SZ + Riesa
Merken

"Meine Patienten werden mir fehlen"

Die Hausärztin Cornelia Jahn aus Stauchitz geht Ende März in den Ruhestand. Hunderte Patienten stehen dann ohne Arzt da. Denn es findet sich kein Nachfolger.

Von Jürgen Müller
 6 Min.
Teilen
Folgen
Die Stauchitzer Allgemeinärztin Cornelia Jahn geht Ende März in den Ruhestand. Trotz intensiver Suche hat sie bisher keinen Nachfolger gefunden.
Die Stauchitzer Allgemeinärztin Cornelia Jahn geht Ende März in den Ruhestand. Trotz intensiver Suche hat sie bisher keinen Nachfolger gefunden. © Sebastian Schultz

Stauchitz. Helmut Richter hat eine große Sorge. Doch damit ist er nicht allein. "Wenn unsere Hausärztin demnächst ihre Praxis schließt, haben wir ein Riesenproblem. Alle Versuche, einen neuen Hausarzt zu finden, auch in Riesa, waren erfolglos. Meine Frau ist Diabetikerin, braucht regelmäßig Insulin. Wo sollen wir künftig die Rezepte herbekommen?", fragt er. Auch die andere Allgemeinmedizinerin in der Gemeinde sei so ausgelastet, dass sie kaum neue Patienten annehmen könne.

Das Problem beschäftigt die Diplom-Medizinerin Cornelia Jahn seit Jahren. "Schon 2017 wollte ich aus gesundheitlichen Gründen kürzertreten, wollte einen Kollegen oder eine Kollegin einstellen. Doch es fand sich damals schon niemand", sagt die 61-Jährige. Fast 30 Jahre lang war sie Hausärztin in Stauchitz. "Ich hatte das Glück, nach meinem Medizinstudium in meine Heimat zurückkehren zu können", so die gebürtige Riesaerin. Im dortigen Krankenhaus und mehreren Riesaer Arztpraxen absolvierte sie ihre Facharztausbildung, bevor sie sich 1992 in Stauchitz als Allgemeinmedizinerin selbstständig machte. "Das war mein Traumberuf, ich bin mit viel Enthusiasmus herangegangen. Dabei musste ich bei null anfangen, hatte aber schnell 900 Patienten im Programm", sagt sie. Heute sind rund 7.000 Patienten in der Kartei, pro Quartal kommen etwa 1.200 zur Sprechstunde.

Seit vielen Jahren ein eingespieltes Team: Hausärztin Cornelia Jahn mit ihren Arzthelferinnen Jeanette Hoffmann und Margit Triems.
Seit vielen Jahren ein eingespieltes Team: Hausärztin Cornelia Jahn mit ihren Arzthelferinnen Jeanette Hoffmann und Margit Triems. © Sebastian Schultz

"Von vielen Familien habe ich vier, fünf Generationen behandelt. Das ist schön, man kennt viele Lebensgeschichten. Andererseits schlaucht die Arbeit schon, zumal immer mehr Bürokratie dazukommt, die immer neuen Regelungen einen fast erschlagen", so die Stauchitzerin.

Jetzt kommt die elektronische Patientenakte, der elektronische Krankenschein, das elektronische Rezept. "Ich wollte nicht noch einmal von vorn anfangen, alles nochmal umstellen. Nach einem Zehn- bis Zwölf-Stunden-Arbeitstag ist es auch mal genug", so die Ärztin. Deshalb und aus gesundheitlichen Gründen entschloss sie sich im Sommer vorigen Jahres, in den Ruhestand zu gehen und einen Nachfolger zu suchen.

Kein Interesse an ländlichen Praxen

Doch das erwies sich als schwierig. Sämtliche Ausschreibungen blieben letztlich erfolglos. Eine Ärztin zeigte zwar Interesse. Als sie dann aber auf der Karte sah, wo Stauchitz liegt, sagte sie ab. "Viele junge Leute wollen sich lieber anstellen lassen, scheuen das Risiko und die Verantwortung von Selbstständigkeit", sagt Cornelia Jahn. Dabei könnte in Stauchitz eine komplett eingerichtete Praxis mit Ultraschallgerät und Möglichkeit zur Lungenfunktionsprüfung mitsamt eines großen Patientenstammes übernommen werden.

Auch mit medizinischen Zentren in Riesa und Döbeln hat Cornelia Jahn Kontakte aufgenommen. Alles ohne Erfolg. "Mein Eindruck ist, dass an ländlichen Praxen kein Interesse besteht", so die Diplom-Medizinerin.

