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So lebt es sich am Riesaer Grube-Stadion

Aus der maroden Sportstätte ein Wohngebiet machen? Warum nicht, sagt ein Anwohner, der seit Jahrzehnten gleich nebenan zuhause ist.

Der Blick aus der Vogelperspektive zeigt das Ernst-Grube-Stadion in Riesa (l.) und die benachbarte Kolonie mit dem Pendlerparkplatz am Ende. Dahinter: der Bahnhof. Rechts, nicht mehr im Bild, verläuft die B 169 durch die Chemnitzer Hohle.
Der Blick aus der Vogelperspektive zeigt das Ernst-Grube-Stadion in Riesa (l.) und die benachbarte Kolonie mit dem Pendlerparkplatz am Ende. Dahinter: der Bahnhof. Rechts, nicht mehr im Bild, verläuft die B 169 durch die Chemnitzer Hohle. © Lutz Weidler

Riesa. Aus der Vogelperspektive wirkt das Riesaer Ernst-Grube-Stadion noch intakt. Tribüne, Tore, Kassenhäuschen: Alles erweckt den Anschein, als müssten nur Sportler und Fans herzukommen, um dem Ort Leben einzuhauchen. Wer die Perspektive wechselt und sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückkehrt, dem bietet sich ein anderes, nur allzu bekanntes Bild: Der Zahn der Zeit nagt, die traditionsreiche Sporstätte verfällt. Training und Spiele finden längst nicht mehr statt.

Was tun mit dem Areal – diese Frage steht deshalb schon länger im Raum. Viele sagen: Wie es ist, kann und sollte es nicht bleiben.

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Kürzlich war der Riesaer Stahlkünstler Lutz Peschelt mit der Idee hervorgetreten, im Stadion einen "Stahlrasen" als Attraktion zu installieren. Das Echo darauf war geteilt, es gab viele skeptische Stimmen.

Auch Detlef Keller sieht den Vorschlag kritisch. Auf dem Gelände einen Skaterpark einzurichten, dafür kann er sich schon eher erwärmen. Denn das würde seinen Enkeln gefallen. Eigentlich sei das Areal aber als Wohngegend ideal, findet der Riesaer.

Die Tribüne des Ernst-Grube-Stadions hat der Riesaer Detlef Keller von seinem heimischen Grundstück aus im Blick. Und das im Grunde schon sein ganzes Leben lang.
Die Tribüne des Ernst-Grube-Stadions hat der Riesaer Detlef Keller von seinem heimischen Grundstück aus im Blick. Und das im Grunde schon sein ganzes Leben lang. © Eric Weser

Detlef Keller, Jahrgang 1964, muss es wissen. Denn er selbst wohnt fast sein ganzes Leben gleich nebenan – in der Straße Kolonie.

"Wir sind die Alteingesessensten hier", sagt der selbstständige Handwerksmeister und etwas Stolz schwingt in seiner brummenden Stimme mit. Schon seine beiden Großelternpaare hätten in der Siedlung gelebt. "Meine Eltern haben sich quasi als Kind hier kennengelernt." Seine Mutter lebe bis heute hier. Sie, ihr Sohn und dessen Frau sowie deren zwei erwachsene Kinder samt Familien sind in einem "Viererblock" Häuser an der Ecke von Breitscheidstraße und Kolonie gemeinsam zuhause. "Das ist Mehrgenerationenwohnen", sagt Detlef Keller und lacht.

Das Gebäudequartett, in dem die Familie lebt, hatte Detlef Keller nach der Wende erworben – nicht ahnend, dass sich die Dinge Jahre später einmal so fügen würden.

Damals seien neue Eigentümer für die bis dahin zum Stahlwerk gehörenden Häuser gesucht worden. "Da hab ich gesagt, dann kauf' ich sie halt", sagt der Riesaer, der selbst im Stahlwerk gearbeitet hatte und damals Mieter in der Kolonie war. Eigentlich sei der Verkauf vom Werk an die Mieter "auf kurzem Weg" auch schon geplant gewesen. Aber dann sei das Stahlwerks-Aus dazwischen gekommen. "Und auf einmal hatte die Treuhand das Sagen." Die Anstalt habe die Gebäude aber loswerden wollen und sie der Wohnungsgesellschaft vermacht. Von der wiederum Detlef Keller sie dann kaufte.

Glücksgriff um die Jahrtausendwende

Blick von der Rudolf-Breitscheid-Straße in die Kolonie. Die Straße ist eine Sackgasse – allerdings auch die Zufahrt für einen zum Pendlerparkplatz. oberhalb des Bahnhofs
Blick von der Rudolf-Breitscheid-Straße in die Kolonie. Die Straße ist eine Sackgasse – allerdings auch die Zufahrt für einen zum Pendlerparkplatz. oberhalb des Bahnhofs © Eric Weser

Im Nachhinein hat sich der damalige Handel als goldrichtig erwiesen. Seine Kinder hätten in der schwierigen Phase um die Jahrtausendwende eine Ausbildung in der Heimat gefunden. Anders als viele, die es gen Westen zog, blieben sie. Ihre Enkel – der Älteste ist 13 Jahre, die Jüngste gerade fünf Wochen alt – haben Detlef Keller und seine Frau deshalb heute täglich auf dem großen Grundstück mit Garten um sich. Ein großes Glück.

