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Sächsisches Ortsschild steht im Preußischen

Seit 1815 endet Sachsen gleich hinter Nieska. Seit einiger Zeit aber nicht mehr. Haben da sächsische Patrioten ihre Hand im Spiel?

Der preußisch-sächsische Grenzstein bei Nieska ist von Kölner Fußballfans beschmiert worden. Deutlich zu sehen ist, dass das Ortseingangsschild weit hinter dem Grenzstein steht. Aber wie kommt es dahin?
Der preußisch-sächsische Grenzstein bei Nieska ist von Kölner Fußballfans beschmiert worden. Deutlich zu sehen ist, dass das Ortseingangsschild weit hinter dem Grenzstein steht. Aber wie kommt es dahin? © Sebastian Schultz

Nieska. Die Rivalität zwischen Preußen und Sachsen ist uralt. Schon August der Starke versuchte, seinen nördlichen Nachbarn, den "Soldatenkönig" Friedrich I., mit den Manövern während des Zeithainer Lustlagers von 1730 zu beeindrucken. Dessen Sohn, Friedrich II., genannt "der Große", revanchierte sich später und fiel in Sachsen ein. Doch die größte Schmach aus hiesiger Sicht folgte 1815, als das einstige Königreich Sachsen mehr als die Hälfte seines Territoriums an Preußen abtreten musste.

Nun scheint es, als wolle jemand einen Teil der früheren preußischen Provinz Sachsen zurückerobern. Im sächsischen Nieska verläuft die Landesgrenze, die die Preußen vor rund 200 Jahren gezogen haben, gleich hinterm Ortsausgang Richtung Kröbeln. Doch seit einiger Zeit, so berichten mehrere Dorfbewohner, steht das Nieskaer Ortseingangsschild nicht mehr an seinem alten Platz.

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Bisher soll es vor dem preußisch-sächsischem Grenzstein an der Staatsstraße 89 gestanden haben. Doch nun befindet es sich rund 30 Meter dahinter - auf brandenburgischer Seite. Ist das Schild die neue Landesgrenze? Wenn ja, dann ist der Freistaat Sachsen jetzt um einige Tausend Quadratmeter größer als vorher. Aber wer hat veranlasst, dass das Ortseingangsschild versetzt wird?

Behörden wissen nichts davon

Im Rathaus der Stadt Gröditz, zu der Nieska gehört, weiß man darauf keine Antwort. "Wir waren es jedenfalls nicht", sagt Bürgermeister Jochen Reinicke (parteilos). Der Gröditzer Rathauschef wohnt selbst im brandenburgischen Grenzort Prösen und findet die vermeintliche Rückeroberung sächsischer Gebiete eher amüsant. Da sich das Schild an einer Staatsstraße befindet, verweist er auf das Landratsamt Meißen. Für das Aufstellen von Verkehrsschildern ist normalerweise das dortige Kreisverkehrsamt zuständig.

Aber auch in Meißen, das als die "Wiege Sachsens" gilt, ist man ahnungslos. "Seitens unserer Behörde erfolgte keine verkehrsrechtliche Anordnung", heißt es aus der Presseabteilung des Landratsamtes Meißen. "Die Straßenmeisterei Großenhain hat ebenfalls keine Veränderungen vorgenommen. Das Kreisverkehrsamt nimmt deshalb an, dass die Ortstafel bereits im Landkreis Elbe-Elster stand und der Versatz durch die dort zuständige Verkehrsbehörde erfolgte."

Das dortige Straßenverkehrsamt befindet sich in Bad Liebenwerda, also in unmittelbarer Nähe des "annektierten" Gebietes. Nur Kröbeln und Oschätzschen liegen dazwischen. In letzterem Ort weht an der Dorfkneipe neben der brandenburgischen Flagge auch die sächsische. Hier im Grenzland ist man sich der sächsischen Wurzeln durchaus bewusst. Nicht wenige Menschen wollten nach der Wende zurück in die alte Heimat Sachsen. Ein entsprechendes Bürgerbegehren Anfang der 1990er Jahre scheiterte aber.

Obwohl das Nieskaer Ortseingangsschild deutlich auf Brandenburger Seite steht und sogar die sächsische S89 hier L64 heißt, will das Straßenverkehrsamt Bad Liebenwerda mit dem Vorgang nichts zu tun haben. "Da sind die Sachsen dafür zuständig", sagt der dortige Landkreis-Sprecher Torsten Hoffgaard. Eigentlich gebe es in solchen Fällen immer einen Schriftwechsel zwischen den Landkreisen. "Das ist schon kurios", sagt er und fügt schelmisch hinzu: "Wir werden das im Auge behalten, was da auf sächsischer Seite passiert."

Sachsen kämpfte als Mitglied der deutschen Rheinbundstaaten auf der Seite Napoleons. Nach dessen Niederlage verhandelten die Siegermächte Preußen, England, Österreich und Russland auf dem Wiener Kongress 1815 u.a. auch über die Zukunft Sachsens. Wenn es nach den Preußen gegangen wäre, wäre ganz Sachsen einverleibt worden. Vor allem Österreich, aber auch England ist es zu verdanken, dass das damalige Königreich Sachsen nur 58 Prozent seines Territoriums verlor und nicht ganz von der Landkarte verschwand.

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