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Was machen die Leute da am Straßenrand?

600 Menschen zählen derzeit in Sachsen den Verkehr. Sächsische.de war in Zeithain dabei.

Drei Stunden lang Konzentration: Verkehrszähler sind an der B 169 bei Zeithain im Einsatz. Jeder von ihnen überwacht eine Fahrspur.
Drei Stunden lang Konzentration: Verkehrszähler sind an der B 169 bei Zeithain im Einsatz. Jeder von ihnen überwacht eine Fahrspur. © Sebastian Schultz

Zeithain. Richtiges Gartenwetter: 17 Grad, Sonnenschein. Es könnte nicht besser sein. Allerdings sitzen die drei Rentner und die Zeitarbeiterin gerade nicht auf ihrer Terrasse, sondern schauen direkt auf eine Bundesstraße. Konzentriert. In den nächsten drei Stunden werden sie kaum ein Wort miteinander wechseln. Denn nun gilt hier, an der B 169 zwischen Riesaer Elbbrücke und B-98-Abzweig, eine strenge Regel: ein Fahrzeug - ein Strich.

Klingt simpel? Ist aber etwas komplizierter: Jeder der vier hat nun ein Klemmbrett vor sich und ein Tabellenformular zum Ausfüllen. Fahrräder haben eine eigene Spalte. Auch wenn die hier auf der mit Leitplanken eingefassten Straße wohl kaum vorbeikommen. Aber da gibt es auch noch Zeilen für Motorräder, für Pkw, für Kleintransporter, für Lastwagen über 3,5 Tonnen, für Busse, für Lastzüge.

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Also: Konzentration! Jeder Strich muss an die richtige Stelle. Schließlich wollen Bund und Freistaat ganz genau wissen, was für Verkehr über die Straßen fließt. Und deshalb sind in den kommenden Monaten nun an Hunderten Stellen im Freistaat Helfer in Warnwesten am Straßenrand im Einsatz. Gezählt wird an Autobahnen, an Bundesstraßen, an Staatsstraßen. Exakt 1.585 Zählstellen hat das Landesamt für Straßenbau und Verkehr (Lasuv) in seiner Kartei. Manch Landkreis lässt parallel auch noch den Verkehr auf den Landstraßen ermitteln.

Fahrräder, Motorräder, Pkw, Busse, Lkw - jedes Fahrzeug hat eine eigene Spalte.
Fahrräder, Motorräder, Pkw, Busse, Lkw - jedes Fahrzeug hat eine eigene Spalte. © Sebastian Schultz

Insgesamt wurden 600 Menschen über Personalvermittler engagiert, meist Rentner oder Studenten. Während an ruhigen Landstraßen ein Helfer pro Zählstelle ausreicht, sind es hier an der B 169 gleich vier auf einmal: eine Fahrspur, ein Augenpaar. "Anders ist das gar nicht zu schaffen", sagt Birgit Uhlig. Die Verkehrsplanerin von der Dresdner Firma PTV Transport Consult hat die manuelle Straßenverkehrszählung im Auftrag des Freistaats mit vorbereitet - 2010 schon, 2015 wieder und nun zum dritten Mal. "Die Stelle hier in Zeithain gehört zu den am meisten belasteten Zählstellen", sagt die Ingenieurin.

Beim letzten Mal wurden an dieser Stelle ein Wert von 20.100 Fahrzeugen pro Tag ermittelt. Und auch jetzt rauschen pausenlos die Autos vorbei: Pkw mit RIE, MEI und GRH auf dem Nummernschild. Kleintransporter mit Handwerker-Werbung, Pritschenwagen mit Miet-WCs drauf - und immer wieder Lastzüge. Sie haben Rostocker Kennzeichen, Görlitzer Kennzeichen, litauische Kennzeichen. Die Riesaer Elbbrücke ist das Nadelöhr in der Region - wer zwischen A 14 und A 13 abkürzen will, kommt hier durch. Danach, das zeigen die Zahlen der vergangenen Zählungen deutlich, verteilt sich der Verkehr auf B 169 und B 98, weiter Richtung Autobahn.

Auch dort wird in den nächsten Wochen und Monaten gezählt werden, nach einem detaillierten Einsatzplan, den man bei PTV ausgearbeitet hat. "Dabei müssen wir eine ganze Liste an Kriterien beachten, damit die Zahlen bundesweit einheitlich zustande kommen", sagt Birgit Uhlig. In einer 50-seitigen Handreichung des Bundesverkehrsministeriums sind die Werktage vorgegeben, die Uhrzeiten, Ferientermine sind genauso zu beachten wie Baustellen oder Umleitungen - nichts darf die Zahlen verfälschen.

