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"Eine völlig neue Erfahrung für mich"

Seit einer Woche ist Marco Müller wegen eines Corona-Falls in Quarantäne. Wie arbeitet ein Bürgermeister von daheim? Die SZ hat nachgefragt.

Laptop, Akten - und viel Kaffee: Riesas Oberbürgermeister Marco Müller an seinem Homeoffice-Arbeitsplatz.
Laptop, Akten - und viel Kaffee: Riesas Oberbürgermeister Marco Müller an seinem Homeoffice-Arbeitsplatz. © privat

Riesa. Die Nachricht machte am Donnerstagnachmittag die Runde: Riesas Stadtoberhaupt Marco Müller (CDU) ist in Quarantäne, arbeitet im Homeoffice. Seine Frau, Kinderärztin Kathleen Kunze, war zuvor positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. Seitdem steht die Familie unter Quarantäne - wie zuletzt mehr als 800 Menschen im Landkreis Meißen. Bei allen Unannehmlichkeiten kann er dem auch etwas Positives abgewinnen, sagt Müller im Gespräch mit der SZ. 

Herr Müller, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie? 

Stars im Strampler aus Großenhain
Stars im Strampler aus Großenhain

Hier werden Fotos von Neugeborenen gezeigt, die aus Großenhain oder aus der Region kommen. Vielleicht ist auch Ihr Bild bald dabei?

Wir - meine Frau, mein Sohn und ich - sind gesund und symptomfrei - deshalb kann ich auch vom Homeoffice aus weiter arbeiten. 

Am Montag hat Ihre Frau in ihrer Kinderarztpraxis einen Schnelltest gemacht, der positiv ausfiel. Am Donnerstag, also drei Tage später, sind Sie in Quarantäne. Wie erklärt sich diese Zeitverzögerung? 

Meine Frau hat vor Beginn der Sprechstunde routinemäßig einen Schnelltest bei sich vorgenommen, der positiv ausfiel. Daraufhin hat sie einen Labortest veranlasst, die Sprechstunde nicht begonnen, sich nach Hause begeben und mich informiert. Ich habe dann ebenfalls meine Termine sofort abgesagt, mich am Montag umgehend isoliert und ins Homeoffice begeben, weil wir ja davon ausgehen mussten, dass sich das Ergebnis des Schnelltests im Labortest bestätigt. Meine Frau hat entsprechend den Test am Montag ins Labor geschickt. Das zweite Ergebnis lag dann am Mittwochabend vor.

Sie waren also faktisch schon in selbst auferlegter Quarantäne, ehe das Amt sie offiziell anordnete.

Genau. Wir haben gesagt, es ist am vernünftigsten, wenn wir uns in häusliche Quarantäne begeben.

Wurden Sie selbst auch getestet? 

Nach Abstimmung mit dem Gesundheitsamt ist das bei mir zunächst nicht erforderlich – es sei denn, es sollten wirklich Symptome auftreten. Dann würden mein Sohn und ich auch zum Test fahren.

Man stellt sich ja in solchen Fällen öfter die Frage, wo denn der Kontakt mit einer infizierten Person gewesen sein könnte. Lässt sich das im Fall Ihrer Frau zurückverfolgen? 

Das ist spekulativ, jetzt zu sagen, wann es passiert ist. Die Inkubationszeit kann nach meinem Kenntnisstand bis zu 14 Tage betragen.  

Wie geht es denn in der Arztpraxis am Kalkberg weiter?

Die Praxis ist geschlossen, die Patienten müssen sich jetzt an die Vertretungen meiner Frau wenden. Das sind meine Schwiegermutter (Angelika Kunze, ebenfalls in der Praxis am Kalkberg Anm. d. Red.) und Herr Winkler (Alexander Winkler, Friedrich-Engels-Straße, Anm. d. Red.).

Für viele Menschen auch aus Riesa dürfte Homeoffice schon im Frühjahr Alltag gewesen sein. Für Sie auch?

Nein, das gab es nicht. Ich bin täglich im Rathaus gewesen und im Büro. Das ist also mein erstes Homeoffice.

Gedanklich haben Sie das aber wahrscheinlich schon mal durchgespielt?

Selbstverständlich. Wir haben schon im Frühjahr die technischen Voraussetzungen im Rathaus geschaffen, sodass wir dort auch mit Videokonferenzen arbeiten können etc. Wir mussten ja dafür sorgen, dass immer ein Teil der Stadtverwaltung arbeitsfähig bleibt, wenn die Infektion jemanden erwischt. Von daher wurden da schon Weichen gestellt.

Was mussten Sie denn jetzt alles abblasen?

Das sind zum einen die ganzen internen Termine mit den Amtsleitern und Mitarbeitern. Die habe ich alle telefonisch durchgeführt. Zum anderen habe ich natürlich auch Bürger, die sich mit verschiedenen Anliegen an mich wenden und die ich auch alle empfange. Von daher eine ganze Menge. Mein Kalender war ziemlich voll, die habe ich alle abbestellen müssen.

