Straße ist am Montagmittag schon ganz ordentlich gefüllt. Wo sonst die Matten für die Krabbelecke liegen, steht nun ein runder Tisch, an dem drei Frauen ihre Impf-Fragebögen ausfüllen; in einem kleinen Nebenraum hat der Impfarzt seinen Arbeitsplatz. Eine junge Mutter schiebt den Kinderwagen durch den Flur zur Rezeption. "Hast du einen Impfausweis?", fragt Katja Schlennstedt und lächelt. "Nein? Macht nichts!"

Normalerweise arbeitet Katja Schlennstedt für den Verein Sprungbrett im Aufladen. Viele der Männer und Frauen kennt sie von der Arbeit im hiesigen Quartiersmanagement und aus der Integrationsarbeit: vom Elternfrühstück, aus Krabbelgruppen. Im Hochhaus an der Stendaler Straße wohnen viele Migranten - und für die war die Hemmschwelle bisher groß, sich gegen Corona impfen zu lassen.

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Bei der Anmeldung unterstützen Katrin Tuchel und Petra Beyer von den Johannitern. Unter den zu Impfenden sind auch viele Migranten.
Bei der Anmeldung unterstützen Katrin Tuchel und Petra Beyer von den Johannitern. Unter den zu Impfenden sind auch viele Migranten. © Sebastian Schultz

"Viele hatten die Sorge, dass sie nicht gut genug Deutsch können, um ins Impfzentrum zu gehen", erklärt Katja Schlennstedt. Das schüchtere ein. Und nicht jeder, der schon seit Jahren hier lebe, habe einen Hausarzt. Im Aufladen ist die Situation eine andere, es gehe familiärer zu. Als die Johanniterinnen an der Rezeption eine Frage an eine Frau mit Kopftuch haben, springt gleich ein junger Mann ein, der Arabisch und Deutsch spricht. Es gab wohl ein Missverständnis beim Ankreuzen im Fragebogen. Den gibt es zwar auch in Fremdsprachen. Aber beim Arzt muss er auf Deutsch abgegeben werden. Und teils sei die Übersetzung nicht besonders gut gelungen.

"Es ist Vertrauenssache"

Daneben existieren auch unter manchen Riesaer Migranten Sorgen und Vorbehalte gegen die Impfung. "Mir hat schon jemand gesagt: Ich möchte nicht, dass mir ein dritter Arm wächst", erzählt die Sprungbrett-Mitarbeiterin. Dazu machen andere Gerüchte die Runde, etwa, dass man nach der Impfung keine Kinder bekommen könne. Es werde niemand gezwungen, aber mit dem einen oder anderen habe sie schon im Vorfeld gesprochen und die Werbetrommel gerührt: Seit Mittwoch wurden Plakate gehangen, Bekannte sprach Katja Schlennstedt auch mal drauf an, ob sie schon geimpft seien. "Es ist auch eine Vertrauenssache."

Und es kostet Mühe. Über den Kurznachrichtendienst Whatsapp hat Schlennstedt Überzeugungsarbeit geleistet, mit einem jungen Mann telefoniert sie: "Es ist gerade wenig los, du kannst kommen. Und bring deine Frau mit!" Am Nachmittag werde sie vermutlich noch mal durchs Hochhaus laufen, um den einen oder anderen direkt zu motivieren. "Manche sind nun einmal ziemlich lethargisch", erklärt sie.

Der Aufladen in der Stendaler Straße. Normalerweise ist er ein Kinder- und Familientreff, am Montag wurde er kurzzeitig zum "Impfzentrum" umgebaut.
Der Aufladen in der Stendaler Straße. Normalerweise ist er ein Kinder- und Familientreff, am Montag wurde er kurzzeitig zum "Impfzentrum" umgebaut. © Sebastian Schultz

Der Impftermin neben dem Stendaler U, wie das Hochhaus auch genannt wird, kam recht kurzfristig zustande, es blieb nur eine Woche Vorbereitung. 220 Impfdosen sind am Montag eingeplant: Wer unter 60 ist, bekommt den Biontech-Impfstoff, für die Älteren gibt es freie Wahl: Entweder Biontech oder Johnson & Johnson. "Jedes Impfzentrum hat fest zugeordnete Teams, deren Einsätze inklusive Impfstoff-Planung dieses jeweilige Impfzentrum organisiert", teilt das Deutsche Rote Kreuz auf Nachfrage mit. Die Impfstoffmenge errechnet sich aus den etwa 20 Impfungen pro Stunde, die ein mobiles Impfteam durchführen kann. "Nicht benötigter Impfstoff aus mobilen Einsätzen wird wieder ins Impfzentrum rückgeführt." Umgekehrt könne man aus dem Impfzentrum kurzfristig Nachschub besorgen, falls nötig.

Nachfrage nach Impfterminen sinkt

In Riesa ist am Montag der erste Zuspruch ganz ordentlich, sagt Katja Schlennstedt. Knapp 40 Leute sind nach vier Stunden schon durchgeimpft. Darunter ist die Mehrheit übrigens deutsch. "Heute morgen waren schon einige ältere Leute da", sagt Katja Schlennstedt. Bei den deutschen Anwohnern machen sich wohl zwei Faktoren bemerkbar, vermutet sie: Zum einen sollen Coronatests bald kostenpflichtig werden. Zum anderen kommt so ein Impftermin vor der Haustür denjenigen entgegen, für die der Anmeldevorgang zu viel Aufwand gewesen ist.

Beim DRK hofft man aber wohl noch auf etwas mehr Zuspruch bei den mobilen Impfaktionen. Auf Nachfrage heißt es, das erste Wochenende, bei dem Impfteams etwa in Freizeitparks und Einkaufszentren standen, sei durchwachsen ausgefallen. Nicht überall konnte so viel Impfstoff verteilt werden, wie erhofft. Grundsätzlich würden die Angebote der mobilen Teams aber sehr gut angenommen. "Unsere Erfahrungen zeigen, dass Impfangebote, die einfach und im direkten Lebensumfeld der Menschen angeboten werden, gut angenommen werden." Auch im Riesaer Aufladen ist das insgesamt wohl der Fall. Katja Schlennstedt jedenfalls berichtet von etwa 20 Leuten, die schon am Morgen für die Impfung vor der Tür standen.

Im Riesaer Impfzentrum in der Sachsenarena wird übrigens noch bis in den September geimpft. Weil es aber mittlerweile auch die Möglichkeit gebe, vom Hausarzt oder eben mobil impfen zu lassen, ist dort inzwischen deutlich weniger los. Laut DRK ist die Zahl der Impftermine gegenüber Juli um die Hälfte zurückgegangen.

  • Einen weiteren Impftermin in Riesa gibt es am Donnerstag, 19. August, im Volksbank-Gebäude an der Hauptstraße. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Mitzubringen ist die Krankenkarte und, falls vorhanden, der Impfausweis.

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