Das sieht auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen so. "Wir sehen für die Zukunft einige Probleme in der Nachbesetzung von Arztstellen, vorwiegend in den ländlichen Regionen. Viele junge Medizinstudenten sehen eine Praxis in einer ländlichen Gemeinde als nicht attraktiv an. Begründet wird dies damit, dass auf dem Land Infrastrukturen für junge Familien vorhanden sein müssen, wie Grund- und weiterführende Oberschulen und Gymnasien, kulturelle Möglichkeiten und gegebenenfalls die beruflichen Perspektiven für das familiäre Umfeld", so Andre Reiche, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit.

Doch gerade in Stauchitz bestehe doch eine intakte Infrastruktur, sagt Cornelia Jahn. "Wir haben Grundschule, Mittelschule, Kindertagesstätte, Hort, Physiotherapie am Ort, verfügen über Bus- und Bahnanbindung und haben gute Einkaufsmöglichkeiten. Aus meiner Sicht ist das Leben für eine junge Familie auf dem Lande so lebenswerter als in einer Großstadt", so die Ärztin.

"Für Stauchitz derzeit keine Lösung"

Wie die KV Sachsen weiter mitteilt, verfüge sie über eine Praxis- und Stellenbörse, in der Ärzte, die ihre Praxis abgeben wollen, inserieren könnten. Die Plattform werde von jungen Ärzten gern genutzt. Darüber hinaus werde die KV bei der Nachfolgersuche vermittelnd tätig, wenn junge Ärzte Interesse an einer Niederlassung hätten. "Wir haben jedoch nur dann Möglichkeiten, Interessenten zu vermitteln, wenn sich diese mit uns in Verbindung setzen und ihre Absichten für eine Niederlassung oder auch Anstellung in der vertragsärztlichen Versorgung kundtun", so Reiche. Für Stauchitz gebe es derzeit noch keine Lösung.

Doch was können nun Patienten tun, die keinen neuen Hausarzt finden, aber dringend auf Medikamente angewiesen sind? Für diese gäbe es die Möglichkeit, die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen unter der Nummer 116 117 zu nutzen, sofern die Patienten keinen Termin bei einem Hausarzt erhalten, so Reiche. Neben der Vermittlung eines Hausarzttermins unterstütze die Terminservicestelle die Patienten auch bei der Suche nach einem dauerhaften Hausarzt. Patienten, die einen neuen Arzt suchten, könnten sich auch direkt über die Arztsuche der KV Sachsen unter https://asu.kvs-sachsen.de/arztsuche/ einen Überblick verschaffen.

Fällt die Stauchitzer Stelle eines Tages weg, wenn es nicht gelingt, einen Nachfolger zu finden? Dies sei eher unwahrscheinlich, so die KV. Gäbe es keinen Nachfolger für die Praxis, gehe der Vertragsarztsitz wieder in die Bedarfsplanung ein. Stauchitz werde im Rahmen der hausärztlichen Versorgung dem Planungsbereich Riesa zugeordnet. Dieser weise bei den Hausärzten einen Versorgungsgrad von 86,9 Prozent auf. Das bedeute, der Planungsbereich sei für elf Stellen partiell geöffnet. "Es könnten somit elf hausärztliche Zulassungen vergeben werden, bevor der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen Zulassungsbeschränkungen für diesen Planungsbereich anordnen würde", so Andre Reiche.

Zudem sei der Planungsbereich Riesa für die Hausärzte von drohender Unterversorgung betroffen. Es stünden Fördermöglichkeiten in Höhe von 60.000 Euro für eine Praxisneugründung oder eine Praxisübernahme zur Verfügung. "Doch leider gibt es trotz dieser Fördermöglichkeit keine Interessenten für eine Niederlassung", so der Pressesprecher der KV.

Cornelia Jahn will die Hoffnung nicht aufgeben und weitersuchen. "Vor allem für alte Leute und Hausbesuchspatienten ist die Praxisschließung eine Katastrophe", sagt sie. Und fürchtet, dass alles noch schlimmer wird. Mehrere Ärzte in der Region hätten die 60 überschritten, stünden früher oder später wie sie vor dem Ruhestand. Erst im vergangenen Jahr hätten in Riesa drei Ärzte aufgehört, ohne dass Ersatz gefunden worden sei.

Warten auf ein kleines Wunder

Für Cornelia Jahn wird es einen Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge geben. Einerseits freut sie sich auf den Ruhestand, möchte mit ihrem Mann endlich mehr Zeit verbringen, Hobbys wie Garten, Musik, Kochen und Backen mehr frönen, als es jetzt möglich war. "Andererseits habe ich den Beruf immer gern gemacht, würde immer wieder Ärztin werden wollen. Meine Patienten werden mir fehlen", sagt sie.

Und sie wird den Patienten fehlen, Helmut Richter und all den anderen. "Selbst wenn wir in Riesa einen Arzt finden sollten: Wir sind beide über 80 Jahre alt. Wie sollen wir da hinkommen?", so der Rentner. Er bleibt wie alle anderen ratlos zurück, falls nicht doch noch ein kleines Wunder geschieht.