merken
PLUS Riesa

Riesa: Shitstorm für städtische Stellenanzeige

Die Kommune macht derzeit ein eher ungewöhnliches Jobangebot – dem eine Berufsgruppe so gar nichts abgewinnen kann. Die Stadt verteidigt ihr Vorgehen.

Dieser Twitter-Kommentar über eine Stellenausschreibung der Stadt Riesa zog viele weitere empörte Reaktionen nach sich. Die Kommune sucht derzeit nach einem "Archivar / Haushandwerker".
Dieser Twitter-Kommentar über eine Stellenausschreibung der Stadt Riesa zog viele weitere empörte Reaktionen nach sich. Die Kommune sucht derzeit nach einem "Archivar / Haushandwerker". © Foto: Eric Weser, Screenshots u. Montage: SZ

Riesa. Zurückgezogen, schweigsam, blässlich und stets verschwunden zwischen Akten, die in langen Regalreihen vor sich hin verstauben. Es gibt einige Vorurteile über Archivare, und die Wenigsten davon sind schmeichelhaft.

Im Online-Kurznachrichtendienst Twitter haben sich Berufsvertreter jetzt von einer anderen Seite gezeigt. Mit deutlichen Worten kritisierten sie dort eine Stellenanzeige der Stadt Riesa. Mit dieser sucht die Kommune noch bis Jahresende nach einem "Archivar / Haushandwerker".

Anzeige
Online Tag der offenen Tür beim DRK
Online Tag der offenen Tür beim DRK

Die Veranstaltung findet am Mittwoch, dem 20. Januar 2021, in virtuellen Räumen statt.

Zu dem Aufgabenspektrum der auf zwei Jahre befristeten Stelle zählt demnach zum Beispiel das Erfassen von Riesaer Archivgut oder die Zusammenarbeit mit hiesigen Ortschronisten und das Mitwirken an der Digitalisierung des Archivs. Aber eben auch Winterdienst, Kurieraufgaben, Grünflächenpflege oder die Unterhaltung von Dienstfahrzeugen.

"Unfassbar", "Unfug" oder "Unverschämtheit" lauten einige der Reaktionen auf diese Aufgabenkombination bei Twitter. Ein Nutzer fordert, der Stadt einen Negativpreis zu verleihen – einen "Goldenen Papierkorb" für "die größte Arroganz gegenüber dem Archivwesen". Eine andere nennt das Jobangebot "dramatisch"; es toppe "sogar die oft wirklich unterirdischen Ausschreibungen für Museumsleitungen in Sachsen."

Den Stein ins Rollen gebracht hatte Thekla Kluttig. Die 52-Jährige arbeitet als Archivarin in Leipzig und engagiert sich privat im VdA, dem Verband deutscher Archivarinnen und Archivare. "Das schlägt dem Fass den Boden aus", hatte sie am 8. Dezember bei Twitter gepostet und in ihrer Nachricht die Stellenanzeige auf der Riesaer Stadt-Website verlinkt. Binnen zwei Tagen sahen 18.000 Nutzer Kluttigs Beitrag. Neben einem Schwall an empörten Kommentaren – ein Netzphänomen, das mit dem englischen Begriff Shitstorm bezeichnet wird – folgten auch zwei kritische Beiträge auf Fachblogs über die Riesaer Stellenausschreibung.

Die große Resonanz hat Thekla Kluttig selbst überrascht. Das Echo belegt aus ihrer Sicht, dass ihr Befremden "von vielen Menschen, darunter auch Fachleuten, geteilt wird", sagt die Archivarin und Vize-Vorsitzende des sächsischen VdA-Landesverbands zur SZ.

Doch woran stoßen sich Thekla Kluttig und der VdA eigentlich? Auf Twitter wird das nur angedeutet. "Unsere Kritik richtet sich dagegen, dass für das Archiv der Stadt dezidiert fachfremdes Personal eingesetzt werden soll, obwohl das Sächsische Archivgesetz ausdrücklich die Stellenbesetzung mit Fachpersonal einfordert", erläutert die Archivarin auf SZ-Nachfrage." Aufgaben wie die Archivierung elektronischer Unterlagen und die Digitalisierung von Archivgut ließen sich aber nur von fachlich ausgebildetem Personal rechtssicher bewältigen. Aus gutem Grund: Kommunale Archive würden dafür sorgen, "dass die archivwürdige Überlieferung unserer und auch kommender Generationen rechtssicher, transparent und nachvollziehbar für die Bürgerinnen und Bürger vorgehalten wird und Nutzer darauf zurückgreifen können."

