merken
PLUS Riesa

"Zu diesem Amt gehört auch Demut"

Dirk Erler aus Staucha ist Jurist, war Rechtsanwalt und will jetzt Bürgermeister in Stauchitz werden. Der 49-Jährige nennt im SZ-Interview seine Beweggründe.

Dirk Erler aus Staucha will Bürgermeister in Stauchitz werden. Der Jurist ist einer von sieben Kandidaten.
Dirk Erler aus Staucha will Bürgermeister in Stauchitz werden. Der Jurist ist einer von sieben Kandidaten. © Sebastian Schultz

Stauchitz. Am 20. September wird in Stauchitz ein neuer Bürgermeister gewählt. Die SZ stellt die sieben Kandidaten vor, die sich um die Nachfolge von Amtsinhaber Frank Seifert (parteilos) bewerben. Einer davon ist der 49-jährige Jurist Dirk Erler. Er wurde in Riesa geboren, wohnt in Staucha, ist geschieden und hat vier Kinder.

Herr Erler, als Jurist haben Sie viele berufliche Möglichkeiten. Warum soll es ausgerechnet das Bürgermeisteramt werden?

Fahrrad
Rauf auf den Sattel
Rauf auf den Sattel

Fit unterwegs und immer auf der Suche nach etwas Sehenswertem? Auf unserer Themenwelt Fahrrad gibt es ganz viel zu entdecken!

Ich wohne in der Gemeinde, möchte mich hier wohlfühlen. Das ist derzeit nicht so. Es läuft manches nicht, wie es sein sollte. Die Außendarstellung der Gemeindeverwaltung ist erschreckend. Es wird nur verwaltet, statt gestaltet, der Gemeinderat und die Verwaltung sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Es mangelt an Kommunikation mit den Bürgern, es gibt zwischenmenschliche Probleme in der Verwaltung. Man spricht übereinander, nicht miteinander. Das möchte ich ändern.

Wie wollen Sie dies lösen?

Indem ich zunächst mit allen Mitarbeitern sprechen werde, um herauszufinden, woher die Konflikte kommen. Dann werden die Aufgaben der Mitarbeiter klar definiert und die Erfüllung kontrolliert. Die Mitarbeiter sollen ihren Kernkompetenzen entsprechend eingesetzt werden. Das werde ich kontrollieren und gegebenenfalls darauf reagieren.

Was qualifiziert Sie als Bürgermeister?

Ich bin fachlich gut aufgestellt, verfüge über ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Allerdings gebe ich zu, dass ich bis Ende Januar eine Kandidatur nicht auf dem Schirm hatte. Den Ausschlag gab, dass die AfD einen Bürgermeisterkandidaten aufgestellt hat. Ich möchte nicht in dem Dorf leben, in dem diese Partei den ersten Bürgermeister stellt. Ich denke, als Jurist habe ich eine gewisse Fachkompetenz. Ich habe die letzten 20 Jahre als Rechtsanwalt gelernt, mit Menschen umzugehen und diese zu führen. Ich habe gelernt, auf einer sachlichen Ebene zu streiten, notfalls bis in die höchste Instanz, doch viel wichtiger ist, Konflikte streitfrei zu lösen, was bei allen Beteiligten Akzeptanz schafft.

Sie kandidieren für die SPD, obwohl Sie gar nicht der Partei angehören. Warum ausgerechnet für die SPD, die weder im Gemeinderat vertreten ist noch in Stauchitz eine Ortsgruppe hat?

Zum einen, weil ich ein sehr sozial eingestellter Mensch bin und das soziale Miteinander stärken möchte. Sicher hätte ich auch für eine andere Partei antreten können, dies hätte es eventuell leichter gemacht. Doch ich möchte mir nicht nachsagen lassen, protegiert zu sein. Aufgestellt hat mich der SPD-Ortsverband Riesa, der Kreisverband Meißen hat mich nominiert.

Welche kommunalpolitischen Erfahrungen können Sie denn aufweisen?

Von 1999 bis 2009 war ich Mitglied des Gemeinderates in Stauchitz. Das war eine heiße Zeit, als Kindertagesstätten und Grundschulen zusammengelegt wurden und der Fortbestand der Mittelschule ungewiss war. Damals kandidierte ich für die Freie Wählervereinigung Jahnatal, habe mich bewusst keiner Partei angeschlossen.

Ist Bürgermeister nicht ein undankbarer Posten? Er ist ja in einer „Sandwichposition“, bekommt Druck von oben und unten.

Mit Druck kann ich umgehen. Druck entsteht doch vor allem durch Unwissenheit, hier vertraue ich auf meine Qualifikation. Um Druck zu nehmen, muss man vor allem kommunizieren. Wenn wir die Probleme lösen wollen, sollten das nicht Leute tun, die selbst Teil des Problems sind.

