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An ihm hängt alles

In wochenlanger Arbeit wird der wichtigste Kran des Riesaer Stahlwerks getauscht. Ohne das Gerät geht nichts.

Der neue Chargierkran im Stahlwerk Riesa kann 150 Tonnen heben. Er löst einen Vorgänger von 1974 ab. Diese Woche soll das neue Gerät in Betrieb gehen – erst dann kann das Stahlwerk wieder produzieren.
Der neue Chargierkran im Stahlwerk Riesa kann 150 Tonnen heben. Er löst einen Vorgänger von 1974 ab. Diese Woche soll das neue Gerät in Betrieb gehen – erst dann kann das Stahlwerk wieder produzieren. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Bekommt Riesa ein neues Wahrzeichen? Das mag sich mancher gefragt haben, als kurz vor Weihnachten über den Werkhallen des Feralpi-Stahlwerks ein turmhoher Kran aufgebaut wurde. Schon weit her war die Gitterkonstruktion sichtbar, die sich in den Himmel über Gröba reckte.

Den Aufbau haben viele Riesaer bemerkt: "Ich wurde auch privat mehrfach drauf angesprochen", sagt Jan Karl, Direktor Produktion und Instandhaltung bei Elbe Stahl Feralpi (ESF). Und dann musste sich der Ingenieur auch noch fragen lassen, ob der Kran überhaupt arbeitet: Denn zu sehen war von seiner Arbeit von außen so gut wie nichts. "Er schien förmlich stillzustehen – aber nur, weil alles innerhalb der Halle stattfand“, sagt der Instandhaltungschef.

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Mit der Hilfe des auf dem Freigelände installierten Autokrans wurde über die Feiertage im Riesaer Stahlwerk ein Generationswechsel vollzogen. Dort war bislang unter der unscheinbaren Bezeichnung "Kran 14" ein echtes Relikt aus dem VEB Rohrkombinat Stahl- und Walzwerk Riesa im Einsatz: der Chargierkran, der in Einheiten zu 33 Tonnen den Schrott in den Schmelzofen hebt. Ohne ihn geht gar nichts im Stahlwerk.

Gebaut 1974 vom Schwermaschinenbau-Kombinat „Ernst Thälmann“ (SKET) Magdeburg hatte der Kran rund um die Uhr in Riesa Dienst getan. "Das war vor der Wende einer von damals zwei Chargierkränen für die Siemens-Martin-Öfen", sagt Feralpi-Werkleiter Christian Dohr. Möglich war das nur durch gute Pflege und regelmäßige Überholungen. Nach fast 40 Jahren aber waren die Risse in der Brücke, an denen der Kran unter der Hallendecke entlang läuft, zu groß geworden, ebenso der Aufwand für die jährliche Reparatur.

Deshalb entschied Feralpi, zwei Millionen Euro in den Ersatz des zentralen Krans zu investieren. Und der Umbau in den vergangenen Wochen hatte es in sich. Allein der Aufbau des von weitem sichtbaren Montagekrans nahm eine Woche in Anspruch. Gleichzeitig musste das Dach der Werkhalle geöffnet werden, damit er von oben durch die Decke arbeiten konnte.

Bei zwölf Metern pro Sekunde ist Schluss

Möglich war das nur, wenn es nicht zu windig wurde: Ab einer Windgeschwindigkeit von zwölf Metern pro Sekunde war Schluss. „Wir hatten deshalb einen Tag Zwangspause“, sagt Jan Karl. Dabei hatte es zuvor noch auf der Kippe gestanden, ob der seltene übergroße Autokran überhaupt nach Riesa kommen könnte: Denn eigentlich hatte das Gerät der Firma Maxikraft schon wieder nach Süddeutschland gehen sollen. Der Umzug konnte aber mit aufwendigen Planungen verschoben werden. Allein das Zubehör des Autokrans – Kabine, Gewichte, sonstige Bauteile – kam mit mehreren Lkw-Ladungen auf dem Gröbaer Stahlwerksgelände an.