Das komplexe Aufgabenfeld werde von Verantwortlichen in der Verwaltung "leider noch zu oft verkannt", so Thekla Kluttig. Die Wertschätzung für das eigene Archiv fehle häufig – "offensichtlich auch in Riesa".

"Keine Dauerlösung"

Riesas Rathaus weist die Kritik zurück. "Im Stadtarchiv sind seit mehreren Jahren eine erfahrene Archivarin und ein weiterer Mitarbeiter tätig", sagt Sprecher Uwe Päsler. Die Aufgaben im Archiv und deren kulturelle und historische Bedeutung seien der Stadt "natürlich geläufig, auch die anstehende Veränderung im Rahmen der Digitalisierung."

Bei der Stellenausschreibung handele es sich um eine Krankheitsvertretung. Der Mitarbeiter werde unter Anleitung der Archivarin eher unterstützend tätig, die Ausschreibung sei entsprechend angelegt, erläutert der Stadtsprecher. Nach einer Recherche auf dem Arbeitsmarkt sei für die Kommune klar geworden, "dass die Erfolgsaussichten für eine Nachbesetzung der Stelle mit ausgebildeten Archivkräften für einen begrenzten Zeitraum, zudem als Teilzeitstelle, äußerst gering sind."

In diesem Gebäude an der Goethestraße ist Riesas Stadtarchiv seit 16 Jahren ansässig.
In diesem Gebäude an der Goethestraße ist Riesas Stadtarchiv seit 16 Jahren ansässig. © Eric Weser

Da gleichzeitig auch eine Teilzeitstelle im Bereich Haushandwerker wegen Krankheit unbesetzt ist, sei nach reiflicher Überlegung entschieden worden, beides gemeinsam auszuschreiben. "Als Vollzeitstelle erwarten wir mehr Bewerbungen und damit eine bessere Auswahlmöglichkeit", so Uwe Päsler. Es seien auch bereits Bewerbungen eingegangen. Eine Dauerlösung solle die Stelle nicht sein, eher kurzfristig für beide Bereiche eine Erleichterung bieten.

Bestärkt sieht man sich im Rathaus durch die Bundeskonferenz der Kommunalarchive beim Deutschen Städtetag. Diese habe ebenfalls zu dem Thema nachgefragt. Nachdem man die Umstände erläutert habe, sei von dort Zustimmung gekommen.

Stadt will Archiv besser aufstellen

Laut Stadtsprecher Päsler will die Stadt ihr Archiv mittelfristig qualitativ besser aufstellen. So gebe es Überlegungen, mittelfristig eine Ausbildung als sogenannte Fachkraft für Medien- und Informationsdienste anzubieten.

Diese Ausbildung mit der Fachrichtung Archiv ist aus Sicht von Thekla Kluttig das Minimum an fachlicher Expertise, die es in einem Stadtarchiv geben muss. Ausgebildet werden solche Fachleute in einigen Kommunen und im Sächsischen Staatsarchiv, in dem auch Kluttig arbeitet. Dass die Stadt Riesa eine Eignungsprüfung bestehen würde, um als Ausbildungsstätte für solche Fachleute durchzugehen, daran hat Thekla Kluttig allerdings Zweifel. So arbeite ihres Wissens kein ausgebildeter Archivar in Riesa, sondern jemand mit bibliothekarischer Ausbildung. Das ähnele sich nur auf den ersten Blick.

Weiterführende Artikel

Viele Bewerber für ungewöhnliche Stelle

Viele Bewerber für ungewöhnliche Stelle

Nach einem Jobangebot der Stadt Riesa unter dem Titel "Archiv/Haushandwerker" gab es Kritik. Doch begehrt ist der Posten offenbar.

Sachsens VdA-Vorstand hat laut Thekla Kluttig mit einem Schreiben an die Stadt gegen die Ausschreibung protestiert. Eine Antwort lag Stand 18. Dezember noch nicht vor. Wichtig seien ihr und dem Verband, dass der Protest sich keineswegs gegen die Arbeit und das Engagement des Personals im Riesaer Stadtarchiv richte, sagt die Archivarin.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Meißen lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Radebeul lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Riesa