Welche Aufgaben würden Sie als Bürgermeister als erstes anpacken?

Von der Kommunikation sprach ich schon, die Außendarstellung der Gemeinde und der Verwaltung muss besser werden. Die Mitarbeiter leisten gute Arbeit, doch keiner nimmt dies wahr. Der Internetauftritt der Gemeinde ist bieder, veraltet und nicht unbedingt bürgerfreundlich. Wir müssen uns auch transparenter in den sozialen Netzwerken darstellen. Ebenso muss geprüft werden, inwiefern es nötig ist, externe Firmen zu beschäftigen und zu bezahlen, die Aufgaben der Gemeinde lösen. Die Gemeinde hat hierfür qualifiziertes Fachpersonal.

Sie wollen die Gemeinde attraktiver machen. Wollen Sie die Gewerbemesse wieder beleben und die Bauernmärkte ausweiten?

Ein Wiederaufleben der Gewerbemesse ist aus Kostengründen unrealistisch. Eine solche Messe hat sich überlebt. Auch die Märkte gehören auf den Prüfstand. Das Konzept ist richtig, aber es müssen neue, innovative Sachen gemacht werden, um sie attraktiver für Besucher aus dem Umland zu machen. Der Gemeinde fehlt es an Begegnungsstätten. Das möchte ich ändern. Ich denke an ein Mehrgenerationenhaus und Angebote für die Jugend.

Wie stehen Sie zu Gemeindezusammenschlüssen?

Die lehne ich ab. Stauchitz hat als eigenständige Gemeinde gute Chancen, eine gute Verwaltung für die Bürger zu sein. Eine Eingemeindung wäre alles andere als bürgerfreundlich. Wir haben jetzt schon 21 Ortsteile, was für Bürger lange Wege bedeutet. Wer in Groptitz wohnt und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Staucha und zurück will, für den ist das eine Tagesreise. Klar ist es illusorisch, dass in jedem Ort jede Stunde ein Bus fährt. Ich denke, ein Bürgerbus, wie er seit Jahren in Lommatzsch und Käbschütztal fährt, sollte auch in unserer Gemeinde eingesetzt werden. Fortgeführt werden sollte die interkommunale Zusammenarbeit, wie sie jetzt mit dem gemeinsamen Bau des Feuerwehrhauses mit Hirschstein begonnen hat.

Die Öffnungszeiten der Gemeindeverwaltung sind jetzt auch nicht gerade bürgerfreundlich?

Nein, andere Öffnungszeiten sind überlegenswert. Ein- oder zweimal im Monat sollte es einen langen Donnerstag bis 18 Uhr geben.

Reicht das an Bürgerfreundlichkeit?

Natürlich nicht. Derzeit ist es doch so, dass jeder in seiner Blase lebt. Wir müssen die Vereine mehr fördern, das Ehrenamt stärken und entsprechend honorieren. Das gilt für die Feuerwehren, aber ebenso für Sportgruppen oder Lesezirkel. Wenn die Menschen sich engagieren, fördert dies den Zusammenhalt und vermindert destruktive Kritik. Ich werde auch Einwohnerversammlungen in allen Ortsteilen anbieten.

Derzeit wird diskutiert, in Stauchitz eine neue Kindertagesstätte zu bauen und dann die beiden Einrichtungen Stauchitz und Staucha zu schließen. Eine gute Idee?

Kommt drauf an. Wichtig ist für mich, was die Eltern wollen. Wir sollten deren Wege nicht noch vergrößern. Die beiden jetzigen Einrichtungen wurden mit Fördermitteln aufwendig saniert. Da könnte die Rückzahlung von Geldern drohen. Das muss alles durchdacht und abgewogen werden.

Stichwort Weiterbau B169. Was kann die Gemeinde tun, um diesen voranzutreiben?

Hier muss man realistisch sein, nicht viel. Die Gemeinde ist nur Beteiligte, nicht Entscheider. Nach meinen Informationen aus dem Wirtschaftsministerium hat der Freistaat alles getan, was er tun konnte. Das Vorhaben steht im vorrangigen Bedarfsplan des Bundes, alle Genehmigungen liegen, so weit mir mitgeteilt wurde, vor. Was fehlt, ist die Zustimmung von Bundesverkehrsminister Scheuer.

Zurück zur Bürgermeisterwahl. Welche Chancen rechnen Sie sich aus?

Wenn ich keine Chance hätte, würde ich nicht antreten. Ich bin aber nicht so vermessen zu sagen, ich werde die Wahl gewinnen. Zu dem Amt gehört auch Demut. Da es sieben Bewerber gibt, rechne ich mit einem zweiten Wahlgang.

Das Gespräch führte Jürgen Müller

Mehr zum Thema Riesa