Der eigentliche Einbau des neuen Chargierkrans, der jetzt vom renommierten Hersteller Kranbau Köthen kommt, ging dann planmäßig vonstatten. Zuletzt stand aber noch seine Inbetriebnahme aus: Spezialisten einer Fremdfirma übernehmen es, Sensorik, Motor, Schalter anzupassen und auch eine Fernsteuerung der Anlage zu installieren.

Zeitweise eine Riesaer Attraktion: Der Autokran auf dem Feralpi-Werksgelände wurde vor Weihnachten 2020 aufgebaut und ist mittlerweile schon wieder weg.
Zeitweise eine Riesaer Attraktion: Der Autokran auf dem Feralpi-Werksgelände wurde vor Weihnachten 2020 aufgebaut und ist mittlerweile schon wieder weg. © Sebastian Schultz
Kran 14 - so der prosaische Titel der für zwei Millionen Euro installierten Technik.
Kran 14 - so der prosaische Titel der für zwei Millionen Euro installierten Technik. © Klaus-Dieter Brühl
Der Elektroofen wird normalerweise rund um die Uhr mit Schrott beschickt. Alle zwei Wochen wird er per Kran gegen ein zweites Exemplar ausgetauscht.
Der Elektroofen wird normalerweise rund um die Uhr mit Schrott beschickt. Alle zwei Wochen wird er per Kran gegen ein zweites Exemplar ausgetauscht. © Klaus-Dieter Brühl

Letzter wichtiger Termin war die Abnahme durch den Tüv: Der Sachverständige war schon am Freitag da, um Unterlagen in Augenschein zu nehmen und sollte diese Woche dann die eigentliche Lastprobe der neuen Technik übernehmen.

Klingt banal. Ist es aber nicht bei einem Gerät, das im Normalbetrieb 125 Tonnen heben darf und als sogenannte Sonderlast auch mal 150 Tonnen. Das ist im Feralpi-Stahlwerk alle zwei Wochen fällig. Denn in diesem Rhythmus werden in Riesa die beiden Öfen miteinander ausgetauscht und deshalb komplett zur Seite gehoben. Und wie es die deutschen Vorschriften wollen, muss der Tüv prüfen, ob auch eine Sicherheitsreserve vorhanden ist. "Dafür werden 25 Prozent extra aufgeladen", erklärt Instandhaltungs-Chef Jan Karl. "Es war gar nicht so einfach, die dafür nötigen tonnenschweren Gewichte zu organisieren."

120 Kräne insgesamt im Einsatz

Im Regelbetrieb hat es "Kran 14" übrigens leichter: Dann belädt er den sogenannten 100-Tonnen-Ofen in drei Chargen mit je 33 Tonnen Schrott. Bevor das neue Modell das übernehmen darf, ist allerdings noch eine statische Prüfung fällig: Wie weit biegen sich bei Maximalbelastung die stählernen Brücken durch, will der Sachverständige millimetergenau nachmessen.

Und wie lange soll die Neuanschaffung von Kranbau Köthen halten? Wieder 36 Jahre? „Hoffentlich ewig“, sagt Jan Karl. Mindestens bis zu seiner Rente auf jeden Fall. „So eine Nutzungsdauer wird in Jahrzehnten gerechnet, nicht in Jahren.“ Der neue Kran mache jedenfalls einen "ziemlich ordentlichen" Eindruck, sagt er offenkundig stolz. Er weist aber darauf hin, dass Feralpi auch Krane anderer namhafter Hersteller in Nutzung hat, von Brunnhuber aus Augsburg etwa. Insgesamt zählt man im Riesaer Stahlwerk etwa 120 Kräne, von denen der neue allerdings der mit Abstand größte ist.

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Zu heben gibt es zum Glück einiges: 2020 lag die Produktion im Stahlwerk bei 920.000 Tonnen Stahl, sagt Werkleiter Christian Dohr. 850.000 davon werden im Walzwerk nebenan weiter verarbeitet; der Rest wird als sogenannte Knüppel verkauft. Der weithin sichtbare Autokran ist längst wieder weg. Aber Feralpi mit seinen rund 700 Mitarbeitern sorgt dafür, dass Stahl auch weiterhin zum Stadtbild von Riesa dazu gehört.

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