Verkehrsplanerin Birgit Uhlig (Mitte) gibt letzte Einweisungen vor dem Start.
Verkehrsplanerin Birgit Uhlig (Mitte) gibt letzte Einweisungen vor dem Start. © Sebastian Schultz

Und deshalb hat das Quartett am Straßenrand auch Glück, dass an diesem Mittwoch 17 Grad und Sonnenschein herrschen: Wäre nochmal Schneeregen und Frost, müssten sie trotzdem drei Stunden lang am Straßenrand stehen. "Hart ist es auch im Sommer bei 30 Grad - denn nicht überall gibt es Bäume, die Schatten spenden", sagt die Verkehrsplanerin. Aussuchen können sich die Männer und Frauen ihren Standort nicht: Der wurde zuvor durch ein gelbes Kreuz samt dem Kürzel SVZ für Straßenverkehrszählung auf der Fahrbahn markiert.

Von 15 bis 18 Uhr sind nun auch Kaffeetrinken und Toilettenpausen tabu. Erfahrene Verkehrszähler erledigen alles vorher und bringen nur eine Wasserflasche und vielleicht noch einen Klapphocker mit.

Solche gelben Kreuze sind derzeit an vielen Stellen zu finden: als Markierung für die Straßenverkehrszählung.
Solche gelben Kreuze sind derzeit an vielen Stellen zu finden: als Markierung für die Straßenverkehrszählung. © Sebastian Schultz

Und natürlich eine Warnweste: Die Zähler befinden sich dicht am Fahrbahnrand, mitunter fliegen dann schon die Haare im Zugwind der Lkw. Dazu das ständige Rauschen der vorbeifahrenden Lkw. Muss man das wirklich Mitarbeitern zumuten? Könnten das nicht auch Lichtschranken und Zählautomaten erledigen?

Der Stand der Technik gäbe es her, sagt Birgit Uhlig. Es gibt Sensoren, die Busse von Lkws und Pkw von Kleintransportern unterscheiden können. Aber ob jemals genug zertifizierte Geräte vorhanden sind, um bundesweit aberhunderte Zählstellen gleichzeitig abzudecken? "Bund und Länder haben sich jedenfalls darauf verständigt, dass die Verkehrszählung auch dieses Mal noch manuell stattfindet." Tatsächlich fänden sich genug Freiwillige - mancher würde sich nach dem Abschluss der Zählung gleich wieder für das nächste Mal, fünf Jahre später, anmelden wollen.

Auch zwei der Rentner in Zeithain waren schon mal dabei. "Ich stand das letzte Mal an der B 98 in Schönfeld und Thiendorf", erzählt eine Großenhainerin. Eine andere hat an eher einsamen Landstraßen gezählt. Die Autofahrer würden freundlich reagieren, manch Lkw-Fahrer hupen und winken. Und alle würden auf das vorgeschriebene Tempo 70 abbremsen, wenn sie die Leute am Straßenrand entdecken. "Das macht das Zählen leichter", sagt ein Riesaer Rentner, der sich mit seinen 69 Jahren was dazu verdient.

Mit den Daten lässt sich auf Karten darstellen, wie stark welche Routen belastet sind. In der Mitte: die Riesaer Elbbrücke.
Mit den Daten lässt sich auf Karten darstellen, wie stark welche Routen belastet sind. In der Mitte: die Riesaer Elbbrücke. © Sebastian Schultz

Diese Woche ist er fast jeden Tag dran, im Mai sind es dann nur eine Handvoll Einsätze für ihn. Zu hoffen ist, dass das Wetter dann ebenso freundlich ist wie an diesem Mittwoch. Grund zum Abbruch wäre jedenfalls nur ein Stau auf der Strecke oder ein Unfall - dann müsste die Zählung an einem anderen Tag wiederholt werden.

An den Zahlen jedenfalls darf nichts zu rütteln sein: Hochgerechnet von einem Statistikbüro werden sie später die Grundlage für den Bau von Ortsumfahrungen oder Lärmschutzwänden sein. So wurde auch die B-98-Ortsumfahrung von Großenhain auf Grundlage der Verkehrszählungs-Daten gebaut.

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