Glück hatte nach Meinung von Detlef Keller aber auch die Gegend um die Kolonie. Bis vor gut 20 Jahren sei ja noch über die vorgelagerte Breitscheidstraße eine von Riesas Hauptverkehrsadern verlaufen. "Aber dann wurde ja unten der 'Highway' gemacht", sagt der Inhaber einer Haustechnikfirma und spielt auf die Trassierung der B 169 durch die benachbarte Chemnitzer Hohle an. In diesem Zug wurde auch die Verbindung zwischen der Innenstadt und Weida über die Breitscheidstraße für Autos gekappt. Nur Passanten und Radfahrer können seither über eine schmale Brücke vom Zentrum herüberkommen. Das hat für deutlich mehr Ruhe gesorgt. Doch wie steht es mit Lärm von der recht nahen Bundesstraße? "Da muss der Wind wirklich ungünstig stehen", sagt Detlef Keller. "Und es sind ja auch noch die Kleingärten dazwischen."

Blick vom Zaun des Grube-Stadions auf benachbarte Mehrfamilienhäuser. Freie Wohnungen gibt es dort zumindest nach Kenntnis von Anwohnern nicht.
Blick vom Zaun des Grube-Stadions auf benachbarte Mehrfamilienhäuser. Freie Wohnungen gibt es dort zumindest nach Kenntnis von Anwohnern nicht. © Eric Weser

Als Wohnumfeld kann der Unternehmer, der beruflich viel in der Region unterwegs ist und Vergleiche ziehen kann, "seine" Ecke daher nur empfehlen. Der Kindergarten sei fußläufig zu erreichen, die Schulen nicht weit, ebenso verschiedene Einkaufsmöglichkeiten. „Eigentlich bräuchte es nur noch einen Getränkestützpunkt in der Nähe, dann brauche ich kein Auto mehr“, scherzt der passionierte Motorradfahrer.

Die Nähe zum Busbahnhof und Bahnhof sei von Vorteil. Schienengeräusche? "Das sind so wenige geworden, wenn man da an früher denkt." Den Pendlerparkplatz am Ende der Kolonie, dessen Zufahrt direkt am Haus vorbeiführt, bemerke man nur morgens.

Anfragen nach freien Wohnungen

Dass es sich an der Kolonie und auch im erweiterten Umfeld – auf der anderen Seite des Grube-Stadions sozusagen – ganz gut lebt, das hat sich aus Sicht von Detlef Keller längst herumgesprochen. Immer wieder werde er gefragt, ob denn in der Gegend eine Wohnung frei sei. Doch soweit er wisse, seien alle bewohnt.

Für Detlef Keller ist die Sache daher klar: "Das Grube-Stadion als Wohngegend – was spricht da dagegen?" Zumal ja immer die Rede von Zersiedlung sei, die vermieden werden soll. Er könne deshalb auch nicht verstehen, warum teilweise in Randlagen immer wieder neue Baugebiete geschaffen würden.

Kein vergessener, aber ein verfallender Ort: das Ernst-Grube-Stadion. Viele, die es noch aus seinen glorreichen Zeiten kennen, bekümmert der Zustand der Sportstätte.
Kein vergessener, aber ein verfallender Ort: das Ernst-Grube-Stadion. Viele, die es noch aus seinen glorreichen Zeiten kennen, bekümmert der Zustand der Sportstätte. © Eric Weser

Was das Grube-Stadion als Sportstätte angeht, hegt Detlef Keller im Gegensatz zu vielen anderen keine großen nostalgischen Gefühle. Von denen könne man sich schließlich auch nichts kaufen, wie er sagt. Vielleicht ist der Riesaer auch deswegen recht nüchtern, weil er einerseits nie großer Fußballfan war. Und weil er selbst früher beim Bahnradsport und Feldhockey in Sportstätten aktiv gewesen ist, die es heute so nicht mehr gibt.

"Klar, viele hängen dran", sagt der Kolonie-Anwohner beim Blick auf die Stadion-Tribüne, die rund 150 Meter Luftlinie von seinem Wohnhaus entfernt liegt. Und natürlich verbinde auch er einige Erinnerungen mit der Sportstätte. Wie damals die Leute auf den Dächern der Nachbarhäuser saßen, um die Oberligaspiele zu sehen. Wie es zu regelrechten Treibjagden zwischen Fans von Stahl Riesa und gegnerischen Mannschaften auf der Straße gekommen sei. "Das hat einen schon geprägt." Aber es sei eben auch "einfach Geschichte" und die Chance vertan worden, den Bau zu retten.

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