Kann Sie bei den Bürgerterminen jemand vertreten, oder ist das jetzt verschoben?

Ich mache es ganz gerne persönlich, die Bürger zu empfangen. Dem einen oder anderen reicht auch der Telefontermin. Aber die, die es persönlich vortragen wollen, muss ich vertrösten, dass wir das erst frühestens in zwei Wochen nachholen können.

Wie kann ich mir Ihre Arbeit im Homeoffice vorstellen?

Da alle persönlichen Besprechungen und die vielen Termine außerhalb des Rathauses derzeit ausfallen müssen, kann man den "Papierkram" viel konzentrierter abarbeiten. Das ist schon ein Vorteil, auch wenn es für mich eine neue Erfahrung ist. Zwar fehlt mir die direkte Kommunikation mit den Kollegen im Rathaus - aber ich habe festgestellt, dass man im Homeoffice durchaus sehr effektiv arbeiten kann. 

Wie viele Telefonate oder Videokonferenzen gibt es denn jetzt pro Tag?

Eine genaue Zahl zu nennen, ist schwierig. Ich würde sagen, mit denen, die da sind – es ist ja Urlaubszeit – telefoniere ich mehrfach am Tag, dazu erfolgt eine ständige Kommunikation per E-Mail. Videokonferenzen finden vorrangig mit externen Personen statt. Die Quantität der Gespräche ist nahezu unverändert. 

Mit dem Unterschied, dass Sie sich nicht mal eben die Beine vertreten können. Wie streng sind denn die Vorgaben vom Gesundheitsamt?

Die sind sehr streng, und wir halten uns natürlich auch daran. Wir haben den Vorteil, dass wir einen Garten haben und uns die Beine vertreten können. Insbesondere ist das für unseren Sohn auch wichtig. Der ist zwölf, und für ihn ist so eine Quarantäne deutlich unangenehmer als für Erwachsene.

Wie kommt das Essen ins Haus?

Der Kühlschrank wird ja schnell leer, und wir mussten dafür sorgen, dass er wieder voll wird. In der Quarantänezeit lösen wir das gemeinsam mit unserer Familie - die kaufen für uns ein und stellen die Besorgungen vor der Türe ab. Das funktioniert ganz gut. Wir werden in der nächsten Zeit sicher auch die Gastronomie unterstützen und das eine oder andere Mal etwas bestellen - das geht ja alles.

Nicht jeder ist mit der Arbeit von daheim zufrieden. Gerade Eltern haben in den vergangenen Monaten auch über hohe Zusatzbelastung geklagt. Wie erleben Sie das?

Ich finde schon, dass das eine große Herausforderung ist. Ich denke da auch an die Zeit im Frühjahr, als die Schulen und Kitas geschlossen waren und Eltern die Kinder beschulen und beschäftigen mussten. Da meine Frau zu Hause nicht arbeiten kann, kümmert sie sich in erster Linie um unseren Sohn, der eine ganze Menge an Hausaufgaben zu erledigen hat. Das erledigen die beiden, während ich meine Akten bearbeite. Da arbeiten wir also arbeitsteilig. Ansonsten ist das schon nicht so einfach, das muss man sagen.

Wie lange geht denn Ihr Arbeitstag im Homeoffice?

Das ist schwer zu sagen. Heute früh habe ich das erste Mal gegen 7.30 Uhr mit dem Rathaus kommuniziert. Abends wird sicher nach unserem Telefonat Feierabend sein, also so gegen 17.30 Uhr. Das ist dann schon deutlich früher als sonst, weil die Abendtermine wegfallen, die ich derzeit nicht wahrnehmen kann.

Wie halten Sie sich denn während der Arbeitszeit konzentriert?

Momentan funktioniert das ganz gut, weil man alles konzentriert abarbeiten kann und viel schafft. Ansonsten hilft Kaffee.

Trinken Sie davon jetzt mehr als im Rathaus?

Gute Frage. Ich würde sagen, ja. Weil ich einfach weniger unterwegs bin. Fünf bis sechs Tassen sind's heute bestimmt gewesen.

In der ersten Corona-Welle war das Riesaer Rathaus komplett von Covid-19 verschont worden. Wie sah es da die vergangenen Wochen und Monate aus?

Wir hatten bislang einen bestätigten positiven Fall im Rathaus.

Was vermissen Sie?

Ich schätze schon die Runden, die man mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern macht. Gemeinsam Problemlagen und Entscheidungsvorschläge zu diskutieren, das fehlt schon. Privat ist es natürlich eine erhebliche Einschränkung der persönlichen Freiheit, die wir nicht gewohnt sind. Aber das sind Luxusprobleme im Vergleich zu denen, die ernsthaft erkrankt sind oder die um ihre Existenz bangen müssen. Das sorgt uns viel mehr!

Vielen Dank für das Gespräch, bleiben Sie gesund!  

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